Metro-Marathon Düsseldorf 2019: Anna Hahner läuft gegen die Vergangenheit an

Anna Hahner beim Metro-Marathon : Anlaufen gegen diese eine Szene aus Rio

Seit ihrem vielfach kritisierten Olympia-Zieleinlauf 2016 in Rio ist es ruhig um die Marathon-Zwillinge Anna und Lisa Hahner geworden, vor allem Anna musste einige sportliche Rückschläge einstecken. Nach einer längeren Verletzungspause läuft die 29-Jährige wieder – erst in Berlin, und jetzt am Sonntag in Düsseldorf.

Nummer sieben ist ihre Glückszahl. Mit ihr als Startnummer gab die hessische Profi-Langstreckenläuferin Anna Hahner 2012 ihr Marathon-Debüt in Düsseldorf. Jetzt, sieben Jahre später und zur 17. Auflage des Rennens, kehrt die 29-Jährige zurück: Am Sonntag wird sie wieder an der Startlinie in Düsseldorf stehen. Es scheint ein symbolischer Neuanfang im Zeichen ihrer Glückszahl. Denn seit ihrem letzten Lauf in der Landeshauptstadt ist viel passiert, und der Verlauf der vergangenen Ereignisse gleicht dabei einer Achterbahnfahrt: Auf vielversprechende Erfolge folgen Olympia-Pleite, öffentliche Anfeindungen und diverse Verletzungen. Nach vielen Rückschlägen bleibt Anna Hahner zunächst nur eines: „das Betriebssystem komplett herunterfahren“. Jetzt wagt sie einen sportlichen Neuanfang und hat ambitionierte Pläne. Und genau wie damals könnte Düsseldorf der Start von etwas Großem sein.

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Nach ihrem allerersten Marathon gilt die junge Läuferin als Hoffnungsträgerin. Auf die erfolgreiche Teilnahme in Düsseldorf folgen erste Plätze beim Wien-Marathon 2014 und beim Hannover-Marathon 2016. Hahner stellt zudem ihre Bestzeit von 2:26:44 Stunden auf, qualifiziert sich so für Olympia 2016 in Rio. Doch dieser vermeintliche Karriere-Höhepunkt in Brasilien entpuppt sich als das komplette Gegenteil: Hand in Hand läuft sie mit Schwester Lisa über die Ziellinie, erreicht dabei nur Platz 81, läuft fast 20 Minuten hinter ihrer Bestzeit. Es folgt ein Shitstorm von allen Seiten, sogar der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) richtet harte Worte an die selbsternannten „Hahner-Twins“. Der Vorwurf: Die Show und der öffentliche Auftritt seien den beiden wichtiger als ihre Leistung gewesen. „Es wirkte so, als absolvierten sie einen Volkslauf und nicht die olympische Entscheidung“, wettert der damalige DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen. Das Thema sorgt tagelang für Aufruhr – auch ausländische Medien wie die „New York Times“ und „CNN“ berichten. Die krassen Reaktionen aus der ganzen Welt lassen die Zwillinge nicht kalt. „Unter der Gürtellinie“ seien sie gewesen, sagte Anna Hahner erst kürzlich dem „Tagesspiegel“.

Und es geht weiter bergab. 2017 wird sie beim Berlin-Marathon noch beste Europäerin (5. Platz), 2018 muss sie beim Tokio-Marathon jedoch schon nach wenigen Metern wegen Verletzung abbrechen. Ein Ermüdungsbruch in Ferse und Becken, ein schwerer Radunfall und eine angerissene Sehne sowie eine entzündete Sehnenplatte im Oberschenkel zwingen Anna schließlich in die Knie: Eine Pause scheint unausweichlich. Die Hessin setzt alles auf null.

Jetzt, 14 Monate nach ihrem letzten Marathon-Lauf in Berlin, soll der Neustart gelingen – Shitstorm und Verletzungen gehören der Vergangenheit an. Für den geplanten Wieder-Erfolg hat Hahner aber auch an den Rahmenbedingungen geschraubt: Mit neuem Verein (SCC Berlin), neuem Trainer (Dan Lorang) und einem Zehn-Jahres-Plan im Rücken soll das Comeback der einstigen Olympia-Hoffnung langsam und stetig gelingen – wenn es sein muss auch ohne Zwillingsschwester Lisa, die seit Juli 2018 in Berlin wohnt und aufgrund einer Weisheitszahn-OP am Sonntag in Düsseldorf nicht starten kann. Auch beim Berlin Halbmarathon vor knapp vier Wochen lief sie nicht an Annas Seite.

Ein Vorteil für Anna? Den Lauf in der Haupstadt schließt sie jedenfalls besser ab als gedacht: Platz elf und eine Zeit von 1:15:42 Stunden hätten sie selbst überrascht, sagte die Hessin nach dem Rennen. Doch Zeiten haben für Hahner aktuell keine Priorität. „Für mich geht es nicht darum, Bäume auszureißen, sondern wir sind gerade dabei, einen neuen Baum zu pflanzen“, gab Anna Hahner vor dem Lauf bekannt. Das große Ganze behält die Läuferin aber im Auge: „Ich habe noch große Ziele, die ich in meiner Laufkarriere erreichen möchte. Mein Zeithorizont liegt nicht auf ein oder zwei Jahren Leistungssport, sondern auf zehn Jahren.“

Mit 29 ein ambitioniertes Ziel. Welche konkreten Vorhaben sie hat, verrät Anna Hahner bisher nicht. Laut DLV habe die Läuferin aber eventuell noch einmal Chancen auf Olympia. „Anna Hahner hat in Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass sie eine sehr talentierte Läuferin ist. Ihre Bestzeit von 2:26:44 unterstreicht dies. Falls Anna wieder an ihr individuelles Top-Niveau herankommt, hat sie grundsätzlich gute Chancen, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Allerdings hat sich die Konkurrenzsituation im Vergleich zu 2016 etwas verschärft“, sagte der Leitende Bundestrainer Thomas Dreißigacker unserer Redaktion. Er glaubt zudem, dass vor allem Annas neuer Trainer Dan Lorang für einen neuen Reiz in ihrem Training sorgen könnte. „Er ist ein erfahrener Trainer in Langzeitausdauerdisziplinen, betreut ja unter anderem auch den Weltklassentriathleten Jan Frodeno und das Profi-Radteam Bora-Hansgrohe.“ Annas Chancen für kommenden Sonntag schätzt Dreißigacker Hahners deshalb recht gut ein: „Von ihrer Halbmarathon-Bestzeit von 1:13:12 aus dem Jahr 2015 war sie mit 1:15:42 in diesem Jahr noch etwas entfernt, das bedeutet aber nicht, dass es ihr nicht gelingen kann, in Düsseldorf einen guten Marathon zu laufen. Nach der Absage von Fabienne Amrhein ist sie sicherlich auch eine Kandidatin für den Deutschen Meistertitel.“

Für Düsseldorf setzt Anna Hahner in jedem Fall auf ihre Glückszahl: „Die Zahl sieben hat etwas Magisches“, schreibt sie auf ihrer Webseite, „die Welt wurde in sieben Tagen erschaffen, ein geheimes Buch hat sieben Siegel und die Zellen unseres Körpers erneuern sich von Grund auf alle sieben Jahre. Ich spüre, dass für mich ein neuer Lebensabschnitt begonnen hat.“

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