Handball-EM: Christian Prokop ist nun gefordert

Handball-EM : Prokop ist nun gefordert

Christian Prokop hat mit dem Feuer gespielt und läuft Gefahr, sich die Finger zu verbrennen. Seit April 2017 ist der 39-Jährige Nachfolger von Bundestrainer Dagur Sigurdsson, der den Handball in Deutschland aus der Versenkung holte.

Nicht nur verwalten wollte der ehemalige Leipziger Bundesliga-Coach das Erbe, sondern weiterentwickeln. Das große Ziel heißt ja Gold bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 und zuvor bei der gemeinsam mit Dänemark ausgerichteten WM eine Medaille.

Prokop hat seine Vorstellung vom Handball. Das ist gut, das darf und soll er auch. Er setzt auf eine bewegliche Abwehr. Ein System, von dem einige seiner früheren Spieler sagen, man benötige zwei Jahre, um es zu verinnerlichen. Bei der Nationalmannschaft hatte er nur einige Tage. In der EM-Qualifikation mit den Siegen gegen den WM-Dritten Slowenien, aber auch bei den Tests, lief es ganz gut. Doch die EM zeigt, wie fragil das Gebilde ist.

Für Prokop, den der Deutsche Handballbund mit 500.000 Euro Ablöse aus dessen Vertrag in Leipzig herausgekauft hatte, ist es das erste große Turnier. Er muss zeigen, dass er auch dies kann. Doch er hat sich unter Druck gesetzt, als er Finn Lemke zunächst aus dem Aufgebot strich. Ausgerechnet den Abwehrchef, der eine zentrale Figur beim Gewinn der EM 2016 war und seit dieser Zeit nicht viel an Qualität eingebüßt hat.

Dass er nach nur zwei Spielen eine Rolle rückwärts machte und Lemke nach Zagreb holte, spricht nicht gegen Prokop. Doch der (vorläufige) Verzicht auf die bei den Mitspielern beliebte Führungsfigur hat Unruhe gebracht. Auch hat der Trainer einige taktische Varianten gewählt, die nicht immer nachvollziehbar sind, wie etwa den in Leipzig fast nur in der Abwehr geforderten Maximilian Janke in kritischen Situationen im Angriff einzusetzen.

Auffällig ist, dass einige Spieler weit von dem entfernt sind, was sie in dieser Saison schon geleistet haben. Etwa Steffen Fäth, der bei den Füchsen Berlin stark spielt. Mehr noch Julius Kühn. dessen Gewaltwürfe schon so manchen Torhüter verzweifeln ließen, der aber bei der EM kaum spielt und (noch) kein Faktor ist.

Drei Siege in der Hauptrunde - und das Halbfinale ist noch drin. Die Qualität hat die Mannschaft. Sie muss nun zeigen, was sie drauf hat. Aber nicht nur sie. Auch Prokop ist gefordert. Auch für Bob Hanning werden es spannende Tage. Der für den Leistungssport beim DHB zuständige Vizepräsident wollte gegen manche Widerstände den Leipziger als neuen Coach.

Mehr von RP ONLINE