Lance Armstrong tritt ab

Lance Armstrong tritt ab

Held oder Betrüger? Wohltäter oder Egoist? Der siebenmalige Tour-de-France-Sieger verkörpert den Sport der vergangenen anderthalb Jahrzehnte in all seiner Faszination und mit all seinen Problemen.

Austin/Düsseldorf In einem Café an der Ecke 29th/Rio Grande Street in Austin beendet Lance Armstrong den Tag. "Texas French Bread", Französisches Brot, heißt das Lokal, in dem er zum Abschluss zu Abend isst. Das passt. In Frankreich hatte seine Karriere ihre größten, ihre bewegendsten und verstörendsten Momente. Eine der großen Figuren des Weltsports nimmt Abschied. Ganz anders, als es über anderthalb Jahrzehnte seine Art war: ganz unspektakulär. Ein Interview mit der Nachrichtenagentur ap ("Es war eine exzellente Reise"), das war's.

Platz 65 bei der australischen "Tour Down under" steht als letztes Resultat in seinem Palmares, wie die Radsportler die Liste ihrer Platzierungen nennen. Den Start bei der Kalifornien-Rundfahrt spart er sich. Europa hat er schon im Sommer nach Rang 33 bei seiner letzten Tour de France den Rücken zugewandt.

"Danke für all die Nachrichten zu meinem Rücktritt 2.0 – und für all die Unterstützung in den vergangenen zweieinhalb Jahren", teilt er über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Sein Plan, nach seiner Rückkehr nach drei Jahren Pause zum achten Mal die Tour de France zu gewinnen, geht nicht auf. Armstrong ist nicht länger der Unantastbare ohne Stürze und ohne Defekte.

Er verkörpert den Sport unserer Zeit. Er entwickelte sich – anders als Merckx, Coppi oder andere große Rennfahrer vergangener Tage – zur globalen Marke des Internet-Zeitalters. Wie der Basketballer Michael Jordan oder Usain Bolt, der Sprinter. Der Hodenkrebs, die Rückkehr aufs Rennrad, die Dominanz im Feld, die Duelle mit Jan Ullrich, die wegen der Überlegenheit des Texaners selten solche waren – Armstrong faszinierte die Sportwelt.

Mit George Bush jun. radelte er, mit Rocksängerin Sheryl Crowe war er Jahre zusammen. Seine Aura erfasste Washington und Hollywood. Radsport wurde zum Trendsport der Manager im Autoland USA. Armstrong sprach auf Kongressen, sammelte Millionen für den Kampf gegen Krebs und gerierte sich als Weltverbesserer. Die gelben Gummi-Armbänder seiner Stiftung "Livestrong" eroberten die Welt. Die staubigen Landstraßen reichten Armstrong nicht. Den Traditionalisten des europäischen Radsports war er indes nie geheuer. Zu beherrschend schien seine Stellung im Peloton, zu kalt seine Aura. Zu fremd blieb er ihnen.

Er gab seiner Sportart viel. Doch er stürzte sie auch ins Verderben und raubte ihr die wirtschaftliche Basis. Nicht er allein. Aber wie kaum ein anderer wird er mit den dunklen Seiten einer faszinierenden Sportart in Verbindung bleiben. Sechs bei der Frankreich-Rundfahrt 1999 entnommene und ihm von der Sportzeitung "L'Equipe" zugeordnete Proben wurden positiv auf das Ausdauermittel Epo getestet. Es gibt zudem eine eidesstattliche Versicherung ehemaliger Freunde, er habe 1996 in Gesprächen mit einem Arzt Doping gestanden. 125 000 Dollar spendete er dem Weltverband UCI. Um Dopingfälle zu vertuschen? "Ich weiß was ich tue, und ich weiß, was ich getan habe", lautet eine seiner Standardaussagen zum Thema.

Vergleichsweise frisch sind die Anschuldigungen seines ehemaligen Kollegen Floyd Landis über systematisches Doping im früheren Team US Postal. Jeff Novitzky jagt Armstrong auf dieser Grundlage. Der Chefermittler der US-Behörden, der Sprinterin Marion Jones und Baseball-Legende Barry Bonds überführte, ermittelt gegen ihn. Das Team soll unter Armstrongs Regie mit staatlichen Geldern Dopingmittel gekauft haben. Armstrong ist vom Rad gestiegen. Doch die Jagd auf ihn geht weiter.

Armstrong sagt, er wolle sich verstärkt seiner Familie und seiner Stiftung widmen. Doch viel mehr scheint die Erkenntnis, mit 39 Jahren nicht mehr angreifen zu können, der Grund für seinen Rücktritt. Oder hat ihn der Abwehrkampf gegen die Dopingjäger zermürbt?

Das Rad dreht sich auch ohne Armstrong weiter. Der neue Luxemburger Rennstall Leopard zieht Aufmerksamkeit auf sich. Die Deutschen Roger Kluge und Gerald Ciolek machen von sich reden. Doch den Sound bestimmen zu deren Leidwesen andere Themen. Die missglückte Eigenbluttransfusion des Italieners Ricardo Ricco. Oder Alberto Contadors Rückkehr. Trotz vier positiver Tests auf Clenbuterol und Hinweisen auf Blutpanscherei startet der Tour-Sieger in Portugal. Gleichzeitig zerschlägt die Polizei einen Doping-Ring im katalanischen Girona. Sie beschlagnahmt Epo, Clenbuterol, Wachstumshormone, das volle Programm eben.

Girona diente Armstrong lange als europäischer Sitz.

(RP)
Mehr von RP ONLINE