Analyse zur Leichtathletik-EM: Schwächste Bilanz seit der Wiedervereinigung

Analyse zur Leichtathletik-EM: Schwächste Bilanz seit der Wiedervereinigung

Kugelstoßerin Christina Schwanitz und Hindernisläuferin Antje Möldner-Schmidt holten zum Abschluss in Zürich Gold. Mit nur acht Medaillen war die Ausbeute aber so gering wie nie in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Optimisten hatten 20 Plaketten prognostiziert.

Markus Rehm, der Prothesenspringer von Bayer Leverkusen, saß Sonntag Nachmittag vor dem Fernseher. Der Weitspringer, der zwar nationaler Meister geworden war, aber vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) nicht für die Europameisterschafte in Zürich nominiert worden war, drückte kräftig die Daumen.

"Ich habe ein sehr gutes Gefühl", sagte Rehm vor dem Finale in seiner Spezialdisziplin, "Christian Reif kämpft um die Medaillen." Tat er nicht. Es wurde nichts aus dem erwarteteten, packenden Duell zwischen Reif und dem britischen Olympiasieger Greg Rutherford. Der Pfälzer war dafür zu schwach.

Reif, vor vier Jahren noch strahlender Europameister in Barcelona, wurde mit nur 7,95 Meter Achter, er blieb damit mehr als einen halben Meter hinter seiner Saisonbestleistung zurück. Greg Rutherford gewann mit der mittelprächtigen Weite von 8,29 Meter. Rehm war bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm mit seiner umstrittenen Prothese nur fünf Zentimeter kürzer gesprungen.

Reifs achter Platz war eine weitere Enttäuschung für die gebeutelte DLV-Mannschaft in der Schweiz - wie zuvor unter anderem der fünfte Rang für Hammerwerferin Betty Heidler und das Halbfinal-Aus für Julian Reus, den neuen deutschen Rekordhalter über 100 Meter.

Mit acht Medaillen war die Ausbeute so gering wie noch nie, seit 1994 in Helsinki wieder eine vereinigte deutsche Mannschaft bei Europameisterschaften an den Start ging. Bislang lag der Negativrekord bei elf Medaillen, aufgestellt 2004 in Göteborg. Vor zwei Jahren, als wieder eine EM in der finnischen Hauptstadt Helsinki stattfand, holte das deutsche Team noch doppelt so viele Medaillen. Allerdings fehlten damals einige Stars, die sich auf die nur wenige Wochen später folgenden Olympischen Spiele in London konzentrierten.

Kugelstoßerin Christina Schwanitz und Hindernisläuferin Antje Möldner-Schmidt mit Gold sowie die Sprintstaffel der Männer besserten die Bilanz am Schlusstag ein wenig auf. Im Medaillenspiegel erreichte Deutschland Rang drei, lag dabei aber überraschend deutlich hinter Großbritannien und Frankreich. In der Nationenwertung (berücksichtigt die Plätze eins bis acht) waren auch noch die Russen besser, so dass der vom DLV als offizielles Ziel ausgegebene dritte Rang in dieser Wertung verfehlt wurde.

Für die Erfolge waren - wie schon in den vergangenen Jahren - wieder vornehmlich die Werfer verantwortlich. Schwanitz, David Storl (beide Kugel) Robert Harting, Shanice Craft (beide Diskus) und Linda Stahl (Speer) holten fünf der acht Medaillen. Das Positive: Diese fünf Athleten sind auch alle für Podiumsplätze auf Weltniveau, also bei der WM im kommenden Jahr im Pekinger Vogelnest-Stadion und ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gut. Vor allem Bronzemedaillengewinnerin Craft hat mir ihren 21 Jahren noch viel Entwicklungspotenzial.

Allerdings startete die deutsche Mannschaft in der Schweiz erheblich ersatzgeschwächt. Insbesondere im Stabhochsprung, in jüngerer Vergangenheit eine Paradedisziplin des DLV, machte sich das bemerkbar. Der aus Neuss-Grimlinghausen stammende und für Bayer Leverkusen startende Karsten Dilla wurde mit nur 5,40 Meter Neunter. Björn Otto, Malte Mohr (beide verletzt) und Raphael Holzdeppe (außer Form), die alle zu Weltklasseleistungen fähig sind, fehlten, genau wie die ebenfalls verletzte Leverkusenerin Silke Spiegelburg. Mit den Stabhochspringerin sollte in Peking bzw. Rio wieder zu rechnen sein.

Speerwerferin Christina Obergföll, Hochspringerin Ariane Friedrich und Siebenkämpferin Jennifer Oeser legen in dieser Saison eine Babypause ein.

"Das Niveau in Europa ist in einigen Disziplinen enorm hoch", sagte Cheftrainer Idriss Gonschinska, "das Know-How gleicht sich an. Wir müssen uns systematisch weiterentwickeln." Das junge Team, mit einem Altersdurchschnitt von nur 25,2 Jahren das jüngste seit der Europameisterschaft 1990 in Split, habe "viel Potenzial. Und wenn unsere Leistungsträger zurückkommen, werden wir auf dem Weg nach Rio bestehen." Gonschinska wäre aber auch ein schlechter Chefcoach, wenn er nach dieser Enttäuschung nicht ein wenig Zuversicht verbreiten würde.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Gold für Möldner-Schmidt über 3000 Meter Hindernis

(RP)
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