Interview mit Heiner Brand: Ex-Handball-Bundestrainer stellt sich sich Christian Prokop

Interview mit dem Ex-Bundestrainer : Handball-Legende Heiner Brand traut Bundestrainer Prokop viel zu

Handball-Legende Heiner Brand (66) spricht über Bundestrainer Christian Prokop, Besonderheiten einer Heim-WM und ein Comeback als Trainer.

Leicht ist es nicht, einen Gesprächstermin mit Heiner Brand zu vereinbaren. Er ist viel unterwegs, meist für den Handballsport. Obwohl der ehemalige Bundestrainer der Herren-Nationalmannschaft bereits 2011 zurückgetreten ist: Der Handball ist die Konstante im Leben des 66-Jährigen geblieben. Brand ist als Spieler und Trainer Weltmeister geworden. Deswegen ist er am Mittwoch in Düsseldorf bei einem besonderen Termin: Am Tag des Handball-Supercups zwischen Meister SG Flensburg-Handewitt und Pokalsieger Rhein-Neckar Löwen empfängt Oberbürgermeister Thomas Geisel das Weltmeisterteam von 1978. Eine halbe Ewigkeit“, nennt Brand die seither vergangenen Jahre, als er dann doch ins Erzählen kommt und in seiner ruhigen, aufgeräumten Art seine Sicht auf die Dinge verrät.

Herr Brand, vor 40 Jahren sind Sie als Spieler Weltmeister geworden. Wie weit ist 1978 entfernt? Ist es ein "Gestern" oder eher ein "Damals"?

Brand Das ist emotional für mich ganz weit weg. Ich habe in den 35 Jahren danach zu viel erlebt, als dass das Endspiel noch präsent wäre. Wir treffen uns aber regelmäßig, das ist immer schön.

Als Bundestrainer haben Sie bei der Heim-WM 2007 den Titel gefeiert, war das Ihr schönster Moment im Handball?

Brand Ja, ich denke schon. Die beiden Titel sind nicht vergleichbar. 1978 war alles ruhiger, wir haben uns vor allem auf dem Feld gefreut. Damals gab es nicht so einen Hype von außen wie 2007 in Deutschland.

Wie haben Sie das „Wintermärchen“ bei der Heim-WM erlebt?

Brand In den Hallen war eine Stimmung, wie man sie noch nie erlebt hat. Das hat sich hochgeschaukelt mit jedem Sieg. Das Finale war die meistgesehene Fernsehsendung in dem Jahr. Es war schon außergewöhnlich.

Die WM 2019 ist in Deutschland und in Dänemark. Kann trotzdem wieder so eine Euphorie im Land aufkommen?

Brand Das hängt vom Erfolg der deutschen Mannschaft ab. Wenn die Spiele spannend sind und das Team weit kommt, kann sicherlich eine ähnliche Begeisterung aufkommen.

Welche Besonderheiten hat eine Heim-WM?

Brand Es ist eine besondere Situation durch die erhöhte Wahrnehmung. Es gibt Druck durch die Presse. Und Druck erlegt man sich selbst auch auf. Wenn man Spiele im eigenen Land hat, will man unbedingt das Beste daraus machen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Es kommen immer Rückschläge, darauf muss man gefasst sein.

Was muss im Team stimmen, damit es Erfolg hat?

Brand Das sind viele Faktoren. Die Fitness muss passen und die Mannschaft muss taktisch gut vorbereitet sein, um Antworten auf alle Situationen finden zu können. Ein wesentlicher Bestandteil ist der Teamgedanke. Jeder muss bereit sein, für das große Ziel alles zu investieren. Die Spieler müssen in Hochform sein. Wenn alles passt und Verletzungen weitgehend ausbleiben, läuft ein Turnier gut.

Das frühe EM-Aus 2018 war enttäuschend. Es hagelte Schuldzuweisungen und Kritik an Bundestrainer Christian Prokop. Fehlen ihm Fähigkeiten, die ein Bundestrainer braucht?

Brand Ich weiß, dass er seine Lehren aus dem Turnier gezogen und mit vielen Leuten gesprochen hat. Er weiß auch, dass er viele Fehler gemacht hat, die wird er nicht mehr machen. Ich traue ihm viel zu. Christian Prokop ist einer, der viel Ahnung vom Handball und eine gute Grundauffassung hat. Dieses Herfallen über ihn hat mir gar nicht gefallen. Man hat ihn in eine Drucksituation gebracht, als er gleich einen langfristigen Vertrag beim Verband unterschrieben hat.

Das DHB-Team hat Olympia 2020 als großes Ziel ausgegeben. Ist die WM 2019 nur ein Schritt auf dem Weg dorthin?

Brand Es wäre fatal, jetzt nur an Olympia zu denken. Das größte Ziel sollte die Heim-WM sein. Was bei Olympia sein wird, ist heute zwei Jahre entfernt. In der Zeit kann viel passieren, vielleicht hat man auf einmal nicht das Team zur Verfügung, das man mitnehmen wollte. Dann ist das ganz große Ziel ganz weit weg. Olympia können die Spieler als Vision im Hinterkopf haben, mehr nicht.

Hatten Sie spezielle Methoden, um Spieler in Hochform zu bringen?

Brand Körperlich war das kaum möglich, weil die Spieler bis Weihnachten in ihren Vereinen waren. Bei uns war es Kontinuität in der Arbeit: Es gab Sommertrainingslager, zu denen auch die Familien kamen, wo alle zusammengewachsen sind. Wir hatten professionelle Hilfe, ich hatte zum Beispiel „Reiss Profile" (wissenschaftl. Persönlichkeitserfassung, Anm. d. Red.) von jedem Spieler. Wir haben an vielen Stellschrauben gedreht.

Die Bundesliga galt lange als stärkste Liga der Welt. Im Champions-League-Viertelfinale war aber Schluss für deutsche Klubs. Droht die Liga den Ruf zu verlieren?

Brand Insgesamt sieht es so aus. An der Spitze sind die Franzosen, die hatten drei Teams im Final Four der Champions League. Das Kräfteverhältnis im Vereinshandball hat sich auch durch Geldgeber verschoben. Paris in Frankreich, Veszprém in Ungarn, Kielce in Polen oder Skopje in Mazedonien locken mit Geld. Es zieht nicht mehr jeden Topspieler in die Bundesliga, wie das früher war. Aber das kommt jungen Deutschen zugute. Sie kommen mehr zum Einsatz, das habe ich über 15 Jahre gefordert. Und das stärkt auch die Nationalmannschaft.

Würden Sie als Trainer einspringen, wenn Prokop geht?

Brand Nein, das Thema ist hundertprozentig abgehakt. Das habe ich bei meinem Rücktritt gesagt und habe auch noch nicht einmal daran gedacht oder den Willen verspürt, auf die Bank zurückzukehren.

Das Thema Handball haben Sie aber nicht abgehakt. Sie sind WM-Botschafter und TV-Experte. Und dass, obwohl Handball ziemlich nerven kann.

Brand Als Trainer ist die Belastung am höchsten. Man lebt die ganze Zeit für das nächste Spiel. Nach dem Abpfiff schläft man nicht richtig, weil man die ganzen Eindrücke verarbeiten muss.

Das hat Sie sicher Lebensjahre gekostet.

Brand Ich hoffe nicht (lacht)! Aber anstrengend war das schon.

(ball)
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