Start in die dritte Saison: Golden League als Eliteklub in Gefahr

Start in die dritte Saison: Golden League als Eliteklub in Gefahr

Neuss (sid). Die "Golden League" startet am Freitag am neuen Schauplatz Stade de France im Pariser Vorort St. Denis mit Marokkos Läuferstar Hicham El Guerrouj und vielen anderen Assen in ihre dritte Saison. Doch was einst unter dem Namen "Golden Four" in Regie des Hamburger Rechteverwerters Ufa als elitärer Zirkel galt, ist unter dem neuen Etikett und dem Patronat des Weltverbandes IAAF der Gefahr einer Verwässerung ausgesetzt.

Gab es bei den Golden Four (Oslo, Zürich, Brüssel, Berlin) eine erkennbare Linie, weil ihre Sieger nur dann 20 Kilo Gold im Wert von ca. 400.000 Mark teilten, wenn sie viermal vorn lagen, fehlen dem veränderten Modus ähnlich klare Strukturen. Bei sieben Meetings (zusätzlich Paris, Rom, Monte Carlo) müssen die Gesamtsieger auf Intervention gestresster Athleten im Olympiajahr nur noch fünfmal triumphieren und teilen sich dann beim Finale am 1. September in Berlin 50 Kilo Gold (zuletzt sogar 100) im Gesamtwert von einer Million Mark.

1999 durften sich die beiden Läuferstars Gabriela Szabo und Wilson Kipketer erst nach sieben Erfolgen über die reiche Beute freuen, diesmal könnte US-Ausnahmesprinterin Marion Jones nach fünf erfolgreichen 100-m-Rennen theoretisch "aussteigen".

Im kommenden Jahr ist die Aufnahme von London fast schon beschlossene Sache und Eugene/Oregon könnte sogar als neunte Station hinzu kommen, wenn sich der amerikanische Sportkanal ESPN bereit erklärt, alle Meetings live zu übertragen. In den USA würde dies eine mediale Aufwertung der nur selten auf der Mattscheibe repräsentierten Leichtathletik bedeuten. Doch gerade in Europa, das 80 Prozent aller großen Meetings ausrichtet, gestaltet sich die Situation mit den Übertragungen der Golden League weiterhin nicht befriedigend.

Die IAAF verweist zwar mit Stolz auf die Vielzahl von über 100 Ländern, in denen die Sportfest-Serie (oft um Tage zeitverssetzt) zu sehen ist. Doch der französische Privatsender Canal+ verkaufte die Lizenzen in erster Linie an andere private Partner. So auch in Deutschland, wo der Münchner Pay-TV-Sender Premiere World mit seinen Live-Übertragungen von sechs Meetings nur wenige tausend Leichtathletik-Fans erreicht.

Erstmals erwarb nun der Sport-Spartensender DSF die Zweitlizenz und zeigt jeweils am folgenden Tag eine einstündige Zusammenfassung. Für die breite Masse der Zuschauer ist nur das nationale Meeting (so Berlin) öffentlich-rechtlich zu empfangen, allerdings erst ab 22.15 Uhr in Form einer einstündigen Zusammenfassung. Das Bild könnte sich wandeln, wenn mit Ablauf der Saison der Fernsehvertrag, den die für die IAAF tätige Agentur ISL 1998 mit Canal+ abgeschlossen hatte, endet. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten, vertreten durch die European Broadcasting Union (EBU), haben bereits ihr Interesse bekundet.

Die Meeting-Chefs, die vom inzwischen verstorbenen IAAF-Präsidenten Primo Nebiolo Ende 1997 mit finanziellen Anreizen für die Golden League geködert wurden, sind nicht glücklich über die aktuelle Situation. Aber sie halten sich mit öffentlicher Kritik zurück - auch weil ihre Erlöse aus den Fernseh- und Marketingverträgen der IAAF (pro Meeting über eine Million Dollar) deutlich höher ausfallen als zu Ufa-Zeiten.

Rudi Thiel, Chef des Berliner Istaf, glaubt auch Vorteile der neuen Lösung auszumachen. "Ich finde attraktiv, dass alle Athleten, die künftig im Rennen um den Jackpot sind, eine goldene Startnummer tragen. Das wird schon am 30. Juni in Rom der Fall sein, wenn die Amerikaner wieder hinzu stoßen. Sie fehlen in Paris noch wegen des Meetings am gleichen Wochenende in Eugene."

(RPO Archiv)
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