Leichtathletik-EM 2018: Warum der Sprint alles ist, was zählt

Kommentar zum EM-Silber für Gina Lückenkemper : Am Sprint führt kein Weg vorbei

Der Silber-Lauf von Gina Lückenkemper bei der EM in Berlin macht allen anderen Disziplinen der Leichtathletik einmal mehr schmerzhaft klar: Der Sprint ist am Ende alles, was zählt.

Es brauchte am Dienstagabend nicht einmal elf Sekunden, und jeder konnte mal wieder sehen, wer die deutsche Leichtathletik regiert: Gina Lückenkemper. Nicht zuvorderst Gina Lückenkemper als schnellste Frei-Schnauze Deutschlands, die soeben EM-Silber über 100 Meter geholt hatte. Nein, in erster Linie Gina Lückenkemper, die Sprinterin. Denn der Sprint ist eben das, was die Leichtathletik im Innersten zusammenhält. Ein Erfolg hier zählt mehr als in jeder anderen Disziplin, bringt mehr Aufmerksamkeit, bleibt länger in Erinnerung.

Kugelstoßer David Storl hätte an diesem Abend parallel zum vierten Mal in Folge Europameister werden können, der Jubel im Stadionrund hätte trotzdem Lückenkempers Silber-Sprint gegolten. Warum? Weil der Sprint alles hat, was Sport und Show verbindet. Das direkte Duell, Männer und Frauen, die sich selbst inszenieren. Große Siege, große Tragödien. Einen Einlauf der Finalisten mit Flammen und Musik. Das Atemanhalten vor dem Start, die Entladung der Spannung auf gerade einmal einer Geraden, die Ekstase des Jubels. Wie soll das ein Kugelstoßwettbewerb bieten? Oder die 10.000 Meter? Oder Hammerwurf? Usain Bolt wäre kein Weltstar geworden, wenn er über Jahre die Geher-Szene dominiert hätte.

„Wenn du Runden drehst und viel schwitzt, macht es keinen Sinn, dick Make-up aufzutragen“, sagte Hürden-Ass Pamela Dutkiewicz neulich im Interview mit unserer Redaktion. Und Recht hat sie. Mittelstrecken-Medaillenhoffnung Konstanze Klosterhalfen als Vamp geschminkt und am Hals tätowiert – das würde am Ende doch nicht funktionieren. Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler zerreißt sich das Trikot nach dem EM-Sieg – er müsste schon ein extrovertierter Charakter wie Robert Harting sein, damit es wirkt. Thomas Röhler ist aber kein Robert Harting.

Natürlich gilt: Jede deutsche Medaille bei einem internationalen Großereignis ist gut für die hiesige Leichtathletik. Aber eine seltene Sprintmedaille wie die von Lückenkemper zählt eben doppelt. Und das liegt erst am Sprint, und dann an Lückenkempers offener Art. Denn Sprint ist eben „saugeil“, wie die schnellste Frei-Schnauze Deutschlands vermutlich sagen würde.

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