Handball-EM 2018: Slowenien legt nach chaotischem Videobeweis Protest ein

Slowenien - Deutschland 25:25: Slowenien legt nach chaotischem Videobeweis Protest ein

Die chaotische Schlussphase beim 25:25 zwischen Deutschland und Slowenien bei der Handball-EM hat möglicherweise ein weiteres Nachspiel. Slowenien hat Protest gegen die Spielwertung eingelegt.

Christian Prokop schaut gebannt auf die beiden Männer, die da am TV-Schirm stehen. Doch nicht nur er. Seine Spieler, die des Gegners und die Zuschauer in der Arena von Zagreb müssen sich gedulden, denn es gibt den bei der WM 2015 eingeführten Videobeweis. Die Slowenen hatten schon gefeiert. Sekunden vor Schluss hatte Blaz Janc den Treffer zum 25:24 erzielt. Gut acht Minuten später lautet das Endergebnis aber 25:25. Tobias Reichmann hat sich nicht nervös machen lassen und den Strafwurf souverän verwandelt. Weil Blaz Blagotinsek den Anwurf der Deutschen verhindert hatte, sah der lange Kreisläufer die Rote Karte, und die Schiedsrichter Vaidas Mazeika und Mindaugas Gatelis aus Litauen entschieden auf Strafwurf.

Es war das glückliche Ende eines Handballspiels, das lange den Titel "Krieg am Kreis" verdiente. Glücklich, weil die Spieler des WM-Dritten nach ihrer 24:25-Auftaktniederlage bei der EM-Endrunde leidenschaftlich kämpften und zehn Minuten vor dem Ende (20:21) erstmals in Rückstand gerieten. Bundestrainer Prokop können jeden bringen, ohne dass die Leistung abfällt, hieß es stets. Der 39-Jährige wechselte in der ersten Halbzeit viel, es gab aber nicht den nötigen Leistungsanstieg. Und da Urban Lesjak im Slowenen-Tor eine überragende erste Halbzeit spielte, kam der 10:15-Rückstand nicht überraschend.

Immer wieder sorgte der für den THW Kiel aktive Spielgestalter Miha Zarabec für Unruhe. Da die deutsche Abwehr keinen Zugriff fand und Borut Mackovsek einige Fackeln abbrannte, sah es nicht gut aus für den Titelverteidiger. Nach der Pause meldeten sich Prokops Männer zurück. Tor um Tor arbeiteten sie sich heran, nutzten die Zeitstrafen der Slowenen, und waren nach 45 Minuten (17:18) dran. Großen Anteil daran hatte auch Silvio Heinevetter, der beim Stand von 7:12 den im Auftaktspiele gegen Montenegro (32:19) überragenden Andreas Wolff abgelöst hatte. Technische Feinheiten waren diesmal nicht zu sehen. Es ging über Kampf, Leidenschaft, Wille und die Fähigkeit, in dem Hexenkessel so weit wie möglich die Ruhe zu bewahren.

Die Schlussphase war nichts für schwache Nerven. Kapitän Uwe Gensheimer, der zwei Strafwürfe ausgelassen und einen erst im Nachwurf verwandelt hatte, verfehlte frei von Linksaußen das Tor - es blieb so beim knappen 21:23. Kay Häfner verkürzte hernach auf 22:23 (58.), Partick Groetzki glich wenig später aus (59.). Paul Drux schaffte den erneuten Ausgleich. Es war eines von vier Toren in der Schlussminute, die letztlich über acht Minuten dauerte.

"Ich kannte die Regeln, im Gegensatz zu anderen. Wir mussten schnell den Anwurf ausführen. Deshalb habe ich wie bescheuert auf die Schiedsrichter eingeredet", sagte Torhüter Heinevetter. "Es ist ein dreckiger Punkt, der aber sehr wertvoll werden kann." Die DHB-Auswahl, die in Gensheimer (7/2), Groetzki (4), Reichmann (4/3), Weber (3) ihre besten Werfer hatte, hat sich damit für die Hauptrunde in Varazdin qualifiziert, wird aber wohl mindestens einen Minuspunkt mitnehmen. Morgen geht es zum Abschluss gegen Mazedonien (18.15 Uhr/ARD). Dann muss die Abwehr wieder stärker auftrumpfen - und auch der Angriff erfolgreiche Lösungen gegen eine leidenschaftliche Abwehr finden.

"Wir sind mit zwei blauen Augen davongekommen", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Prokop atmete ebenfalls tief durch. "Ich bin froh, dass es den Videobeweis gibt und glücklich, dass Tobias Reichmann die Nerven behalten hat", sagte der Coach, der vor dem Spiel eine Leistung "am oberen Level" gefordert hatte. Er hat zumindest viel Spannung bekommen.

EHF verhandelt Slowenien-Protest

Ob die Geschichte damit bereits beendet ist, bleibt jedoch abzuwarten. Slowenien hat nach dem dramatischen EM-Duell Protest gegen die Wertung des Spiels eingelegt. Die Europäische Handball-Föderation (EHF) wird den slowenischen Protest gegen die Wertung des am Dienstagvormittag verhandeln. Bis 9.00 Uhr müssen die Slowenen ihre Argumente für den Einspruch schriftlich darlegen, danach wird die Disziplinarkommission bis 12 Uhr eine Entscheidung bekannt geben. Dies teilte ein EHF-Sprecher dem sid mit.

Das deutsche Team sieht der EHF-Entscheidung entspannt entgegen. "Die Schiedsrichter haben die Möglichkeit des Videobeweises genutzt und die letzten Sekunden intensiv begutachtet. Ihre finale Entscheidung ist regelkonform. Die sportliche Enttäuschung unseres Gegners ob des dramatischen Spielendes verstehen wir, aber einem Protest der slowenischen Delegation sehen wir gelassen entgegen", teilte der Deutsche Handballbund am Montagabend mit.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Chaotische Szenen beim Videobeweis

(cze)
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