Leichtathletik-EM 2019: Katharina Bauer springt mit Defibrillator

„Größtes Geschenk“ : Leverkusener Athletin springt mit Defibrillator

Die Leverkusenerin Katharina Bauer ist am Wochenende die erste Leichtathletin, die mit einem Defibrillator an einer EM teilnimmt. Die Stabhochspringerin spricht über ihr neues Leben und ein Kribbeln im Körper als großen Antrieb.

2018 wird für Katharina Bauer immer ein Jahr zweier Extreme bleiben. Das Jahr, in dem eine erfüllende Zukunftsaussicht auf die totale Perspektivlosigkeit folgte. Für wohl keinen Leistungssportler in Deutschland waren die vergangenen Monate eine vergleichbare Herzensangelegenheit – und das im wahrsten Sinne. Denn die Stabhochspringerin vom TSV Bayer 04 Leverkusen bekam im vergangenen Frühjahr einen Defibrillator eingesetzt. Ein Eingriff, der sie erst nah ans Karriereende brachte und dann so aufblühen ließ, dass sie nun am Wochenende in Glasgow die erste Sportlerin sein wird, die mit einem implantierten Defibrillator an einer EM teilnimmt. „Für mich ist der Leistungssport eine Reise, die ich genieße. Wenn man so oft im Leben zu hören bekommt, dass man seine Karriere besser beenden sollte, weil es mit der Herzerkrankung zu gefährlich sei, dann gewinnt man einen anderen Blickwinkel auf die Dinge. Ich habe bei jedem Sprung, bei jeder Einheit Spaß. Die Höhen kommen dann von alleine“, sagt die 28-Jährige.

Doch vor dieser Lockerheit stand eben der Schock. „Mein Leben hat sich im vergangenen Jahr definitiv um 180 Grad gedreht. An dem Tag, an dem ich die Nachricht bekam, dass ich einen Defibrillator brauche, ist für mich eine Welt zusammengebrochen, weil ich gar nicht wusste, was auf mich zukommt“, sagt Bauer. Was ist mit dem Sport? Wie sieht die Zukunft aus? Fragen, denen sich Bauer stellen musste. Fragen, auf die sie mit der ihr eigenen Zuversicht Antworten suchte. „Ich war schon immer jemand, der Sachen annimmt und versucht, das Beste daraus zu machen“, sagt sie.

Die gebürtige Wiesbadenerin kennt es von Kindesbeinen an, dass sie das Beste aus ihrer Situation machen muss. Schon damals wurden 6000 bis 7000 Extra-Herzschläge pro Tag diagnostiziert. Besuche beim Kardiologen wurden zur Routine. Über die Jahre wurde mehrfach versucht, die Stellen am Herzen zu veröden, die die Extraschläge auslösten. Letztlich ohne Erfolg. Im Gegenteil: Irgendwann waren es 18.000 Extraschläge – und im vergangenen Frühjahr die Gewissheit: Es muss ein Defibrillator her. Unter die Haut implantiert. Das sei für sie nie infrage gekommen, sagte Bauer mal, „aber wenn ich leben will, muss ich das tun“.

Herzerkrankungen sind eben keine Bänderrisse. Sagt Daniel Engelbrecht, 2014 erster Fußballprofi in Deutschland mit eingesetztem Defibrillator. Er rät Kollegen, sich regelmäßig am Herzen untersuchen zu lassen. „Gerade bei Vereinen, wo das Geld auch mal knapp ist, müssen Spieler Eigenverantwortung übernehmen“, sagte er dem „Tagesspiegel“. Inzwischen arbeitet der 28-Jährige als Co-Trainer der U19 des VfL Bochum. „Man kann so fit aussehen, man kann so gesund sein, wie man will – wenn das Herz nicht mitmacht, ist es, als wenn jemand den Stecker zieht.“

Katharina Bauers Körper brauchte ein paar Monate, bis sie den Fremdkörper nicht mehr wahrnahm. Und seitdem fühlt sie sich frei. Fit. Gesund. Und bereit für große Aufgaben. Aufgaben, wie die übersprungenen 4,55 Meter, mit denen sie jüngst in Leipzig Deutsche Hallen-Vizemeisterin wurde und das Ticket für Glasgow löste. „Ich glaube, da hätten viele nicht mit gerechnet, dass ich das direkt in der Hallensaison schaffe. Aber ich habe mich jetzt ganz gut etabliert bei den 4,50er-Höhen. Ich habe ja nichts zu verlieren, ich muss einfach nicht mehr machen als jetzt – nur mal gesund und verletzungsfrei durchkommen“, sagt sie.

Ganz nebenbei hat ihr der Defibrillator auch eine neue Zukunft eröffnet. Denn dessen Hersteller hat sie an sich gebunden. „Ich bin inzwischen Markenbotschafterin von Boston Scientific und habe Verträge unterschrieben als Botschafter, um auf Kongressen vor Ärzten oder Patienten meine Geschichte zu erzählen“, sagt Bauer. Die Geschichte davon, nicht aufzugeben. Sich auch nicht von Hiobsbotschaften aufhalten zu lassen. „Deswegen ist der Defibrillator für mich das größte Geschenk, das mir passieren konnte. Weil er eben auch meine Zukunft ebnet“, sagt Bauer.

Doch eines will die Leistungssportlerin Bauer auf keinen Fall: „Nicht darauf reduziert werden, eine Stabhochspringerin mit Defibrillator zu sein.“ Sie will nicht wegen des Defibrillators die Latte reißen, sondern wegen einer schlechten Leistung. Und sie will zwar mit Defibrillator gewinnen – aber nicht trotz. Und gut zu springen ist das, was Bauer antreibt. „Es gibt ein Kribbeln im Körper, ein Gefühl, als wenn der ganze Körper unter Strom steht. Dann weißt du, du bist im Flow“, sagt Bauer. Ein Glücksgefühl, das im besten Fall den Herzschlag beschleunigt. Aber allein vor Freude.

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