Deutsche Rennfahrerin Ellen Lohr glaubt, dass die Rallye Dakar die Reformen in Saudi-Arabien voranbringt

Interview mit Ellen Lohr : „Rallye Dakar wird den Prozess der Veränderung in Saudi-Arabien unterstützen“

Die Rennfahrerin aus Mönchengladbach spricht über die Premiere der Rallye Dakar in Saudi-Arabien. Sie glaubt, dass das Motorsport-Event die Veränderungen in dem Königreich voranbringen kann.

Frau Lohr, 2005 sind Sie zum ersten Mal bei der Rallye Dakar dabei gewesen. Ist beim 15. Mal (5. bis 17. Januar) die Spannung da wie beim ersten Mal?

Lohr Die Spannung ist größer denn je, denn die Dakar findet zum ersten Mal in Saudi-Arabien statt. Und ein neues Land so intensiv zu entdecken, macht immer Spaß. Wir fahren immerhin 8000 Kilometer durch das Land, passieren dabei größere Städte und völlig Unentdecktes. Ich persönlich liebe es zu reisen. Wenn ich nicht Rennfahrerin geworden wäre, wäre ich jetzt wahrscheinlich eine Reisebloggerin. Insofern ist es wieder da, das Kribbeln im Bauch.

Sie fahren im Presse-Wagen mit, was sind Ihre Aufgaben?

Lohr Die tägliche Berichterstattung für racing.tv und motorsport.com und starke Geschichten mit unserem G Model liefern. Wir machen Interviews im Bivak und fahren an die Rennstrecken um ganz nah dran zu sein am Renngeschehen.

Was ist das Besondere an der Dakar? Was das Gefährliche?

Lohr Die Geschichte der Dakar ist faszinierend. Die Umstände, unter denen in den Anfängen in den Achtzigern gefahren wurde, waren spektakulär, gefährlich und atemberaubend. Mit dem Wechsel des Kontinents nach Südamerika 2009 hat sich dann die Dakar sehr verändert. Sie ist viel schneller geworden, viel einfacher, und so ein richtiges Abenteuer war sie außer im Premierenjahr nie mehr. Eher ein Mega-Event mit abenteuerlichem Touch, bei Geschwindigkeiten jenseits der 200 km/h im Offroad-Gelände. Nun aber wird ein neues Kapitel aufgeschlagen und das beinhaltet ganz klare Elemente von ,back to the Roots’. Mit schwieriger Navigation, sehr viel Unbekanntem, weniger Vorteilen für die Werksteams und einem sogenannten Marathon-Day, an dem die Fahrer mit dem Service auf sich allein gestellt sind. Es kann sehr, sehr aufregend werden.

Mögen Sie die Wüste?

Lohr Ich liebe die Wüste und habe inzwischen fast alle großen Wüsten der Welt bereist. Dabei ist jede auf ihre Art anders und einzigartig. Meine intensivsten Wüstenerlebnisse habe ich im Rennauto gemacht, 2006 in Afrika. Da haben wir uns einmal nachts mit einem Schaden am Auto durch den feinen Sand Mauretaniens geschleppt. Da fürchtete ich kurzzeitig, dass wir nicht genug Wasser an Bord haben. Die schiere Endlosigkeit der Sahara kann einschüchternd sein. Allerdings werde ich den Sternenhimmel, unter dem wir da geschraubt und geschaufelt haben, mein ganzes Leben nicht mehr vergessen.

Gibt es einen Streckenabschnitt, auf den Sie sich besonders freuen?

Lohr Das Empty Quater, um das sich sehr viele Mythen ranken und das tatsächlich bisher als mehr oder weniger unzugängliches Terrain galt. Da sind wir dann auf die reine Offroad-Leistung unseres Mercedes G 500 angewiesen. Pisten oder gar Straßen gibt es dort nicht. Ich hoffe, die Dünen sind uns wohlgesonnen.

Dieses Mal führt die Route erstmals durch Saudi-Arabien. Sie werden an völlig neue Orte kommen. Stellt sich da ein Tourismus-Effekt ein?

Lohr Absolut! Ich war im vergangenen Jahr bereits einmal in Saudi-Arabien und dachte eigentlich, dass das für mich das einzige Mal sein würde. Ich bilde mir gerne meine eigne Meinung über Verhältnisse vor Ort und entscheide dann weiter. Die Aufbruchstimmung in diesem Land war so intensiv, dass ich entschieden habe, an der Dakar teilzunehmen. Bis vergangenen Dezember gab es keine Visa für Touristen, sondern nur für Mekka-Pilger. Insofern werden wir viel Ursprüngliches sehen. Darauf bin ich sehr gespannt.

Was wird anders an der 42. Auflage der Dakar sein wegen des Gastgeber-Landes? Fahren Vorurteile mit?

Lohr Alles wird anders sein, angefangen bei vielen Regeländerungen den Wettbewerb betreffend. Aber natürlich ist es auch für Saudi-Arabien spannend, was da so passiert. Bisher gab es ja bereits große Sportevents, aber keinen, der mit tausend Leuten und hunderten Fahrzeugen 8000 Kilometer durchs ganze Land gefahren ist. Da werden die neuen Botschaften und Freiheiten bis in die hintersten Ecken des Landes getragen. Das wird den Prozess der Veränderung im Land sicher unterstützen.

Seit Juni 2018 dürfen Frauen in Saudi-Arabien selbst Auto fahren. Wie fühlt sich der Gedanke an bei einer Frau, die seit jeher Autorennen fährt?

Lohr Es wurde Zeit. Und auch wegen der Dakar dürfen Frauen nun Motorrad fahren. Allerdings immer noch keine Busse oder Trucks. Es muss noch viel geschehen. Eine saudi-arabische Rennfahrerin gibt es auch, die sogar bei der obersten Motorsportbehörde FIA arbeitet.