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Coronavirus: Michael Groß fordert Verschiebung der Olympischen Spiele 2020

Michael Groß appelliert an IOC-Präsident Bach : „Thomas kann dafür sorgen, dass Athleten ihre Träume weiterleben können“

Schwimm-Olympiasieger Michael Groß hat sich in einem offenen Brief an IOC-Präsident Thomas Bach gewendet und aufgrund der Corona-Pandemie eindringlich die Verschiebung der Sommerspiele in Tokio gefordert. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt er, warum.

Als der Schwede Pär Arvidsson 1980 in Moskau in 54,92 Sekunden über 100 Meter Schmetterling Olympiasieger wurde, schwamm der 16-jährige Michael Groß sie in 54,69 Sekunden, also gut zwei Zehntel schneller - in Toronto. Denn das Nationale Olympische Komitee der Bundesrepublik Deutschland hatte wie 41 weitere Länder die Olympischen Spiele boykottiert, nachdem sowjetische Truppen 1979 nach Afghanistan einmarschiert waren. Für die deutschen Athleten platzte der Traum von Olympia.

Auch deswegen hat sich Groß, der schließlich bei den Spielen 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul dreimal Gold gewann und sich aufgrund seiner immensen Arm-Spannweite den Spitznamen „Albatros“ verdiente, in einem flammenden Appell an seinen ehemaligen deutschen Mannschafts-Kollegen und IOC-Präsidenten Thomas Bach gewandt und ihn aufgefordert, die für Juli geplanten Spiele in Tokio wegen des Coronavirus abzusagen. Bach war 1976 mit der Mannschaft Olympiasieger im Florettfechten geworden, war damals Aktiven-Sprecher und versuchte sogar, Bundeskanzler Helmut Schmidt zu überreden, auf den Boykott zu verzichten – ohne Erfolg. Vor wenigen Jahren sagte er über das deutsche Fernbleiben: „Es brennt noch heute“.

Im Interview mit unserer Redaktion erklärt Groß, wie es zu dem offenen Brief an Bach kam und was er von der Reaktion von Fechter Max Hartung hält.

Was hat Sie dazu bewogen, einen offenen Brief an Thomas Bach zu richten?

Michael Groß Das war spontan, ich habe mich in die Athleten von heute versetzt, wie die sich fühlen. Wir haben die Erfahrung gesammelt 1980 mit dem Boykott, dass Träume platzen. Thomas kann heute dafür sorgen, dass die Athleten ihre Träume weiterleben können durch eine Verschiebung.

Sie konnten wegen des Olympia-Boykotts nicht an den Sommerspielen 1980 in Moskau teilnehmen. Setzen Sie sich deshalb jetzt für die Athleten ein?

Groß Ja, weil Olympia ein tolles, einmaliges Erlebnis ist. Dieser Lohn für den jahrelangen Einsatz mit unbeschwerten und fröhlichen Spielen kann es 2020 nicht geben. Und wir dürfen nicht vergessen: Der globale Kampf gegen das Virus beginnt ja gerade erst, wie jeder von uns spürt.

Warum wäre eine Durchführung der Olympischen Spiele unter diesen Vorzeichen Ihrer Meinung nach unfair?

Groß Viele Athleten können nicht oder schlecht trainieren, Qualifikationen können in vielen Sportarten nicht stattfinden, das globale Anti-Doping-System steht still, usw. JETZT die Spiele zu verschieben, würde ALLEN den Druck nehmen.


Warum, glauben Sie, zögert Thomas Bach so lange?

Groß Keine Ahnung. Ich hoffe, für ihn und Olympia, dass das Zeitfenster nicht verpasst wird, selbst die Entscheidungen treffen zu können. Das Fenster schließt sich mit jeder Stunde ein bisschen mehr.

Ist es sinnvoll, dass ein Athlet wie Max Hartung seine Teilnahme an Olympia zum geplanten Zeitpunkt ablehnt und so Druck auf das IOC aufbaut?

Groß Ja. Heute haben die Athleten mehr Macht. Wir konnten 1980 letztlich nur zuschauen und abhaken.