VfL Gummersbach: So will der Verein zurück in die 1. Handball-Bundesliga

Nach dem historischen Abstieg : So will der VfL Gummersbach zurück in die 1. Liga

Vor einigen Monaten ist der VfL Gummersbach zum ersten Mal in die 2. Handball-Bundesliga abgestiegen. Spätestens seitdem hat sich beim Traditionsverein viel verändert. Doch der Beistand bleibt riesig.

Schon aus weiter Entfernung sind sie zu erkennen. Die Fans des VfL Gummersbach hüllen große Teile des Hallen-Vorplatzes in weiß und violett – die Vereinsfarben des Handball-Traditionsvereins. Es ist der 11. Spieltag in der 2. Handball-Bundesliga. In der heimischen Schwalbe-Arena spielt der VfL im Derby gegen den TuS Ferndorf aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein (Endstand 19:18). Nur ganz wenige Tribünenplätze sind an diesem Abend noch frei. Die Fans feuern ihre Mannschaft lautstark an, bejubeln jeden Treffer, jede Parade, schwenken Fahnen, klatschen im Rhythmus. Bei den VfL-Anhängern war die Stimmung jedoch zuletzt nicht immer so gut.

Rückblick: Am 10. Juni 2019 steigt der VfL Gummersbach zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte in die 2. Liga ab. Das 25:25 bei der SG Bietigheim-Bissingen reicht nicht zum Klassenerhalt. Die Fans sind enttäuscht, Spieler weinen. „Das tut allen weh heute“, sagt VfL-Trainer Torge Greve, der seit März 2019 in Gummersbach arbeitet und auch nach dem Abstieg weitermachen darf, an diesem Tag. 53 Jahre am Stück spielte der Traditionsverein aus dem Oberbergischen im deutschen Oberhaus, wurde zwölf Mal Meister und gewann fünf Mal den Pokal. „Für Handball-Deutschland ist das ein Verlust“, sagte der frühere Bundestrainer und VfL-Legende Heiner Brand nach dem Gang in Liga zwei.

Auch heute noch ist VfL-Geschäftsführer Christoph Schindler traurig über den Abstieg. Die 2. Liga sieht Schindler dennoch als Chance, den Verein in ruhige Gewässer zu führen. Oberste Priorität hat, dass der VfL Gummersbach wirtschaftlich auf gesunden Füßen steht. „Wir müssen überall sparen – nicht erst seit dem Abstieg“, sagt Schindler. Der von Altlasten geplagte VfL hatte schon im letzten Jahr 750.000 Euro am Kader sparen müssen. Der Abstieg vergrößerte den finanziellen Druck noch weiter.

Geschäftsführer Schindler setzt deshalb voll auf die Jugend. „Wir haben nicht die Möglichkeiten, um nur fertige Spieler zu kaufen, wir müssen sie uns selbst aufbauen“, sagt er. Die 2. Liga ist dabei eine Riesenchance für die Spieler aus der Akademie, sich zu entwickeln. Sechs Mann aus der eigenen Jugend spielen beim VfL derzeit in der ersten Mannschaft, vier davon sind gebürtige Gummersbacher. „So etwas gab es das letzte Mal in den 70er Jahren“, erinnert sich Schindler. „Das schafft Identifikation.“

Doch die neue Generation großer Talente bleibe trotz regelmäßiger Spielzeit nicht ewig in Gummersbach. „Wir sind ein Ausbildungsverein geworden“, erklärt Schindler. Das ist nichts Neues. Heutige Nationalspieler wie Patrick Wiencek (THW Kiel), Steffen Fäth (Rhein-Neckar-Löwen) oder Julius Kühn (MT Melsungen) stehen längst nicht mehr beim VfL, sondern bei Spitzen-Klubs unter Vertrag.

Auch etliche erfahrene Profis sind an Bord geblieben oder hinzugekommen. Bestes Beispiel ist Torwart Filip Ivic, der vom polnischen Champions-League-Halbfinalisten Kielce kam. „Wir haben eine Mannschaft auf dem Platz, die den Weg mitgeht und den Karren wieder aus dem Dreck ziehen will“, sagt Schindler. Und der VfL hat mit Greve einen Betreuer, der nachweislich gut mit Talenten umgehen kann. „Er ist der Trainer, den wir brauchen“, sagt Schindler.

Der neue VfL Gummersbach kommt bei den Fans gut an. Bernd Schneider hat in seinem Leben schon viele Heimspiele des VfL besucht, ist „eigentlich schon immer Fan“. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Schneider, der früher selbst Handball gespielt hat. Er findet es gut, dass der Verein vermehrt auf junge Leute setzt. „Und der Trainer hat die Jungs auch im Griff.“ Die Euphorie rund um den Verein sei trotz des Abstiegs zu spüren. Zu jedem Spiel kämen viele Fans. „Die Zuschauer sind eine Bank.“

Fans des VfL Gummersbach jubeln über einen Treffer ihrer Mannschaft im Derby gegen den TuS Ferndorf. Foto: RP/Jan Luhrenberg

Das belegen auch die Zahlen. Nach dem Abstieg fuhr der VfL Gummersbach Rekorde beim Dauerkarten- und Trikotverkauf ein. Zudem sind fast alle Sponsoren an Bord geblieben. „Wir freuen uns, dass wir so gut in Liga zwei angenommen werden“, sagt Schindler. Das bekommt auch der Trainer mit. „Es herrscht eine große Begeisterung und eine große Aufbruchstimmung“, sagt Greve. Der Abstieg sei mittlerweile kein Thema mehr.

Dass sich das sparsame Konzept mit den sportlichen Zielen beißt, weiß auch Schindler. Intern wird ein Aufstieg innerhalb der nächsten zwei Jahre angestrebt. „Auf Dauer wollen wir natürlich wieder in der ersten Liga spielen“, sagt der Geschäftsführer, tritt aber auf die Euphoriebremse: „Ein Aufstieg in dieser Saison ist kein Muss.“ Auch Greve will langfristig zurück ins Oberhaus, stapelt ähnlich wie Schindler aber tief: „Wir haben uns in der Spitzengruppe etabliert, da wollen wir uns nun festbeißen“. Ein Aufstieg in einer sehr ausgeglichenen zweiten Liga sei ohnehin nur schwer planbar. Das zeigte der Saisonstart mit nur einem Sieg aus den ersten vier Spielen. Mittlerweile hat der VfL zurück in die Erfolgsspur gefunden und liegt mit Kontakt zur Tabellenspitze auf Rang drei.

Die Fans haben ähnliche Ansprüche. Durchwachsen sei die Saison bislang, sagt Schneider und verweist auf die fehlende Erfahrung des jungen Kaders. „Die Mannschaft ist total neu und muss erstmal zusammenwachsen“, ergänzt er. Der direkte Wiederaufstieg sei das große Ziel, müsse aber nicht sofort sein.

Ein Blick in die jüngere Historie zeigt jedoch, dass ein direkter Wiederaufstieg des VfL Gummersbach durchaus möglich ist. In den vergangenen fünf Jahren hat es fast immer ein Absteiger aus der Handball-Bundesliga direkt wieder ins Oberhaus geschafft. In der Spielzeit 2017/18 zum Beispiel auch der Bergische HC, der als Zweitliga-Meister in die 1. Liga zurückkehrte. Auch wenn es für den VfL nicht sofort mit der Rückkehr in die Bundesliga klappt, die Fans unterstützen das Team schon jetzt erstklassig.

(jlu)
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