Ziel Halbfinale bei der Leichtathletik-WM So bekommt Hürdenläuferin Krafzik Leistungssport und Lehrerberuf unter einen Hut

Interview | Budapest · Hürdenläuferin Carolina Krafzik spricht im Interview über ihren Lehrerberuf, wie dieser mit dem Leistungssport vereinbar ist, wie sie mit Femke Bol umgeht und welche Ziele sie für die Leichtathletik-WM in Budapest hat.

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Carolina Krafzik strahlt den Spaß an der Leichtathletik aus. Die Hürdenläuferin wird auch in Budapest wieder ihr breitestes Grinsen aufsetzen, wenn sie am Start stehen wird. Ob dann Femke Bol oder sonst jemand neben ihr steht, wird sie nicht einschüchtern. Ihr Ziel ist klar: mindestens das Halbfinale soll es sein. Als Lehrerin im Hauptberuf wäre dies sicher schon ein Erfolg. Im Interview spricht sie darüber, wie sie den Leistungssport mit dem Lehrerberuf kombiniert und wie ihr die Schüler beim Entspannen helfen.

Frau Krafzik, Sie haben Ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht – aber etwas anders als andere Aktive. Sie sind hauptberuflich Lehrerin und betreiben dennoch Leistungssport. Fällt es Ihnen manchmal schwer, den Schalter zwischen Schule und Sport umzulegen?

Krafzik Nein, das bin beides ich. Ich bin vormittags die Lehrerin und am Nachmittag die Hürdenläuferin. Aber ich bin in beiden Rollen Carolina Krafzik. Da gibt es keinen Unterschied. Ich unterrichte gern und wollte schon immer Lehrerin werden. Das ist keine Belastung für mich, weil das meine Leidenschaft ist. Genauso wie der Sport. Ich habe das im Studium und im Referendariat schon so durchgezogen. Vollzeit würde ich das aber nicht schaffen, deshalb bin ich dem Land Baden-Württemberg sehr dankbar, dass ich eine halbe Stelle ausüben kann. Mein Beruf und der Leistungssport lassen sich so gut kombinieren, weil ich den Kindern durch meine Erfahrungen beibringen kann, dass es nicht nur um Gewinnen oder Verlieren geht. Es geht um die Werte des Sports.

Wie blicken Sie mit Ihrem eigenen Werdegang im Kopf auf die Forderungen nach mehr Professionalisierung des Sports in Deutschland?

Krafzik Es ist kein Zuckerschlecken, den Beruf und den Leistungssport unter einen Hut zu bekommen. Ich muss mich gut organisieren, aber mein Umfeld steht komplett hinter mir. Als ich mit dem Studium begonnen habe, war ich aber sportlich noch nicht auf dem Niveau, auf dem ich heute bin. Ich bin da etwas reingerutscht (lacht). Bis dahin hatte ich aber bereits täglich trainiert, hatte verständnisvolle Dozenten und Kommilitonen. Nach dem Studium stand ich vor der Frage, ob ich mich voll auf den Leistungssport konzentriere. Das kam für mich nicht infrage, weil ich auch im Kopf gefordert werden wollte – im Lehrerberuf. Darauf muss man sich einlassen. In Baden-Württemberg habe ich das Glück, dass es die Förderung für Sportler im Lehrberuf gibt – die gibt es in keinem anderen Bundesland und bietet mir viele Vorteile. Ich komme mit meinem Weg gut klar, muss aber auch sagen, dass ich bereit gewesen wäre, den Lehrerberuf für den Leistungssport hintenanzustellen, wenn es nicht hingehauen hätte. Deshalb möchte ich mir da kein Urteil für andere erlauben.

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Glauben Sie, dass Sie sich sportlich noch schneller hätten entwickeln können, wenn Sie einen anderen Weg gegangen wären?

Krafzik Das ist schwer zu sagen. Ich war bis 2019 ja nicht mal in einem Förderkader. Ich war auf Landesebene immer weit vorn – aber nicht auf Bundesebene. Ich habe vor allem trainiert, weil ich da Spaß dran hatte und das neben dem Studium gut passte. 2019 habe ich dann bei den Deutschen Meisterschaften überraschend den Titel geholt und wurde für die WM nominiert. Ab da hat sich das erst geändert. Es gibt Sportler, die gern zwei Mal am Tag trainieren, sich vollends auf die Karriere konzentrieren. Bei mir haben sich die Puzzleteile aber so gut zusammengefügt, dass ich absolut zufrieden bin. Ich kann nicht mal sagen, ob das so gekommen wäre, wenn ich mich voll auf den Sport konzentriert hätte. Vielleicht habe ich auch deshalb meine Lockerheit behalten, weil die sportliche Leistungsentwicklung erst in den vergangenen Jahren kam.

Mit dieser Lockerheit fallen Sie im deutschen Team auf. Kommt die daher, weil Sie nach einem Wettkampf wissen, dass es am Montag in der Schule wieder um andere Dinge geht?

Krafzik Es geht um Anspannung und Entspannung im Leben. Ich will meine Ziele erreichen und natürlich ziehen mich Niederlagen – wie etwa bei der EM – erst einmal runter. Man muss selbstkritisch sein, aber nicht übertreiben. Es hilft mir, wenn mir die Kinder mit ganz alltäglichen Problemen begegnen. Das holt mich immer wieder runter und zeigt mir, dass es um mehr als den reinen Leistungsgedanken im Sport geht. Durch den Beruf wird mir täglich bewusst, dass das Leben immer weitergeht und viele andere Dinge bietet. Das hilft mir wiederum im Sport. Aus Rückschlägen ziehe ich Kraft, weil ich es beim nächsten Mal besser machen will. Das klappt bislang ganz gut.

Die EM war für Sie einer dieser Rückschläge, weil Sie im Finallauf vor einer Hürde Probleme hatten und deshalb nicht mehr ins Medaillenrennen eingreifen konnten. Das wird bei der WM noch schwieriger. Eine Finalteilnahme wäre sicher ein Erfolg. Sehen wir in Budapest denn drei Läufe von Ihnen?

Krafzik Das müssen wir mal abwarten (lacht). Ich bin guter Dinge, dass ich mindestens das Halbfinale erreichen werde. Die Finalteilnahme ist ein Traum, es wird aber schwierig sein, diesen zu erfüllen, weil das Niveau bei der Weltmeisterschaft extrem hoch ist. Femke Bol, die Amerikanerinnen oder Jamaikanerinnen laufen mindestens 53er-Zeiten. Da bin ich im Moment nicht, da muss ich realistisch bleiben. Sechs Startplätze sind fürs Finale vermutlich schon vergeben. Um die anderen kämpfen dann ein paar Sportlerinnen. In diesen Kampf will ich eingreifen und vielleicht kann ich über mich hinauswachsen. Ich will vor allem eine gute Zeit auf die Bahn bringen.

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Sind Sie noch aufgeregt, wenn Sie, die Lehrerin aus Baden-Württemberg, neben diesen Superstars der Leichtathletik stehen?

Krafzik Nein, dann bin ich komplett in meiner Leistungssport-Welt und nicht die Lehrerin, die mit Zehnjährigen Sport macht. Das schüchtert mich nicht ein, weil ich aufgrund meiner Leistungen zurecht dort stehe. Realistisch gesehen kann ich nicht mit Femke Bol oder Sydney McLaughlin- Levrone mitlaufen. Das ist eine andere Welt, so ehrlich muss ich zu mir sein. Aber ich laufe bei einer WM ja nicht mit, weil ich das irgendwo gewonnen habe. Die Stars sind in der Bringschuld, weil jeder von ihnen den Titel erwartet, deren Druck ist wahrscheinlich deutlich höher als der, der auf mir lastet. Wenn ich sie aber sehe, weiß ich, wofür ich arbeite. Es ist mein Ziel, auch irgendwann dahinzukommen.

Auf der anderen Seite sind Sie in Deutschland derzeit die deutlich stärkste Hürdenläuferin über die 400 Meter. Fehlt Ihnen die interne Konkurrenz?

Krafzik Ich muss mich in jedem Jahr neu beweisen und hatte immer kleinere Probleme in einer Saison. Mal war ich in einem Jahr stark mit mir selbst beschäftigt, mal musste ich um meine Norm kämpfen, weil ich verletzt war. Von daher fiel das gar nicht so auf. Meine Herausforderinnen pushen mich schlussendlich, weil ich diesen Abstand auch halten will.

Ihre direkte WM-Vorbereitung lag nun in den Schulferien. Haben Sie deshalb das Training etwas umgestellt?

Krafzik Nein, wir haben auch in den Ferien täglich einmal zwei bis drei Stunden trainiert, sind also beim normalen Plan geblieben. Aber natürlich war ich etwas flexibler und wir konnten uns nach dem Wetter oder der benötigten Erholungsphase richten. Wir waren in unserer gewohnten Umgebung und haben alles so gelassen, wie es war. Das hat schließlich bislang gut geklappt.

 Karolina Krafzik ist die schnellste deutsche Hürdenläuferin Deutschlands.

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Foto: AP/Martin Meissner

In der Regel trainieren Sie am Nachmittag oder Abend. Auch die Wettbewerbe in Budapest finden abends statt. Ist das für Sie ein Vorteil, weil der Körper sich nicht umstellen muss?

Krafzik Für Budapest muss ich meinen Rhythmus nicht ändern und kann meinen gewohnten Tagesablauf durchziehen. Das war zum Beispiel vor den Olympischen Spielen in Tokio anders. Da musste ich um fünf Uhr bereits aufstehen und entsprechend habe ich in der Vorbereitung auch schon morgens trainiert.

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