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Handball-EM 2020: Uwe Gensheimer wirft Torwart Ball ins Gesicht

DHB-Kapitän sieht Rot bei Handball-EM : Gensheimers Volltreffer und seine Folgen

Im EM-Auftaktspiel wirft Handball-Star Uwe Gensheimer dem niederländischen Keeper einen Siebenmeter mitten ins Gesicht und sieht dafür Rot. War die Karte berechtigt? Wird der Kapitän gesperrt? Wie geht es dem Torwart?

Es war ein überraschend holpriger Start der deutschen Handball-Nationalmannschaft in das EM-Auftaktspiel gegen Turnierneuling Niederlande. Am Ende setzte sich der Favorit aber deutlich mit 34:23 durch und trifft nun am Samstag auf Spanien (18.15 Uhr/ARD). Aufreger beim ersten Gruppenspiel der Gruppe C war sicherlich die Rote Karte für Deutschlands Kapitän und Topstar Uwe Gensheimer.

Weshalb sah Gensheimer gegen die Niederlande die Rote Karte? Bei seinem zweiten Siebenmeter des Spiels – bereits den ersten hatte der deutsche Kapitän vergeben – warf er den Ball mitten ins Gesicht von Bart Ravensbergen im Tor der Niederländer. Nach Ansicht der Videobilder zückte das slowenische Schiedsrichter-Gespann Bojan Lah und David Sok die Rote Karte wegen unsportlichen Verhaltens.

War Rot gerechtfertigt? Was sagt die Regel in so einem Fall? Auch wenn es nach einer harten Entscheidung klingt, hat das Gespann regeltechnisch korrekt gehandelt. Das internationale Regelwerk hat unter Punkt 8:9 (Grob unsportliches Verhalten, das mit einer Disqualifikation zu ahnden ist) folgendes Beispiel für eine Disqualifikation vermerkt: „Wenn der 7-m-Werfer den Torwart am Kopf trifft und dieser nicht seinen Kopf Richtung Ball bewegt.“ Als Ergänzung heißt es weiter, dass der Werfer die Verantwortung dafür übernimmt, den gegnerischen Torwart nicht zu gefährden. Da sich der niederländische Keeper nicht bewegt hat und er von Gensheimers Wurf mitten im Gesicht getroffen wurde, geht die Rote Karte in Ordnung.

Kommen Würfe in Kopfnähe des Torhüters häufig vor? Ja, das ist bei einem so schnellen Spielverlauf wie im Handball keine Seltenheit. Natürlich fliegen die Würfe aus dem Spiel auch schon mal am Kopf des Torhüters vorbei. Aber auch beim Siebenmeter kommen solche Wurfversuche vor. Die Spieler spekulieren darauf, dass sich der Torhüter bewegt und seine Arme nach unten zieht. Auch Gensheimer täuschte bei seinem missglückten Versuch zunächst einen Wurf an, um genau diese Reaktion von Ravensbergen zu erreichen. Da der niederländische Keeper aber nicht mal zuckte, traf in der Ball mitten im Gesicht.

Ist Gensheimer damit für das Spiel gegen Spanien gesperrt? Nein, im zweiten Gruppenspiel gegen Titelverteidiger Spanien darf Trainer Christian Prokop wieder auf seinen Kapitän zurückgreifen. Theoretisch bestünde nach einer Roten Karte die Gefahr einer Sperre über mehrere Spiele. Im Falle von Gensheimer wird davon aber kein Gebrauch gemacht.

Was sagt Gensheimer selbst? „Wenn der Torhüter sich nicht bewegt, war das eine klare Rote Karte. Ich habe da Vertrauen in die Schiedsrichter. Das ist für mich natürlich bitter“, sagte der DHB-Kapitän nach der Partei einsichtig. „Wenn man solche Würfe nimmt, ist immer ein gewisses Risiko dabei. Ich hab mich beim Torhüter entschuldigt, er hat es sportlich hingenommen. Es war natürlich keine Absicht.“

Wie geht es dem niederländischen Torhüter? Bart Ravensbergen, der in der Bundesliga für die HSG Nordhorn-Lingen das Tor hütet, musste nach der Aktion mehrere Minuten behandelt werden, konnte dann aber weiterspielen. Im zweiten Gruppenspiel gegen Lettland (Samstag, 16 Uhr) wird Ravensbergen wohl einsatzfähg sein.

Wie schnell wird der Ball bei so einem Wurf? Die Wurftechnik bei diesem Siebenmeter wird „Schlagwurf“ genannt. Dabei kann der Ball eine Geschwindigkeit von bis zu 130 km/h erreichen.

Welche gesundheitlichen Folgen drohen bei so einem Kopftreffer aus nächster Nähe? „Ein harter Treffer aus so einer kurzen Distanz kann gefährlich werden und schnell eine Gehirnerschütterung nach sich ziehen“, erklärt Dr. Ingo Helmich aus der neurologischen Abteilung der Sporthochschule Köln. „In der Vergangenheit kam es deshalb im Handball oft zu Gehirnerschütterungen. Zum Glück weiß man mittlerweile Bescheid über diese Problematik.“ Sorgen um den niederländischen Keeper macht sich Helmich aber nicht. „Die Teamärzte können mit gezielten, kognitiven Nachfragen und anderen Methoden schnell feststellen, ob der Spieler weitermachen kann oder nicht.“ Auch DHB-Teamarzt Kurt Steuer äußerte sich zu der Aktion: „Schädel-Hirn-Traumata sind ein ernstzunehmendes Problem. Ich mache mir aber keine Sorgen – wenn man das ernst nimmt und checkt.“