1956 Kajak-Gold über 1000 Meter im Zweier: Melbourne-Sieger Scheuer: Reise nach Sydney blieb ein Traum

1956 Kajak-Gold über 1000 Meter im Zweier: Melbourne-Sieger Scheuer: Reise nach Sydney blieb ein Traum

Krefeld (dpa). Noch einmal in Australien Olympische Spiele erleben - das war der Traum von Michel Scheuer. "Im Stillen hatten wir gehofft, dass uns das deutsche NOK vielleicht die Reise bezahlt. Uns, den vier Olympiasiegern von Melbourne", gibt der 73-Jährige zu. Vor 44 Jahren zählte er mit seinem Partner Meinrad Miltenberger als Olympiasieger im Kajak-Zweier über 1 000 m zu den gefeierten Helden der gemeinsamen deutschen Mannschaft. "Schade, dass man für uns Alte nicht die paar Mark übrig hatte. Das konnte doch nicht das große Problem sein, für die paar Leutchen: für den Turner Helmut Bantz, den kleinen Boxer Wolfgang Behrendt und die Schwimmerin Ursula Happe", bedauert Scheuer.

Zuletzt hatten sich die deutschen Melbourne-Sieger Mitte der 90er Jahre in einer Fernsehshow mit Gunter Emmerlich getroffen. "Ich glaube, 1996 war es, da haben wir zum ersten Mal daran gedacht, vielleicht doch noch mal als Zuschauer an einer Olympiade in Australien teilzunehmen", erinnert sich der Pensionär. Damals war auch noch sein Paddel-Kollege Miltenberger mit dabei, der inzwischen verstorben ist.

Scheuer hingegen erfreut sich bester Gesundheit. Sein Garten, das ist heute sein Lebenselixier. "Wir sind mitten in der Saison, da gibt es viel zu tun", meint der Gartenfreund, der in seiner kleinen Werkstatt hinter seinem Häuschen in Krefeld auch noch für Freunde und Verwandte mal ein kleines Regal baut oder Werkzeuge repariert.

Wie fast alle Topsportler seiner Zeit ging Scheuer parallel zu seinem Sport einem Fulltime-Job nach: Zuerst als Schlosser, später als Beamter bei der Deutschen Bundesbahn. "Außer herrlichen Erinnerungen ist nichts geblieben vom Olympiasieg", meint Scheuer und denkt an die Millionengagen, die im Sport heute verdient werden. "Ein silbernes Tablett mit sechs Schnapsgläsern bekam ich von der Stadt Krefeld. Und das Silberne Lorbeerblatt sowie die Goldene Ehrennadel des DKV. Das war's", erinnert sich der frühere Erfolgs-Kanute. "Eigentlich war damals alles anders. Die meisten Reisen mit dem Verein haben wir selbst bezahlt", sagt er nicht ohne Stolz.

Melbourne waren bereits Scheuers zweite Sommerspiele, in Helsinki vier Jahre zuvor hatte er bereits Bronze im Kajak-Einer über 10 000 m gewonnen. Dies schaffte er auch in Australien wieder als "Zugabe" zum Gold. "Im Zweier hatten wir Hoffnungen auf Platz zwei oder drei. Als dann die Ungarn schon im Zwischenlauf ausschieden, war der Weg frei", sieht Scheuer 44 Jahre später das Rennen noch vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen. "Mit einem Superstart haben wir die Russen beeindruckt. Wir haben sie dann bis ins Ziel nicht wieder gesehen", strahlt der 33-malige deutsche Meister. "Tja, wenn der Diesel richtig lief, dann ging es ab und es gab kein halten", sagt er stolz und verweist auf die zwei Weltmeistertitel, die ihm 1958 im Kajak-Vierer gelangen. 1963 beendete er seine Laufbahn im Alter von 36 Jahren.

So richtig seien die Erinnerungen an 1956 gerade in diesem Jahr hoch gekommen, als die ersten Vorberichte auf Sydney über den Fernseher flimmerten. "Da habe ich zu meiner Frau gesagt: Schau hin, dort war ich auch." Um so mehr ärgert es ihn, dass die Helden von einst heute im deutschen Sport in Vergessenheit geraten sind. "Es ist doch so viel Geld da", wundert er sich.

(RPO Archiv)
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