Handball-WM 2019: Die unwahrscheinlichen Wege des Christian Prokop

Handball-Bundestrainer Christian Prokop : Erst Sündenbock, jetzt Hoffnungsträger

Christian Prokop stieg 2017 als gefeierter Mann zum Handball-Bundestrainer auf. Bei der EM 2018 wurde er zum großen Sündenbock. Und jetzt soll er das Nationalteam zum WM-Titel führen. Kann er das?

Als sich Christian Prokop schwer am Knie verletzt und um seine Karriere fürchten muss, entscheidet er sich für einen radikalen Schritt. Der geborene Rechtshänder schult sich zum Linkshänder um. Er isst fortan mit links, schreibt mit links, wirft mit links – und springt folglich am Handball-Kreis nur noch mit dem rechten Bein ab. Unter Vollnarkose lässt er sich den Oberschenkel brechen, um den Belastungsdruck zu verändern. Was daraus folgt, ist kaum interessant. Denn Prokop gelingt es nie wieder, Bundesliga-Niveau zu erreichen. Seine Karriere endet 2003 bei der HG Köthen, unter seinem Vater als Trainer. Es ist Prokops Einstellung, ein Ziel gegen jeden Widerstand erreichen zu wollen, die verblüfft.

Kaum hatte Prokop seine Karriere beendet, startete er im Alter von 25 Jahren seine Trainerlaufbahn. Und alles begann wie in einem Märchen: Nach einem Lehramtsstudium und mehreren Stationen als Jugendtrainer und in der Regionalliga, heuerte er 2011 beim Zweitligisten Schwerin an. Die Insolvenz des Klubs ist sein Glück im Unglück: Er wird Trainer beim Traditionsverein Tusem Essen – und wird damit unverhofft Bundesligacoach. Nur zwei Jahre später wechselt er zur Saison 13/14 zurück in die ostdeutsche Heimat, zum SC DHfK Leipzig, den er noch unverhoffter zum Aufstieg in die „stärkste Liga der Welt“ führt. Prokop wird zum Trainer der Saison 2015/16 gewählt. Im Februar 2017 verpflichtet ihn der Deutsche Handballbund (DHB) gar als Bundestrainer. Mit 39 Jahren ist er einer der jüngsten aller Zeiten – und ganz oben angekommen. Fortan aber nimmt das Märchen die Züge eines Dramas an.

Das klassische erregende Moment bleibt aus, doch der Konflikt spitzt sich zu. Prokop eckt mit seinem Charakter und seiner Entscheidungsfindung an. Extrem zeitintensive Videoanalysen, eine strenge Handhabe, so hat Nationaltorwart Silvio Heinevetter den prokopschen Stil vor gut einem Jahr mal beschrieben. Als Akribie würden es die einen bezeichnen. Als Penibilität jene, die ihm weniger wohlgesonnen sind. Und im Frühjahr 2018 waren das dem Vernehmen nach einige Profis im deutschen Handball-Nationalteam, weil auch der sportliche Misserfolg kam. Es ist die Phase, in der die vormals steile Karriere des Christian Prokop plötzlich am seidenen Faden hängt.

Der DHB hatte die Rekordablöse von 500.000 Euro an den SC Leipzig gezahlt, um den Handball-Lehrer aus seinem Vertrag zu kaufen. Schon das war kein dankbarer Start. Die Misere bei der EM 2018 in Kroatien begann dann mit drei umstrittenen Personalentscheidungen: Finn Lemke, Fabian Wiede und Rune Dahmke. Drei Nationalspieler, mit denen Prokops Vorgänger Dagur Sigurdsson zwei Jahre zuvor noch Europameister geworden war, ließ der neue Bundestrainer bei seinem ersten großen Turnier daheim. Die freien Plätze besetzte er etwa mit Spielern aus seinem Ex-Klub Leipzig: Der Vorwurf der Vetternwirtschaft wurde laut. Sein Ansehen bröckelte schon, da war noch kein einziges EM-Spiel absolviert. Der Zwist zwischen Trainer und Spielern zeigte sich denn auch auf der Platte.

Es war die letzte Auszeit der Deutschen im letzten Vorrundenspiel gegen Mazedonien. Der Trainer hatte einen Plan. Und die Spieler hatten einen anderen. Sie verließen die kurze Besprechung mit unterschiedlichen Ideen. Das Spiel endete 25:25. Deutschland wurde später enttäuschender EM-Neunter. „Zoff im Nationalteam“ oder „Kritik an Prokop wird lauter“, so lasen sich die Schlagzeilen. Am 19. Februar 2018 aber, einige Wochen und noch mehr klärende Gespräche später, ist klar: Der Hochgeflogene stürzt nicht ab. Er bleibt Bundestrainer.

Nach enttäuschenden jüngsten Welt- und Europameisterschaften steht das Team in der Bringschuld. Aufbauarbeit war ausgerechnet im Jahr vor der WM im eigenen Land (10. bis 27. Januar) gefordert. Und jetzt muss Prokop liefern.

Dabei war der zweifache Vater nie der Draufgänger-Typ. Er scheute stets das Rampenlicht. Bei Presskonferenzen und TV-Auftritten wirkt er eher in sich gekehrt. Auch jüngst im „Aktuellen Sportstudio“ war das so: Neben Ex-Bundestrainer Heiner Brand, der in der TV-Sendung Genügsamkeit ausstrahlte, weil sich der Weltmeister-Trainer 2007 der Verdienste der Vergangenheit und seiner 66 Jahre Lebenserfahrung bedienen konnte, wirkte Prokop nervös und bemüht, bloß nichts Falsches zu sagen. Vielleicht erklärt auch das die jüngste Umfrage, nach der Prokop nur 25 Prozent der Deutschen das Vertrauen aussprechen. Sein Vorgänger, der Isländer Sigurdsson, hatte es mit seinem nordischen, offenen Wesen meist leichter.

An Heiligabend ist Prokop 40 Jahre alt geworden. Auch wenn er nach eigener Aussage kaum gefeiert hat, weil er mit den Gedanken längst bei der WM war: Prokop hat dazugelernt. Er sucht die klare Kommunikation. Sich früh für Torwart Andreas Wolff als Nummer eins (vor Silvio Heinevetter) zu entscheiden, ist ein Indiz dafür. Am Sonntag benennt er den finalen 16er Kader für die WM. Er weiß, dass er die Nationalspieler auf seiner Seite braucht, wenn er Erfolg haben will.

Prokop ist nicht mehr der Überflieger, noch ist er ein Gemiedener. Er ist der, der das nächste Wintermärchen nach 2007 wahr machen soll. Das Halbfinale hat er als Minimalziel genannt, genau wie bei der EM 2018. Nur hoffentlich anders.