Blickpunkt Olympia: Die Sportmacht China

Blickpunkt Olympia: Die Sportmacht China

Düsseldorf (RP). Die Gastgeber der Sommerspiele 2008 hatten ein ehrgeiziges Ziel - "Projekt 119". Damit war die Zahl der angestrebten Goldmedaillen gemeint. Sie haben sich wieder nach unten korrigiert.

Zhang Yingying setzte die erste bemerkenswerte Marke des jungen Olympiajahrs. Einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag. Die Chinesin gewann am 5. Januar den Marathon im südostchinesischen Xiamen. 2:22:38 Stunden brauchte sie für die klassische 42,195-km-Distanz.

2007 rannten nur drei Läuferinnen schneller als der schmale, aber pausbäckige Teenager. Dabei erreichen Langstreckenläuferinnen ihren Leistungshöhepunkt doch üblicherweise erst nach dem 30. Geburtstag.

Zhang Yingying - ein neues Wunderkind? Ein Produkt chinesischen Drills mit all seinen Mitteln und Methoden? Der verblüffende Lauf erinnert an ein finsteres Kapitel in der Geschichte des chinesischen Aufstiegs zu einer Weltmacht des Sports. 1993 eroberte "Mas Armee" die Leichtathletik-Weltmeisterschaften im Stuttgarter Neckarstadion.

Die Wurzel des Raupenpilzes, Schildkrötenblut und tägliche Marathonläufe in der Höhe nannte Trainer Ma Junren als Erklärungen für das angebliche Laufwunder. Seine Athletinnen beherrschten die Rennen über 1500, 3000 und 10.000 Meter. Wie Roboter drehten sie ihren Runden. Yunxia Qu und Junxia Wang stehen mit ihren in Peking - kurz nach der schwäbischen WM - erzielten Zeiten bis heute in den Weltrekordlisten auf diesen drei Strecken.

Doping-Eklat in Perth

Am 8. August 2007, also genau ein Jahr vor der Eröffnungsfeier in Peking, reduzierte Cui Dalin, der Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees, die Erwartungen in der Öffentlichkeit. Der Anspruch sei zu hoch gewesen. Das Land sei noch keine sportliche Weltmacht. Das "Projekt 119" nannte er einen Flop.

Trotz dieses Rückschlags: Chinas Aufstieg verläuft rasant, befeuert durch nationalistischen Geist und vom Gedanken, mit sportlichem Erfolg weltweit an Gewicht zu gewinnen. Das Milliardenvolk liefert Talente, die in eine planwirtschaftliche Maschinerie gelangen. Kinder werden wie einst in der DDR vermessen und anhand der Ergebnisse für Disziplinen ausgewählt.

Ein Netz von rund 3000 Sportschulen verteilt sich über das Land. Berichte über Menschen verachtende Trainingsmethoden dringen regelmäßig in die westliche Welt. Das Resultat: Mit der Ausbeute von 32 Goldmedaillen lag China bei den Olympischen Spielen von Athen 2004 erstmals auf Rang zwei des Medaillenspiegels.

Dabei hatte es von der Gründung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Jahr 1894 bis zur ersten Goldmedaille für China neun Jahrzehnte gedauert. Der Pistolenschütze Xu Haifeng eröffnete die XXIII. Spiele 1984 in Los Angeles mit dem Olympiasieg. Zum ersten Mal startete China 1932 bei Olympia, ebenfalls in Los Angeles.

Da das IOC nach dem Zweiten Weltkrieg aber zunächst Taiwan als rechtmäßigen Vertreter Chinas akzeptierte, vergingen Jahrzehnte, bis sich die Volksrepublik China 1980 in Lake Placid wieder beteiligte - um nur wenige Monate später die Sommerspiele in Moskau wegen des Einmarschs der Sowjetunion in Afghanistan aber gleich wieder zu boykottieren.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ein Jahr vor Olympia: Impressionen aus Peking

(RP)
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