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Nada-Vorsitzende Andrea Gotzmann spricht im Interview über den Wettlauf mit Betrügern

Nada-Vorsitzende Andrea Gotzmann im Interview : „Es besteht ein hohes Risiko, mit Doping aufzufallen“

Andrea Gotzmann, Vorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), spricht über den Wettlauf mit Betrügern und über Ehrlichkeit im Sport.

51 Auszubildende der AOK haben ein Jahr lang am RP-Projekt „News to Use“ teilgenommen. Beim Abschlussevent sprachen Natalie Klug, Melissa Wettstädt und Fabienne Fresneda Ruiz mit Andrea Gotzmann, 61, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Anti-Doping-Agentur (Nada) und Ex-Baskteballspielerin über die Tücken im Sportsystem.

Frau Gotzmann, wie sinnvoll ist Ihre Arbeit bei der NADA eigentlich, wenn doch trotz aller Bemühungen weiterhin schamlos im Spitzensport gedopt wird?

Andrea Gotzmann Wir werden sicher beim Thema Doping den Kopf nicht in den Sand stecken. Das ist nicht meine Art, und das erwarten auch die sauberen Athleten, mit denen wir eng zusammenarbeiten, von uns. Jeder neue Dopingskandal ist ein Weckruf für den Sport und liefert Informationen über Vorgehensweisen und Techniken der Betrüger. Mit diesem Wissen können wir unsere Arbeit zukünftig noch besser und effektiver machen.

Muss man davon ausgehen, dass mittlerweile weitreichende Netzwerke von Dopingärzten existieren?

Gotzmann Die Aufdeckungen und Enthüllungen der letzten Jahre haben uns gelehrt, dass durchaus systematische Netzwerke existieren. Da wird bewusst versucht, unsere Systeme zu unterlaufen. Sie erinnern sich an die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi, wo sogar der russische Geheimdienst bei Manipulationen im Labor geholfen hat? Das ist ein großes Problem, das zum Glück durch Whisteblower aufgedeckt wurde. Ebenso, wie die Ermittlungen in Österreich und Erfurt, die nach Hinweisen eines Whistleblowers stattgefunden haben.

 Andrea Gotzmann.
Andrea Gotzmann. Foto: Christoph Papsch

Und wie sieht es in Deutschland aus?

Gotzmann Hier in Deutschland besteht ein hohes Risiko, mit systematischem Doping aufzufallen und bestraft zu werden. Wir haben ein strenges Anti-Doping-Gesetz, das weltweit in der vorliegenden Ausführung einzigartig ist. Doping sowie Mithilfe oder Unterstützung von Doping wird seit 2015 nun auch von den staatlichen Ermittlungsbehörden verfolgt. Dieses Risiko wirkt stark abschreckend.

Sie sprechen das Anti-Doping-Gesetz von 2015 an: Was hat sich seit der Einführung verbessert?

Gotzmann Das ist ein sehr wichtiges Datum für die NADA. Damals wurde unsere Position massiv gestärkt. Wir können seitdem auf Augenhöhe mit der Staatsanwaltschaft kommunizieren und zusammenarbeiten. Das hat unter anderem zur Folge, dass auf Grund eines positiven Dopingbefundes die zuständige Staatsanwaltschaft innerhalb kürzester Zeit eine Hausdurchsuchung veranlasst, um weitere Beweise zu sichern. Das Gesetz hat sehr dabei geholfen die Qualität unserer Arbeit zu verbessern und Fälle besser bewerten zu können. Das deutsche Anti-Doping-Gesetz gilt zurecht als eines der schärfsten weltweit.

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Dürften russische Sportler noch an sportlichen Wettkämpfen teilnehmen, wenn Sie das alleine entscheiden dürften?

Gotzmann Da muss man differenzieren. Meiner Meinung nach sind die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichend gewesen. Die Hintermänner müssten konsequent zur Rechenschaft gezogen werden.

Warum ist das Thema Doping im Bereich der Leichtathletik verbreiteter als beim Fußball oder Handball?

Gotzmann Das hat mit den unterschiedlichen körperlichen Ansprüchen zu tun. In der Leichtathletik kommt es hauptsächlich auf Kraft- und Ausdauerkomponenten an. Im Ausdauerbereich ist die Regeneration sehr wichtig. Um intensive Trainingsreize in kurzer Zeit umsetzen zu können, benötigen die Athleten eine schnellere Regeneration. Bei Ballsportarten spielt die Physis eine wichtige Rolle. Im Fußball hat man bis zu drei Spiele in der Woche, dass bedeutet man hat alleine durch die Wettkampfkontrollen dreimal in der Woche die Möglichkeit einen Spieler zu testen. Die Fußballer wissen auch, dass wir morgens vor dem Training auftauchen können. Bei einem Marathonläufer, dessen Teilnahme an einem Lauf vielleicht nur zwei- bis dreimal im Jahr stattfindet, ist es schwerer. Die Trainingskontrollen müssen hier enger gesetzt werden.

In den vergangenen Jahren sind diese Ballsportarten deutlich schneller geworden. Ist das überhaupt ohne Doping möglich?

Gotzmann Das liegt zunächst an der grundsätzlich besseren Entwicklung und Beratung im Bereich der Trainer und des Personals. Viele Sportarten werden heutzutage hauptberuflich ausgeübt. Sport ohne Doping ist der Normalzustand. Dopingskandale sollten nicht dazu führen, dass wir jeden Sportler unter Generalverdacht stellen. Unsere Aufgabe als NADA ist es, die ehrlichen Sportler vor Doping zu schützen und damit die Werte des Sports zu wahren.

Was passiert, wenn einem Sportler etwas untergemischt wird?

Gotzmann Häufiger haben wir es mit dem Problem der Dopingfallen zu tun. Es kann schnell mal passieren, dass man durch Selbstmedikation oder durch kontaminierte Nahrungsergänzungsmittel unerlaubte Mittel zu sich nimmt, ohne es zu merken. Wichtig ist hier die richtige Aufklärung, zum Beispiel durch unsere ‚Beispielliste zulässiger Medikamente‘. Selbstmedikation beinhaltet Risiken, die im Vorfeld abzuklären sind. Unwissenheit schützt in diesem Fall nicht vor Strafe. Es sollte bei Spitzensportlern nicht heißen „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“, sondern „Fragen Sie Ihren in Dopingfragen geschulten Arzt oder Apotheker.“ Es ist nicht unbedingt gewährleistet, dass ein Hausarzt weiß, was auf der Verbotsliste steht. Dafür brauchen wir ausgebildete Mediziner und Apotheker.

Welche Medikamente werden am häufigsten bei Spitzensportlern nachgewiesen und wie läuft das Verfahren bei einem positiven Dopingtest ab?

Gotzmann Dopingmittel werden nach Substanzklassen aufgeteilt. Derzeit stehen zehn verschiedene Substanzklassen sowie eine Substanzklasse, die nur in bestimmten Sportarten verboten ist, auf der Verbotsliste. Klassische Dopingmittel sind anabol androgene Steroide und Epo und Epo ähnliche Substanzen sowie Wachstumshormone. Stimulanzien, wie Ritalin und Amphetamine, sind zum Beispiel nur zu Wettkämpfen verboten, nicht aber in den Trainingsphasen. Die NADA führt sowohl Wettkampf-, als auch Trainingskontrollen durch. Bei den Kontrollen werden eine A- und eine B-Probe genommen. Dafür werden Mindestmengen Urin von 90 Milliliter benötigt und in zwei Flaschen aufgeteilt. A- und B-Probe werden anschließend versiegelt und in ein spezielles Labor geschickt. Die A-Probe wird getestet, die B-Probe wird tiefgekühlt aufbewahrt. Diese kommt erst zum Einsatz, wenn der Athlet mit der A-Probe positiv getestet wird. Wenn die B-Probe das Ergebnis der A-Probe bestätigt, handelt es sich um ein positives Ergebnis und ein Verfahren wird eingeleitet.

Wie sieht es mit neuartigen Mitteln aus? Sind Ihnen Dopingsünder immer einen Schritt voraus?

Gotzmann Nein, das glaube ich nicht. An der Deutschen Sporthochschule in Köln wurde ein Lehrstuhl für präventive Dopingforschung etabliert. Wenn Substanzen in der pharmazeutischen Industrie in der Entwicklung sind, haben wir idealerweise Nachweisverfahren bevor die Substanzen als Medikament auf den Markt kommen. Interessanterweise wird auch wieder auf alte Dopingsubstanzen zurückgegriffen, wie zum Beispiel Kobalt als Epo-Ersatz. Gemäß Regelwerk können wir Proben bis zu zehn Jahre aufbewahren. Durch den technischen Fortschritt sind wir in der Lage, die Proben dann nach Jahren zu re-analysieren und möglicherweise neue Erkenntnisse daraus zu gewinnen.

Sie haben von 1970 bis 1992 bei TuS 04 Leverkusen und DJK Agon 08 Düsseldorf selber aktiv Basketball gespielt. Zudem haben sie 104 Spiele für die deutsche Nationalmannschaft bestritten. Konnten Sie damals davon leben?

Gotzmann Nein, das konnte ich nicht. Durch meine Basketballkarriere habe ich an internationalen Wettkämpfen teilgenommen und dadurch die ganze Welt kennengelernt. Eine Profikarriere war zu dieser Zeit aber nicht möglich, da ich zeitlich durch mein Studium (Sportwissenschaften, anschließend Chemie in Köln. Anm d. R.) sehr gebunden war. Ich bin zu 100 Prozent sicher, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe und statt einer Profikarriere meinen Fokus auch auf etwas Anderes gerichtet habe.

Wurde Ihnen in Ihrer aktiven Sportlerzeit auch mal Dopingmittel angeboten?

Gotzmann Nein. Ich war in der glücklichen Situation, dass mir dies nicht passiert ist. Nach dem Mauerfall haben wir das erste Mal von systematischem Doping in der DDR gehört. Erst da wurde mir bewusst, was ich für ein extremes Glück hatte.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die spektakulärsten deutschen Doping-Fälle