Handball-WM 2019: Spieler sind im Dauerstress

WM-Handballer im Dauerstress: „Du bekommst frei, wenn du verletzt bist“

Zwei Spiele in zwei Tagen: Der WM-Doppelpack der deutschen Handballer gegen Russland und Frankreich ist eine enorme Belastung. Doch die ist ein ständiger Begleiter im Handball.

Eisbad, Ergometer, Sauna: Die deutschen Handballer haben so ihre Tricks, wie sie die enorme Belastung durch den WM-Doppelpack gegen Russland und Frankreich innerhalb von 26 Stunden am besten verkraften. Und nicht alles davon ist gesund. "Es gibt viele Spieler, die sich mal ein Schmerzmittel reinhauen", gab Kapitän Uwe Gensheimer kürzlich im Spiegel zu.

In Berlin bestreiten Gensheimer und Co. ihre fünf Vorrundenspiele in acht Tagen. Zum Vergleich: Bei der Fußball-WM in Russland haben die Teams im Schnitt alle vier Tage ein Spiel bestritten. Ein Traum für die Handballer, der unerfüllt bleiben wird. Die Tendenz geht in die andere Richtung: Durch die Aufstockungen der WM (von 24 auf 32) ab 2021 und der EM (von 16 auf 24) ab 2020 wird der Zeitplan noch enger.

Schon jetzt ist die Grenze erreicht. Liga, Pokal, Europacup, dazu jede Saison eine Welt- oder Europameisterschaft und alle vier Jahre Olympische Spiele - ein Mammutprogramm. Superstar Nikola Karabatic, der nach gerade erst auskurierter Fußverletzung das französische WM-Team verstärken soll, brachte es einmal auf den Punkt: "Im Handball bekommst du frei, wenn du verletzt bist." Er wolle aber "nicht jammern", so Karabatic, "die Leute denken sonst, wir sind Weicheier."

Vor allem für die bei deutschen Topklubs beschäftigten Nationalspieler ist die Belastung riesig. Auf bis zu 80 Spiele kommen sie in einer Saison, selbst zwischen Weihnachten und Neujahr sind Partien angesetzt. Die Sommerpause? Zuletzt nur drei Wochen la

"Wer in Deutschland spielt, ist nach der Saison körperlich am Ende", sagte Kreisläufer Hendrik Pekeler der Sport-Bild: "Hier wird schon lange nicht mehr im Interesse der Sportler sondern nur der Funktionäre entschieden."

Die HBL schiebt einer immer mal wieder angeregten Reduzierung der Liga aber klar den Riegel vor. Ihr Argument: Die Vereine sind auf die Einnahmen der Heimspiele angewiesen. Immerhin: Für die Saison 2020/21 gibt es den Plan, die Juni-Länderspielwoche vorzuziehen. Den Abschluss der Saison würde dann das Final Four in der Champions League bilden.

Mit im Schnitt 2,8 Verletzungen pro Jahr und 30 Tagen Ausfallzeit seien die Handballer deutlich gefährdeter als Fußballprofis (2,4/24), erklärte Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln in der ARD. Die leichten Blessuren werden schon in der Kabine behandelt: Kompressionsverbände gegen Pferdeküsse, Eisbeutel gegen Schwellungen.

"Unsere Physios schieben nach Spielen oft Nachtschichten", sagt Gensheimer. Bei ihm selbst seien die Sprunggelenke "im Arsch", sie muss er vor jedem Spiel tapen. Und Gensheimer wechselte zu Paris St. Germain nach Frankreich, wo die Belastungen weniger hoch sind. "Aber dass das alles nicht gesund ist", sagt Gensheimer, "wissen wir".

Ein bisschen stolz sind die Handballer auf ihre Härte gegen sich selbst aber auch. Als Turnier-Neuling Franz Semper nach dem Auftaktspiel von Fieber geplagt das Bett hütete, sagte Torhüter Silvio Heinevetter mit einem Augenzwinkern: "So ein bisschen Schüttelfrost ist kein Grund, nicht zu spielen. Und auch keine Ausrede wie in anderen Sportarten."

(sef/sid)
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