Kaum Weltspitze, keine Breite Das Dilemma mit dem Nachwuchs in der deutschen Leichtathletik

Analyse | Budapest · Nur wenige Weltklasse-Athleten oder Athletinnen, in der Breite deutlich hinter anderen Nationen: Die deutsche Leichtathletik hat Probleme. Aus dem Nachwuchs schaffen zu wenige Athleten den Durchbruch bei den Erwachsenen. Eine Spurensuche.

Leichtathletik-WM Budapest 2023: Das ist der deutsche Kader um Gina Lückenkemper, Niklas Kaul und Co.
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Das sind die deutschen Athletinnen und Athleten bei der Leichtathletik-WM

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Es ist gut ein Jahr her, da brach ein Sturm über die deutsche Leichtathletik herein. Nur zwei Medaillen holte das Team des deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) bei der wegen Corona um ein Jahr nach hinten verschobenen Weltmeisterschaft in Eugene 2022. „40 bis 45 Prozent“ der Aktiven hätten damals ihr Leistungsvermögen nicht abgerufen, sagte DLV-Chefbundestrainerin Annett Stein damals. 46 der 80 Sportler und Sportlerinnen scheiterten in der ersten Runde, nur sieben kamen unter die besten acht. Es war eine ernüchternde Bilanz – vor allem im Vergleich zu den Jahren zuvor. 2015 in Peking holten die deutschen Leichtathleten und Leichtathletinnen noch insgesamt acht Medaillen, 2017 in London fünf, 2019 in Doha sechs. Ähnlich rapide ging die Ausbeute bei den Olympischen Spielen bergab.

Und auch die Aussichten bei der Weltmeisterschaft in Budapest sind nicht gerade rosig, vor allem nach den verletzungsbedingten Ausfällen von Malaika Mihambo und Bo Kanda Lita Baehre. Medaillenkandidaten gibt es zwar ein paar wie den Speerwerfer Julian Weber, Tobias Potye oder die Diskuswerferinnen, doch die starke Ausbeute von 16 Medaillen bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr in München ein paar Wochen nach dem Debakel von Eugene darf nicht über grundlegenden Probleme hinwegtäuschen. „Man muss konstatieren, dass die Weltspitze oft woanders ist und wir den Anschluss verpasst haben“, sagt die ehemalige Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius, die bei Bayer Leverkusen das Sportinternat leitet, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Leichtathletik-WM 2023​: Alle deutschen Medaillenhoffnungen
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Das sind die deutschen Medaillenhoffnungen in Budapest

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Besonders offensichtlich wird das bei Großereignissen, wenn deutsche Athletinnen und Athleten mit der Medaillenvergabe oft nichts zu tun haben. Nach drei Tagen steht der DLV ohne Edelmetall da. War dies in den Sprint- und Langdistanzen bereits in der Vergangenheit oft der Fall, schwächeln die DLV-Aktive seit einigen Jahren auch in den einstigen Vorzeigedisziplinen Speerwurf, Diskuswurf und Kugelstoßen. „Fakt ist: Weltweit ist es schwieriger geworden, Medaillen zu gewinnen oder Leistungen auf Weltniveau anzubieten. Es ist eben keine Sensation mehr, wenn im Speerwurf der Olympiasieger mit Neeray Chopra aus Indien oder der Speerwurf-Weltmeister des Jahres 2022 mit Anderson Peters aus Granada kommen“, sagt DLV-Sportdirektor Jörg Bügner auf Nachfrage dieser Redaktion.

Doch nicht nur die Spitze bereitet Sorgen, auch in der Breite schafft die deutsche Leichtathletik es nicht, sich zu positionieren. Vor allem nicht mit jungen Aktiven. Die ehemalige deutsche Diskuswerferin Franka Dietzsch, die heute als Nachwuchstrainerin in Mecklenburg-Vorpommern arbeitet, sieht da eine grundsätzliche Veränderung in der Leichtathletik. „Zu meiner aktiven Zeit war das Leistungsniveau in der Breite lange nicht so hoch, wie es derzeit ist. In Deutschland haben wir derzeit vier Diskuswerferinnen, die weiter werfen als ich in meiner besten Zeit. Im internationalen Vergleich reicht es aber nicht mehr, weil sich die Spitze weiterentwickelt hat. Und da sind wir in Deutschland nicht mitgekommen – das gilt für viele Disziplinen.“

Das liegt vor allem daran, dass der Übergang vom Nachwuchs- und den Erwachsenenbereich zu selten gelingt. Die Ergebnisse bei Nachwuchsmeisterschaft sind zwar ähnlich zum Profibereich rückläufig, doch es sind Leistungen, die Mut machen sollten. Beispielsweise in der vergangenen Woche bei der U20-EM in Jerusalem. Wenngleich Brügner einschränkt. „Aktuell haben wir bei der U23-EM gesehen, dass auch hier die Bäume nicht in den Himmel wachsen und nicht regelmäßig alle Jahrgänge über ein linear vergleichbares Leistungsniveau verfügen“, sagt er. „Der Übergang vom Junioren- in den Erwachsenenbereich ist kein Selbstläufer, sondern eine der größten Herausforderungen, da wir nicht immer einen Julian Weber, einen Johannes Vetter, eine Malaika Mihambo oder eine Gina Lückenkemper haben, die auch im Erwachsenenbereich Erfolge feiern.“ Warum das so ist, müsse man analysieren.

Die heutige Trainerin Nerius hat eine klare Meinung dazu: „Jugendliche legen inzwischen nur noch selten ihre Prioritäten auf den Sport. Es ist eine Frage der Einstellung und der Tagesorganisation. Ich habe manchmal das Gefühl, dass der Nachwuchs nicht ehrgeizig und nicht zielstrebig genug ist.“ Ähnlich äußert sich auch Franka Dietzsch gegenüber unserer Redaktion und verweist darauf, dass auch die Entscheidung zwischen Studium, Job oder der Sport-Karriere eine Rolle spielen würde. Denn nicht immer sei eine duale Karriere miteinander vereinbar, sagt die ehemalige Diskus-Weltmeisterin.

Leichtathletik-WM 2023 Budapest: Das sind die deutschen Stars
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Das sind die deutschen Stars bei der Leichtathletik-WM

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Speerwerfer Weber findet: „Man hätte die jungen Leute auf dem Weg zu einer professionellen Leichtathletik-Karriere mehr an die Hand nehmen müssen“, sagt er gegenüber unserer Redaktion. „Es scheitert immer wieder daran, die Talente nach der Schule bei der Stange zu halten, weil das System da Lücken aufweist. Die Förderung beschränkt sich oft nur auf die Besten und das Potenzial der anderen wird nicht mehr gefördert. Die hören dann auf. Das ist schade. Wir müssen mehr Geld in die Jugendarbeit investieren, um den Sport attraktiv zu machen“, so Weber. Er selbst habe davon profitiert, dass er bereits im jungen Alter weit geworfen habe und somit früh gefördert wurde. Beispielsweise bei Hürdenläuferin Carolina Krafzik war dies anders, sie wurde 2019 überraschend Deutsche Meisterin und rückte erst dann in den Förderkader auf. Der DLV profitiert heute davon, dass sie den Sport bis dahin vor allem aus Leidenschaft weiterbetrieben hat.

Wo man wieder beim leidigen Thema Geld im Sport ist. „Viele müssen sich zwangsläufig nebenbei mit anderen Dingen beschäftigen, um Geld zu verdienen“, ist sich Dietzsch sicher. Der deutsche Leichtathletik-Verband hat inzwischen einen Athletenservice eingerichtet, der die Athleten an die Hand nehmen soll und auf die Herausforderungen im Erwachsenenbereich vorbereiten soll. Zudem gebe es „vielfältige Kooperationen und Vereinbarungen, die die Sportler im langfristigen Leistungsaufbau unterstützen, das fängt mit den Eliteschulen des Sports an, mit Kooperationen bei den Hochschulen bis hin zu Förderstellen zum Beispiel bei Bundeswehr und Bundespolizei“, sagt Brügner. Zudem wolle man die Rahmenbedingungen für Trainer und Trainerinnen verbessern und die Athleten besser fördern.

Weitspringerin Mikaelle Assani schaffte es zur WM. Für das Finale reichte ihre Leistung aber nicht.

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Foto: dpa/Marcus Brandt

Doch der DLV steht vor einem Problem, das viele Verbände in Deutschland inzwischen teilen. Die Bundesmittel für den Leistungssport wurden erst kürzlich um zehn Prozent gekürzt. „Dies hat Auswirkungen auf das Gesamtsystem, dessen Tragweite wir derzeit noch nicht abschätzen können“, sagt Brügner. Daher müsse man nun erst recht „alle Kräfte bündeln, um insgesamt den Anschluss nicht zu verlieren, da wir einige Disziplinen haben, in denen wir definitiv aktuell kein Weltniveau anbieten können.“

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