Bisschen kiffen und schnelle Zeiten Sha’Carri Richardson ist die eine Ausnahmeerscheinung der Leichtathletik

Budapest · Sha’Carri Richardson fällt auf. Optisch, verbal – und sportlich. Bei der Leichtathletik-WM in Budapest läuft die US-Sprinterin endlich zu ihrer ersten internationalen Goldmedaille, nachdem ein Leistungstief zur Unzeit und ein Joint das bisher verhinderten.

Sha’Carri Richardson jubelt über ihren Sieg bei den US-Meisterschaften im Juli.

Sha’Carri Richardson jubelt über ihren Sieg bei den US-Meisterschaften im Juli.

Foto: AP/Ashley Landis

Die Haare mal blau, mal lila, mal orange, die Fingernägel so lang, dass man Zweifel daran haben muss, ob sie damit ihre Schuhe selbst schnüren kann, den Rennanzug im Dekolleté weit geöffnet, mit Tattoos am ganzen Körper übersäht. Die US-Sprinterin Sha’Carri Richardson fällt auf und sie geizt nicht mit ihrer Weiblichkeit. „Unabhängig von meiner Leistung, unabhängig davon, was die Medien zu sagen haben, ich drücke mich damit aus und zeige den Menschen, dass sie, egal wie sehr ein Unternehmen, die Menschen oder die Medien versuchen, sie einzuschränken, immer zu sich selbst stehen sollen“, sagte sie einmal.

Vergleiche mit der legendären Florence Griffith-Joyner werden immer wieder laut, sie selbst nennt Flo-Jo als Vorbild. Doch noch unterscheidet die beiden US-Amerikanerinnen vor allem eins: der sportliche Erfolg. Während der Leichtathletik-Star der späten 80er-Jahre noch immer den 100-Meter-Weltrekord hält und Weltmeisterin und Olympiasiegerin wurde (der Doping-Verdacht lies sich nie bestätigen), stand Richardson bislang noch ohne internationalen Titel da. Aus verschiedenen Gründen. Noch. Bei der Weltmeisterschaft in Budapest war sie eine der Topfavoritinnen neben der Jamaikanerin Shelly-Ann Fraser-Pryce und Julien Alfred aus St. Lucia. Und diesmal wurde sie ihrer Favoritenrolle gerecht und gewann den Titel. Ein Erfolg mit Anlauf.

In der breiten Öffentlichkeit ist der Name Sha’Carri Richardson bisher zumindest in Deutschland wohl kaum bekannt, in der Leichtathletik-Szene allerdings ist sie ein echter Star. Nicht nur aufgrund ihres Erscheinungsbildes. Seit Jahren deutet sie ihr ungemeines Potenzial an, seit Jahren steigert sie damit aber vor allem ihre Fallhöhe. 2021 qualifizierte sie sich als schnellste Amerikanerin für die Olympischen Spiele in Tokio. Teilnehmen durfte sie nicht. Weil sie Marihuana rauchte und von der US-Anti-Doping-Agentur gesperrt wurde. Sie war damals in „einem Zustand emotionalen Schmerzes“, nachdem ihre Mutter verstarb, wie Richardson bekannte. Immer wieder geht sie offen mit mentalen Problemen um. So auch, als sie 2022 als Jahresschnellste die WM in Eugene verpasste, weil sie bei den US-Trials nicht vorn war.

In diesem Jahr sollte alles anders werden. Mit 10,71 Sekunden lief sie bei den US-Meisterschaften die siebtschnellste Zeit der Geschichte, endlich soll die ersehnte WM-Medaille her. „Ich bin nicht zurück, ich bin nur besser. Ich bin mental, physisch und emotional bereit“, sagte die 23-Jährige nach ihrem Titelgewinn im Juli. Und wie. Auch in der ersten Runde in Budapest ließ sie es krachen, war mit 10,92 Sekunden deutlich die Schnellste. Und obwohl die Konkurrenz um die Jamaikanerinnen auch in Budapest in Topform war, triumphierte am Ende Richardson. .

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Das sind die Stars der Leichtathletik-WM 2023

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Foto: AP/Martin Meissner

In der Leichtathletik lechzen sie nach Persönlichkeiten wie Richardson. Seitdem Usain Bolt seine Karriere beendet hat, fehlt ein echtes Zugpferd – vor allem im Sprint, der Rock’n’Roll-Disziplin. Mit Noah Lyles schickt sich gerade einer an, so ein Star zu werden. Zwar sind Athleten und Athletinnen wie die niederländische Langstreckenläuferin Femke Bol oder der schwedische Stabhochspringer Armand Duplantis sportlich herausragend. Doch ein spektakuläres Profil abseits der Tartanbahn fehlt ihnen dann doch.

Ganz anders Richardson, die nicht nur optisch auffällt. Sie äußert sich lautstark zu politischen und gesellschaftlichen Themen, gibt mentale Probleme und ihr Drogenvergehen zu, ist offen homosexuell und unterstützt die LGBTQ-Szene. Bei Instagram folgen ihr auch deshalb über zwei Millionen Menschen und der bekannte kanadische R&B-Sänger Drake widmete ihr eine Zeile in seinem Song „No Friends in the Industry“.

Aber auch in der Leichtathletik-Szene erhebt sie ihre Stimme, rief erst bei den US-Meisterschaften zu einem Meeting mit über 160 Athleten und Athletinnen auf, um Missstände offen anzusprechen.

Und sportlich? „Sie hat einzigartiges Talent“, twitterte der viermalige Olympiasieger Michael Johnson vor ein paar Monaten über Sha’Carri Richardson, die mit ihren trommelnden Schritten auf der Bahn bereits im jungen Alter herausragende Zeiten lief. Dieses Talent wollte sie nun auch in Budapest auf die Bahn bekommen. „Die Zutaten, die Sportlerin zu sein, die ich jetzt bin, waren immer da – ich bin mir nur selbst im Weg gestanden“, sagte sie selbst. Damit sollte bei der WM endlich Schluss sein. Und es war Schluss. Und so wird sie wohl künftig nicht mehr nur noch mit ihrem schrillen Auftreten in Verbindung gebracht werden, sondern auch mit internationalen Medaillen. Wie ihr Vorbild Florence Griffith-Joyner.

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