Cindy Roleder: Die Rückkehr der Hürdenläuferin

Leichtathletik: Die Rückkehr der Hürdenläuferin

Sieben Monate setzt der Ischiasnerv Cindy Roleder außer Gefecht. Nun meldet sich die Europameisterin und WM-Zweite zurück im Duell mit Pamela Dutkiewicz. Heute Abend starten beide beim Meeting in Düsseldorf.

Alles ist angerichtet an diesem 12. August 2017. Die Weltspitze hat sich vor den acht Startblöcken versammelt. Knapp 65.000 Zuschauer im WM-Stadion von London erwarten den Finallauf über 100 Meter Hürden. Das ist der Moment, auf den Cindy Roleder monatelang hingearbeitet hat. Und jetzt sitzt sie zu Hause vor dem Fernseher. Schaut zu, wie Pamela Dutkiewicz Bronze für Deutschland gewinnt. Nicht sie, Roleder. Eine Entzündung des Ischiasnervs hatte sie im Mai zum Saisonende gezwungen. "Natürlich habe ich mir das Finale angeguckt. Das verlangt schon der Respekt, den ich vor meinen Konkurrentinnen habe. Natürlich war auch ein bisschen Wehmut dabei, aber damit musste ich umgehen. Ich finde, ich habe das ganz gut geschafft", sagt Roleder heute. Gut sieben Monate später. Zurück auf der Bahn.

Heute Abend geht die 28-Jährige vom SV Halle beim PSD-Bank-Meeting in der Leichtathletik-Halle im Düsseldorfer Arena-Sportpark an den Start. Bereits vorgestern reiste sie an, per Fahrgemeinschaft mit Sprinter Julian Reus vom LAC Erfurt. Und genau das ist das, was sie braucht: Starts. Starts, Starts und nochmal Starts. Zwei vielbeachtete hat sie in dieser Hallensaison schon absolviert. Beim Istaf Indoor in Berlin wurde sie Dritte über die 60 Meter Hürden. In 7,93 Sekunden. Am Samstag in Karlsruhe war sie wieder Dritte. Diesmal in 7,84 Sekunden. Einstellung der eigenen Bestzeit. "Nach sieben Monaten ohne Wettkämpfe freue ich mich gerade einfach auf jedes Meeting. Vor allem auf die Atmosphäre. Das glaubt man gar nicht, wie sehr man so etwas vermisst. Wie ich jetzt zurückgekommen bin, hätte ich aber selbst nicht gedacht", sagt Roleder.

Sie lächelt, als sie diesen Satz sagt - "wie ich jetzt zurückgekommen bin". Denn das war ja lange die große Unbekannte, die in ihrem Kopf herumspukte während der Zwangspause. Wie würde sie zurückkommen? Sie, die Vize-Weltmeisterin von 2015, die Europameisterin von 2016, die Hallen-Europameisterin von 2017. Mit den Leistungen aus Berlin und Karlsruhe beseitigte sie nun solche Zweifel. "Es gibt mir Sicherheit, dass ich weiß, ich kann da vorne wieder mitmischen. Und es wissen jetzt alle, dass ich wieder da bin", sagt Roleder. Die Konkurrenz darf letzteres durchaus als Ansage verstehen.

Die Verletzung hat Roleder verändert. Das gibt sie offen zu. Vor allem die Art der Verletzung. "Am härtesten war es, zu erkennen, dass einem keiner richtig helfen kann, dass es keine Medizin dagegen gibt außer Beine hochlegen und abwarten. Das Einzige, was sonst etwas gebracht hat, war Vitamin B12. Toll, oder?", erzählt sie.

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Sie hatte die verschiedensten Therapeuten und Ärze besucht, sogar einen Neurologen, um einfach mal zu schauen, ob der Ischiasnerv überhaupt noch reagiert. Das tat er, und deswegen reagierte Roleder auch. "Ich gehe viel öfter als früher zur Physiotherapie. Ich habe die Ernährung ein bisschen umgestellt. Das Training passte auch früher zu 100 Prozent, aber die anderen Dinge, die nebenbei gelaufen sind, die waren halt nicht hundertprozentig professionell. Daraus habe ich gelernt", sagt sie.

Es ist bei ihr wie letztlich bei vielen Athleten, die ihr Comeback angehen. Sie horchen mehr in sich hinein, steuern die Belastung besser. Das frühere Gefühl, Kraft ohne Ende zu haben, wich dem Gefühl, mit den Kräften haushalten zu müssen. "Ich merke den Nerv schon immer mal wieder, aber ich weiß damit umzugehen. Und ich habe meine ein, zwei Übungen, um gegenzusteuern. Insgesamt bin ich überrascht, wie gut es mir nach den jüngsten Wettkampfbelastungen geht", sagt Roleder.

Das stimmt sie positiv, dass sie den Trainingsaufbau in dieser Saison wie geplant durchziehen kann. "Das gesamte Training ist auf Berlin ausgerichtet. Mein Hauptziel ist es, dort meinen Titel zu verteidigen. Das wird ein Riesen-Fest", sagt Roleder mit Blick auf den Saisonhöhepunkt im August, die EM im Olympiastadion. Die Veranstaltung, die sie entschädigen soll für das Zuschauen von London. Doch vielleicht weil Roleder selbst zugibt, dass Sprinterinnen eher mentale Einzelgänger sind, fokussiert auf sich und die eigene Bahn, hat der Rummel um Dutkiewicz im Anschluss an ihren Bronzelauf bei der WM das Verhältnis der beiden auch nicht belastet. "Wir fordern uns, aber wir respektieren auch die Leistung der jeweils anderen", sagt Roleder. Vor ihrer Verletzung war sie der Platzhirsch, die Wattenscheiderin Dutkiewicz die Herausforderin.

Jetzt ist es anders, anders auch deswegen, weil in Nadine Hildebrand und Ricarda Lobe zwei weitere aus dem Team des Deutschen Leichtathletik-Verbandes längst in die erweiterte europäische Spitze hineingestoßen sind. "Ich finde es richtig super, dass ich als Titelverteidigerin die Wild Card für die EM habe und so drei weitere Deutsche teilnehmen können. Unser Traum ist es, dass alle vier im Finale stehen. Wir haben das Potenzial, das hinzubekommen - und dann hole ich am liebsten den Titel", sagt Roleder und lacht. Es ist das Lachen einer, die weiß, dass sie zurück ist.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Roleder stürmt über die Hürden zum EM-Titel

(klü)