Medaillenfabrik formte Femke Bol und Co. Wie die Niederlande mit Papendal die deutsche Leichtathletik abgehängt hat

Analyse | Arnheim · Femke Bol, Anouk Vetter, Nadine Visser, Sifan Hassan – die niederländischen Leichtathletinnen gehören zur Weltspitze. Und sie alle trainieren häufig in Papendal. Die Medaillenfabrik des Nachbarlandes setzt neue Maßstäbe. Ein Besuch.

 Unweit von Arnheim hat die Niederlande das Trainingszentrum Papendal errichtet. Dort trainieren die meisten niederländischen Leichtathleten und Leichtathletinnen.

Unweit von Arnheim hat die Niederlande das Trainingszentrum Papendal errichtet. Dort trainieren die meisten niederländischen Leichtathleten und Leichtathletinnen.

Foto: Papendal/RP/Jos Klijn

Jochem Schellens sitzt entspannt auf seinem Stuhl und zeigt auf Bilder der großen Sportler und Sportlerinnen, die seiner Leistungsfabrik entsprungen sind. Es sind BMX-Stars, Bahnrad-Olympiasieger – oder Leichtathletinnen wie Sifan Hassan und Femke Bol. Beide Niederländerinnen stellten erst vor wenigen Wochen in der Diamond League neue Europarekorde auf. Die eine über 5000 Meter, die andere über 400 Meter Hürden. Sie sind die Vorzeigeathletinnen des kleinen Nachbarstaats – und die Vorzeigeathletinnen des Sportleistungszentrums Papendal bei Arnheim. „Hier in Papendal machen wir unsere Stars“, sagt Schellens voller Stolz. Er leitet das Sportzentrum unweit der deutsch-niederländischen Grenze und hat es seit nahezu zwei Jahrzehnten zu einer der erfolgreichsten Medaillenfabriken weltweit gemacht. Hier wurde die Handball-Nationalmannschaft der Frauen geformt, die 2019 Weltmeister wurde, hier trainieren die Stars der Leichtathletik. Neben Bol und Hassan wurden dort auch 100-Meter-Weltmeisterin Daphne Schippers oder die Siebenkämpferin Anouk Vetter, die bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften jeweils Silber gewann, seit dem Jugendalter geformt.

Rund ein Dutzend Sportarten haben in der Leistungsfabrik in Papendal, die nach den niederländischen Erfolgen bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney aufgebaut wurde, ihren Trainingsstandort – mit den besten Bedingungen, die man sich nur vorstellen kann. „Alles was du brauchst, ist innerhalb von einem Quadratkilometer erreichbar. Das Trainingszentrum, Behandlungen, Essen – alles ist auf kürzester Distanz“, so Schellens. „Wir haben kaum logistischen Aufwand, die Physios stehen beim Training direkt auf dem Platz. Viel besser kann man kaum betreut sein“, sagt Siebenkämpferin Vetter. Für die Aktiven gibt es einen großen Leichtathletik-Platz, eine BMX-Strecke, mehrere Krafträume, Hallen oder eine Indoor-Laufbahn. Als Athlet braucht man kaum mehr als ein, zwei Minuten vom Trainingsplatz mit seiner blauen Bahn bis zur großen Mensa. Von dort sind es wiederum nur wenige Meter in den Kraftraum oder zur Physiotherapie. „Alle arbeiten hier auf dem höchsten Niveau – von medizinischer Betreuung bis hin zur Ernährung. Alles was wir machen, machen wir aufgrund unserer Sportler“, erzählt Schellens.

Vor gut zwei Jahrzehnten trainierten vier Leichtathleten in Papendal, inzwischen sind es knapp 100 in verschiedenen Altersgruppen. Insgesamt arbeiten mehr als 500 Athletinnen und Athleten aus verschiedenen Sportarten zusammen an diesem Leistungsstützpunkt. Die Leichtathletinnen und Leichtathleten, die vom Nationalen Olympischen Komitee (das seinen Sitz ebenfalls hier hat) gefördert werden, kommen bei Arnheim zusammen und arbeiten in Trainingsgruppen. Zentralisierung ist das Zauberwort im Nachbarland, während in Deutschland an vielen Stützpunkten von Kienbaum bei Berlin bis nach Heidelberg die Athleten versprengt arbeiten. So trainieren die besten Speerwerfer des Landes in den unterschiedlichsten Regionen. Während Europameister Julian Weber in Berlin ist, trainiert Johannes Vetter in Offenburg. Der derzeit verletzte Andreas Hofmann besucht den Trainingsstützpunkt in Heidelberg. Nur zu Wettkämpfen, Lehrgängen oder Trainingslagern kommen sie zusammen. Ähnlich ergeht es fast allen deutschen Spitzensportlern. Das macht es nicht nur kompliziert, sondern auch teuer, weil der administrative Aufwand groß ist. In Papendal sind alle hingegen zusammen, die Aktiven finden, was sie benötigen, machen sich durch das tägliche Training miteinander gemeinsam besser.

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Zusammen ist in Papendal, wo die Aktiven auch wohnen können, maßgeblich. Es wird nicht unterschieden zwischen Handballern und Leichtathleten und erst recht nicht zwischen olympischen und paralympischen Athleten, auch nicht zwischen Jung und Alt. So sitzt Siebenkämpferin Nadine Broersen zusammen mit ihren beinamputierten Kollegen aus der Trainingsgruppe beim Frühstück, während ein Tisch weiter die Rollstuhl-Basketballerinnen genau hinschauen, als bei einem Kollegen das Rad des Rollstuhls gewechselt wird. „Wir sind ein echtes Team Niederlande“, sagt Schellens.

Jochem Schellens

Jochem Schellens

Foto: RP/Jos Klijn

Dieser Leitsatz lässt sich auch in Erfolgen messen. Acht Medaillen gewannen die Leichtathletinnen und Leichtathleten aus den Niederlanden bei den Olympischen Spielen in Tokio – fünf mehr als die Deutschen. Zudem hat man sich in den Niederlanden auf bestimmte Disziplinen spezialisiert und starke Gruppen gebildet. Über die Sprintdistanzen, die Stadionrunde, Hürden-Disziplinen, mit den Staffeln oder dem Kugelstoßen fahren sie regelmäßig Erfolge ein im Nachbarland, das nach der Heim-EM 2016 noch einmal einen enormen Aufschwung in der Leichtathletik verzeichnen konnte. „Wir sind nicht unter den ersten 25 Nationen weltweit wenn es um die Investitionen in den Sport geht. Aber wir waren zuletzt immer unter den Top Ten in den Medaillenspiegeln. Das kommt daher, weil wir gucken, worauf es wirklich ankommt und jeder Cent wirklich für den Sport und die Weiterentwicklung ausgegeben wird“, sagt Schellens.

Gerade einmal acht Millionen Euro werden laut seiner Aussage jährlich in Papendal investiert. Ausgenommen sind Neubauten oder bauliche Veränderungen. Nur 25 Prozent des Geldes kommt von der Regierung. In Papendal organisieren sie deshalb viele Events, betreiben ein Hotel- und Kongresszentrum. Das eingenommene Geld fließt nahezu zu 100 Prozent in den Sport, erklärt Schellens. Dabei wird auf die wirklich wichtigen Dinge geachtet. Eine Indoor-Leichtathletik-Halle sucht man auf dem Gelände vergebens, stattdessen gibt es eine reine Laufbahn. Schellens habe die Sprinttrainer einst gefragt, ob sie auch die Kurven trainieren wollen, das hätten diese verneint. Also sparte Schellens mehrere Hunderttausend Euro und baute eine gerade Sprintbahn in einen Gebäudekomplex hinein. Für alles andere gibt es den Leichtathletik-Platz im Freien. Effizienz sei wichtig. Und: „Wir versuchen jeden Tag etwas besser zu werden, weil Stillstand im Sport Rückschritt bedeutet. Das geht nur mit viel Leidenschaft und wir gucken immer nach links und rechts und versuchen, das Beste aus anderen Ländern mitzunehmen“, sagt Schellens.

Aus diesem Grund arbeiten in Papendal auch Trainer und Athleten anderer Nationen. „Wir sind offen für Sportler anderer Nationen – so lange unsere Athleten und unser Programm davon profitieren“, sagt Schellens. Laurent Meuwly, ein Schweizer, ist solch ein Leichtathletik-Trainer in den Niederlanden. Er formte Femke Bol zu einer der besten Läuferinnen auf der Stadionrunde – mit oder ohne Hürden. Und er nahm seine Athletinnen um Lea Sprunger mit. „Lea hat Femke so viele Wege aufgezeigt, wie man als Profi arbeitet“, sagte Meuwly einmal der Süddeutschen Zeitung. Vor den Schweizern war bereits Christian Taylor, der vierfache Weltmeister und zweifache Olympiasieger im Dreisprung, drei Jahre mit seinem Trainer zum Training in Papendal. „Das Klima in Papendal pusht uns, die vielen Weltklasse-Athletinnen auch aus dem Ausland heben das Niveau an und dadurch verbessern wir uns“, sagen auch die Siebenkämpferin Vetter und die Hürdenläuferin Nadine Visser unisono, die vor allem das interdisziplinäre Training hervorheben.

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Foto: dpa/Michael Kappeler

In den Niederlanden haben sie mit Papendal ein Leistungszentrum geschaffen, wodurch sie den Weg in die Zukunft geebnet haben. Die Erfolge geben Schellens uns seinem Team recht. Das wird sich wohl auch im Medaillenspiegel bei der Weltmeisterschaft in Budapest widerspiegeln, wenn sich die Nachbarn wieder weit vor Deutschland platzieren könnten.

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