Handball: Das waren die Tops und Flops der Europameisterschaft

Aufreger, Überraschungen, Enttäuschungen : So lief die Handball-EM in Kroatien

Aufreger, Überraschungen, Enttäuschungen: Die Handball-EM in Kroatien hat einigen Diskussionsstoff geliefert. Hier kommen die Tops und Flops.

Aufreger

Der Videobeweis. Im Fußball ist er längst ein Politikum - und nach dem dramatischen Finish beim deutschen Remis in der Vorrunde gegen Slowenien hatte auch der Handball seine Diskussion um das technische Hilfsmittel, das in Kroatien seine EM-Premiere feierte. Die Referees starrten fast sieben Minuten auf ihren kleinen Bildschirm am Zeitnehmertisch, um herauszufinden, ob die Spielzeit beim Anwurf für Deutschland durch Paul Drux bereits abgelaufen war oder nicht. Drei slowenische Spieler hatten nicht genügend Abstand gehalten und den Wurf vom Mittelkreis von Paul Drux verhindert. Die Entscheidung: Siebenmeter nach Videobeweis. Tobias Reichmann blieb cool und traf in letzter Sekunde. Slowenien legte Einspruch ein - und verlor. Auch ein zweiter Einspruch wurde abgewiesen.

Lino Cervar. Die Stimmung in der Arena in Zagreb kochte und Gastgeber Kroatien drohte ein weiterer Rückschlag auf seiner ersehnten Gold-Mission, als bei Cervar für einen Moment die Sicherungen durchbrannten. 30 Sekunden vor dem Ende griff Kroatiens Nationaltrainer direkt ins Spielgeschehen ein, in dem er den weißrussischen Rückraumspieler Artur Karwazki vom Spielfeldrand aus am Oberkörper für einen Moment festhielt. Wenige Augenblicke später verlor Linkshänder Karwazki den Ball. Kroatien trifft im Gegenzug zum Endstand (25:23). Die Disziplinarkommission des europäischen Verbandes EHF verurteilte Cervar später zu einer Geldstrafe von 3000 Euro und tadelte das Vergehen als "unangemessen und unsportlich". Eine Sperre gab es nicht.

Die Tops

Die Überraschungsfinalisten Schweden und Spanien. Während Spaniens Altherrenriege (Altersschnitt: 30,5 Jahre) mit einer Mischung aus Erfahrung und Intelligenz ins Endspiel einzog, rockte Schweden die EM mit spektakulärem Tempo-Handball. Die Skandinavier erinnerten mit ihren unbekümmerten Auftritten an die deutsche Mannschaft bei ihrem Sensations-Coup vor zwei Jahren in Polen.

Tschechien. Der Außenseiter qualifizierte sich erstmals seit 2010 für eine EM-Hauptrunde und schrammte haarscharf am Halbfinale vorbei. Platz sechs am Ende bedeutete die beste Platzierung bei einem Großturnier. Zudem stellten die Tschechen mit dem 34-jährigen Ondrej Zdrahala (55 Treffer) den besten EM-Torschützen.

Lars Geipel und Marcus Helbig. Das Schiedsrichtergespann lieferte die beste deutsche Leistung bei der EM. Bei ihrem zwölften Top-Turnier durften Geipel/Helbig viermal an die Pfeife, das skandinavische Halbfinale zwischen Schweden und Dänemark (35:34 nach Verlängerung) bezeichneten sie als das "echtes Sahnehäubchen auf ein tolles Turnier". Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das deutsche Team. Bundestrainer Christian Prokop konnte personell im Gegensatz zum Gold-Coup vor zwei Jahren, als vier Leistungsträger verletzt fehlten, aus dem Vollen schöpfen. Doch es half nichts. Mit lediglich zwei Siegen aus sechs Spielen verabschiedete sich die DHB-Auswahl schon nach der Hauptrunde. Weil das Ziel Halbfinale verfehlt wurde und es immer wieder zu atmosphärischen Störungen zwischen Team und Trainer kam, steht Prokop nach seinem Turnierdebüt in der Kritik. Seine Zukunft beim Verband gilt ein Jahr vor der Heim-WM trotz eines gültigen Vertrags bis 2022 als unsicher.

Die Flops

Das Abschneiden der Favoriten. Neben Titelverteidiger Deutschland musste auch Gastgeber Kroatien schon nach der Hauptrunde die Segel streichen. Weltmeister Frankreich und Olympiasieger Dänemark schafften es immerhin ins Halbfinale, wurden dort allerdings von Spanien und Schweden entzaubert. Zur Erinnerung: Zuletzt gingen fünf der letzten sechs EM-Titel an eines der beiden Handball-Großmächte.

Die Fans. Abseits des Feldes sorgten vor allem die leeren Zuschauerränge bei Spielern und Offiziellen für lange Gesichter. Die Veranstalter brüsteten sich auf der Abschlusspressekonferenz zwar damit, dass 56 Prozent der Fans von außerhalb Kroatiens kamen. An der meist gähnenden Leere in den Arenen änderte das leider nichts.

Die Abschiede

Domagoj Duvnjak. Der kroatische Rückraumstar vom THW-Kiel verabschiedete sich viel zu früh aus dem Turnier. Und das mit dem größtmöglichen Drama. Erst kurz vor der EM von einer schweren Knieverletzung genesen, humpelte er in der Schlussphase des Auftaktspiels vom Feld. Eine Muskelverletzung in der Wade zwang Duvnjak zur Aufgabe - und mit ihm wich auch die kroatische Hoffnung auf ein Wintermärchen im eigenen Land.

Der Turniermodus. Ab 2020 werden 24 statt 16 Teams bei der EM am Start sein, Gastgeber sind erstmals drei Nationen: Österreich, Schweden und Norwegen. Die Spiele werden in sechs Städten stattfinden, die Medaillenspiele steigen dann im Stockholmer Fußballstadion (Tele2 Arena) mit verschließbarem Dach vor mehr als 20.000 Zuschauern.

Was sonst zu sagen ist

"Sportlich lässt sich sagen, dass das Niveau an der Spitze breiter geworden ist. Das ist gut für unseren Sport." (EHF-Präsident Michael Wiederer bei der Abschluss-PK)

Hier geht es zur Bilderstrecke: Schweden besiegt Dänemark 35:34

(sid)
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