Handball-WM: Volker Zerbe im Interview - „Keine klare Nummer eins im Tor“

Ex-Handballer Volker Zerbe im Interview: „Für mich gibt es keine klare Nummer eins im Tor“

Handball-WM-Taktikanalyse mit Volker Zerbe

284 Mal hat Volker Zerbe für die deutsche Handball-Nationalmannschaft gespielt, beim TBV Lemgo ist er eine Spieler-Legende. Wir haben mit ihm über die Handball-WM 2019, die Torwartposition und deutsche WM-Chancen gesprochen.

Volker Zerbe ist eine beeindruckende Erscheinung. Daran hat sich auch 13 Jahre nach seinem Karriereende als Profi-Handballer nichts geändert. Einzig zwischen die rot-blonden Haare haben sich ein paar weiße geschlichen. Als der 2,11 Meter große ehemalige Nationalspieler die Halle „Fuchsbau“ in Berlin betritt, streckt er gleich die Hand zur Begrüßung herunter. Mittlerweile ist er Sportkoordinator bei den Füchsen Berlin. Für den Handballsport lebt er also immer noch.

Herr Zerbe, wo haben Sie das WM-Eröffnungsspiel gesehen?

Zerbe Bei dem Spiel war ich in der Halle in Berlin. Es war sehr schön, beim Auftakt der Heim-WM mit dabei zu sein. Es war eine würdige, stimmungsvolle Atmosphäre.

Wie war es, ehemalige Kollegen aus der Nationalmannschaft zu treffen?

Zerbe Es ist immer schön, weil wir über einen langen Zeitraum sehr viel Zeit zusammen verbracht haben und viele Erfolge feiern durften. Aber nach Ende unserer aktiven Laufbahn haben wir alle unterschiedliche Wege eingeschlagen. Viele Gelegenheiten gibt es da nicht, in der Vergangenheit zu schwelgen.

Drei Spieler der Füchse Berlin sind im WM-Team. Wie hat Silvio Heinevetter reagiert, als er erfahren hat, dass er nur die Nummer zwei im Tor ist?

Zerbe Ich glaube, dass diese Aussage gar nicht so in Stein gemeißelt ist. Wir wissen alle, dass die Torhüterposition sehr wichtig ist. Da braucht man das Vertrauen des Bundestrainers. Aber das genießt Silvio genauso wie Andreas Wolff. Deswegen glaube ich, dass es im Turnier keine klare Nummer eins gibt. Das Tandem muss funktionieren. Wer draußen sitzt, muss den spielenden unterstützen. Beide wissen das.

Was trauen Sie den Berlinern Paul Drux und Fabian Wiede zu?

Zerbe Beide haben sich in den vergangenen Jahren einen gewissen Stellenwert in der Nationalmannschaft erarbeitet. Paul ist ein Spieler, der sehr aggressiv decken kann und dynamisch im Angriff spielt. Er wird sicherlich ein Aktivposten sein. Fabian ist ein extrem kreativer Spieler mit einem sehr hohen Spielverständnis. Er hat ein Auge für den freien Mitspieler und löst Situationen sehr clever. Er kann von der Halbposition kommen, aber auch aus der Mitte agieren.

Welche Defizite sehen Sie noch bei der Nationalmannschaft?

Zerbe Sie hat gut in das Turnier hineingefunden und konnte sich in Deckung und Angriff Sicherheit holen, das war wichtig. Das Team kann an der Chancenverwertung noch arbeiten. Ansonsten ist der Spielfluss schon ziemlich gut.

Ist es ein Risiko, keinen Ersatz als Rechtsaußen zu haben?

Zerbe Es ist in den Nationalmannschaften durch die Bank so, dass man eher einen Abwehrspieler mehr mitnimmt, als einen vierten Außenspieler. Die Entscheidung gegen Tobias Reichmann war insofern nachvollziehbar, wobei man immer streiten kann, wer zurzeit der bessere Spieler ist. Als Trainer würde ich auch immer die Option wählen, einen Verteidiger mehr zu haben.

Ihnen ist eine Heim-WM in Ihrer Karriere verwehrt geblieben.

Zerbe Das empfinde ich als sehr, sehr schade. Eine WM oder EM zuhause vor den eigenen Leuten zu spielen, ist etwas ganz Besonderes.

Der Bundestrainer steht auf dem Prüfstand. Glauben Sie, dass ein Aus vor dem Halbfinale auch das Aus für Prokop wäre?

Zerbe Ich glaube, dass die Fehler der Vergangenheit gut aufgearbeitet wurden. Die Mannschaft präsentiert sich sehr gut. Ich traue der Nationalmannschaft das Halbfinale zu. Es muss zu erkennen sein, dass alle ein Team sind und nur einen Willen haben: den Platz immer siegreich zu verlassen.

Sie habe Lemgo vor sechs Jahren verlassen und leben nun in Berlin. Vermissen Sie NRW?

Zerbe Ich bin in Berlin heimisch geworden und fühle mich sehr wohl. Es ist eine tolle Aufgabe hier bei den Füchsen und insofern bin ich absolut integriert.

(ball)
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