Das Mehrkampf-Meeting ist das große Aushängeschild für Ratingen

Leichtathletik : Weltklasse in Ratingen

In der internationalen Leichtathletikszene ist die Stadt für das hochklassige Mehrkampfmeeting bekannt, das am Wochenende in seine 22. Auflage geht. Ratingen selbst nutzt die Veranstaltung gerne als Werbeträger.

Im Grußwort des Ratinger Bürgermeisters auf der städtischen Internetseite ist Zurückhaltung angesagt – zumindest in Sachen Sport. In 13 Aspekten preist Klaus Pesch seine Kommune, die „Sportstadt“ rangiert erst an zehnter Stelle. Dabei ist Ratingen in den Augen vieler vor allem das: eine Sportstadt. Eine Stadt, die in erster Linie über den Sport bekannt ist. Über die Leichtathletik und das Mehrkampf-Meeting, das am Wochenende zum inzwischen 22. Mal im städtischen Stadion stattfindet. Ratingen steht international in der Leichtathletik als fixer Begriff. So wie Götzis. Letzigrund. Oder das Istaf.

„Wir wissen alle, welch immense Außenwirkung dieses bedeutende Meeting hat. Es ist das sportliche Aushängeschild für die Stadt“, sagt Bürgermeister Pesch. „Im Rahmen der bundesweiten TV-Übertragungen und überregionalen Berichterstattung ist Ratingen in aller Munde und erlangt dadurch einen enormen Imagegewinn.“ Auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) weiß, was er an Ratingen hat: „Das Meeting ist national von größter Bedeutung für die Mehrkämpfer, da es die letzte Qualifikationsmöglichkeit für internationale Großveranstaltungen ist. International zählt es zu den weltbesten Meetings“, sagt Idriss Gonschinska, Leitender Direktor Sport im DLV. Der Europäische Leichtathletikverband EAA ließ eine Anfrage unserer Redaktion zur Bedeutung des Ratinger Wochenendes im Wettkampfkalender unbeantwortet.

In der Szene selbst gilt Ratingen hinter Götzis (Österreich) als zweitstärkstes Mehrkampf-Meeting der Welt. Beide Veranstaltungen sind fester Bestandteil der entsprechenden Mehrkampf-Meeting-Serie des Internationalen Leichtathletikverbandes IAAF. 1997 fand Ratingen zum ersten Mal statt, seitdem gewannen hier Olympiamedaillengewinner wie Roman Sebrle, Frank Busemann oder Vize-Weltmeister Rico Freimuth. Hier triumphierten über die Jahre Olympiasiegerin Jessica Ennis-Hill, Weltmeisterin Sabine Braun oder die WM-Zweite Carolin Schäfer (2017). Letztere ist auch diesmal dabei.

Die Frankfurterin Schäfer acht keinen Hehl daraus, warum sie gerne nach Ratingen kommt. „Ich bin zum zehnten oder elften Mal dabei, ich komme irgendwie nach Hause. Die familiäre Atmosphäre pusht ungemein. Wenn man weiß, dass das Publikum hinter einem steht, kann man fünf Prozent mehr auf die Bahn bringen“, sagt die 26-Jährige. Größte Konkurrentin beim Projekt Titelverteidigung dürfte die Hallen-Vizeweltmeisterin aus Österreich, Ivona Dadic, sein. Bei den Männern setzten sich die deutschen Top-Athleten Arthur Abele und Kai Kazmirek (WM-Dritter von 2017) mit dem Weltmeister aus Frankreich, Kevin Mayer, auseinander.

Über jedem Meeting in diesen Wochen, so auch über Ratingen, schwebt derweil der unumstrittene Saisonhöhepunkt: die Europameisterschaft im August in Berlin. Maximal drei Siebenkämpferinnen und Zehnkämpfer kann der DLV für sein Heimspiel nominieren, und nach insgesamt drei deutschen Medaillen bei der WM in London im Vorjahr sind die Hoffnungen groß, die auf den Athleten ruhen – selbst wenn Silbermedaillengewinner Freimuth wegen mentaler Müdigkeit die EM auslässt. „In Berlin will ich definitiv eine Medaille nach meiner WM-Medaille im letzten Jahr“, sagt Kazmirek. Gonschinska freut die Ausgeglichenheit seiner Kandidaten: „Bei den Mehrkämpfern gestaltet sich der Nominierungsprozess für die EM in Berlin noch absolut offen. Dies bietet beste Voraussetzungen für Spitzenleistungen bis zur letzten Disziplin“, sagt er.

Für Bürgermeister Pesch und die Organisatoren vom TV Ratingen geht es derweil nicht um EM-Tickets, sondern darum, aus der Strahlkraft der zweitägigen Veranstaltung nachhaltige Anziehungskraft für die Stadt zu ziehen. „Ratingen ist eine sportbegeisterte Stadt, offen für den Spitzensport und sehr engagiert für den Breitensport. Etwa jeder dritte Ratinger ist Mitglied in einem Sportverein. Gute Sportanlagen und guter Sport zählen zu den weichen Standortfaktoren“, sagt Pesch.

Und vielleicht schafft der Standortfaktor Sport im Zuge dieser Erkenntnisse ja den „Aufstieg“ – in das Grußwort auf der städtischen Internetseite.

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