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Warum die 2. Bundesliga in dieser Saison besser als die Bundesliga ist

Dramatisches Aufstiegsfinale : Warum die Zweite Liga in dieser Saison die erste Wahl ist

Ein Sammelbecken für große Zuschauervereine, Tradition, die aus allen Poren trieft: die aktuelle Ausgabe der Zweiten Bundesliga lockt mit hochwertigen Zutaten. Dass ein solches Finale dabei herauskommt, ist dennoch ein fußballerisches Naturereignis. Fünf letzte Spieltage werden ein Pflichtguck wie eine Sonnenfinsternis.

Da hat uns Sport1 ganz schön was eingebrockt. Schon als sich der Sender aus Ismaning noch ganz unbescheiden Deutsches Sportfernsehen (DSF) nannte, hatte er neben kaum gewinnbaren Gewinnspielen, Telefonsex-Annoncen und dem Doppelpass die Übertragung der Zweiten Bundesliga als Premiumprodukt im Angebot und warb so vollmundig wie hochfrequent für die „beste Zweite Liga aller Zeiten“. Menschen, die es mit Sprache sehr genau nehmen, nervte das gleich doppelt. Schließlich beinhaltet die Formulierung „aller Zeiten“ zwangsläufig die Zukunft. Die „bisher beste Zweite Liga“ wäre als Formulierung wasserdicht gewesen – aber für Reklame eher ungeeignet. Man würde ja auch Aale-Dieter vom Fischmarkt seine Sprüche nicht korrigiert zurückgeben. Wie gut der Slogan als Werbung funktioniert hat, lässt sich schließlich daran ablesen, dass er zumindest für alle Lebzeiten Einzug in den Sprachgebrauch deutscher Fußballfans jenseits der 30 gehalten hat. Sport1 hat die „beste Zweite Liga aller Zeiten“ ironisch aufbereitet und recycelt, bis es selbst mit dreifachem Augenzwinkern unerträglich wurde. Dass der eingemottete Spruch in den vergangenen Monaten trotzdem allenthalben reanimiert wurde, liegt allein daran, dass Sport1 unrecht hatte.

Hätten sie bei den Kollegen von Astro-TV nachgefragt, hätten sie in den Tarot-Karten der Fernseh-Wahrsager vielleicht damals schon Simon Terodde, Marvin Ducksch oder Daniel-Kofi Kyereh erkannt. Hätten in der Glaskugel Werder Bremen, Schalke 04 und den Hamburger SV gegeneinander spielen sehen. Die laufende Saison ist der nachgereichte Treppenwitz zum nervigen Dauerslogan, der der Spielklasse unablösbar anhaftet. Die bisher beste Zweite Liga wird in der Spielzeit 2021/22 aufgeführt – daran besteht inzwischen kein Zweifel mehr. Freilich, in schöner Regelmäßigkeit sind Traditionsvereine falsch abgebogen oder auf die Gegenfahrbahn geraten und mussten sich zur Strafe Zumutungen wie SV Meppen, TuS Koblenz oder Schweinfurt 05 aussetzen. Das wertete das Fußball-Unterhaus kurzfristig auf, in dieser Staffel allerdings spielt gleich ein ganzes Ensemble großer Traditionsklubs in der Zweiten Bundesliga auf – aber nicht als Prügelknaben oder Pausenclowns, sondern als Hauptattraktion.

Das allein ist keine Neuigkeit. Welche Dramaturgie Spielplan und Tabelle nun aber für das Saisonfinale daraus gestrickt haben, klingt wie eine glatte Übertreibung. Dass der Hamburger SV seine Rolle als Abonnement-Loser etwas vorzeitig eingelöst und sich klammheimlich schon vor dem Höhepunkt von der Party geschlichen hat, bereichert den Schlussakt nur um eine tragikomische Note. Schalke, Bremen, St. Pauli, Darmstadt und Nürnberg trennen nur vier Punkte, an den letzten fünf Spieltagen stehen noch sieben direkte Duelle von Teams aus der Spitzengruppe an.

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Dass auf den Plätzen eins und zwei Mitte April die Absteiger aus Gelsenkirchen und Bremen stehen würden, war vor der Saison eine eigentlich naheliegende Prognose. Beide Klubs hatten aber mit mehr oder weniger schweren Turbulenzen zu kämpfen und sind erst auf Schlangenlinien in nördliche Tabellenregionen vorgedrungen. Vielstimmig war der Abgesang auf Werder Bremen, die zwar einige Schlüsselspieler aus der Bundesliga halten konnten, aber erst nach dem unrühmlichen Aus von Markus Anfang aufgeblüht sind. Unter Neu-Trainer Ole Werner holte Werder aus 14 Spielen zehn Siege und drei Unentschieden und ist positiv auf ansteckende Euphorie getestet worden.

Wenn es um Trainerwechsel geht, kann Schalke 04 natürlich nicht zurückstehen. Auch die Knappen tauschten ihren Trainer – in diesem Fall Dimitrios Grammozis – in der laufenden Saison aus. Der störte zwar nicht weiter, führte aber unfreiwillig vor, wie schmal der Grat zwischen solide und mittelmäßig, bodenständig und bieder, teamfähig und austauschbar sein kann. Die Hoffnung, dass vielleicht nach dem Abstieg mal einer kommen würde, der den Knappen das Rumpeln austreibt, mussten die Fans da bereits fahren lassen. Individuelle Qualität und Heldenfußball mit Protagonisten wie dem bisher zuverlässigsten Zweitliga-Torjäger Simon Terodde, Flankenmaestro Thomas Ouwejan oder Defensivkünstler Ko Itakura haben die Kohlen gerade noch oft genug aus dem Feuer geholt, um nie den Anschluss an die Spitze zu verlieren.

Nach Grammozis' Entlassung keinen externen Nachfolger zu verpflichten und stattdessen Co-Trainer Mike Büskens als neuen Impulsgeber zu identifizieren, klingt auch in der Rückschau wie eine Verlegenheitslösung von Sportdirektor Rouven Schröder. Doch die Ergebnisse stimmen, seit der Eurofighter übernommen und taktisch wie personell ein wenig umgestellt hat. Da die Konkurrenten ebenfalls mit eigenen Unzulänglichkeiten kämpfen, ist Schalke der Gewinner der vergangenen Spieltage. Erstmals überhaupt in dieser Saison hat S04 am 29. Spieltag einen direkten Aufstiegsplatz erklommen – und dann gleich Rang eins. Mit einer 3:4-Heimniederlage gegen Hansa Rostock schien das Aufstiegsrennen für Schalke Anfang März bereits beendet, nun hat Königsblau zumindest laut Tabelle die beste Ausgangslage. Die Zweite Liga löst eines der Klischees über sie in dieser Runde radikal ein: sie ist zuverlässig unberechenbar.

Die heimliche Begeisterung über die wilde Sause, die sich jedes Wochenende eine Etage tiefer abspielt, kann vielen Fußballfans das ohnehin rapide schwindende Interesse an der Bundesliga zusätzlich vergällen. Während in der Champagner-Lounge gedöst wird, eskaliert bei den Kellerkindern eine Dosenbier-Party. Tausche Frankfurts Djibril Sow gegen Darmstadt 98 – würde es um Sammelkarten auf dem Schulhof gehen, würde man für ein Angebot dieser Art höchstens Zuschlag höchst unerfreulicher Art bekommen. Tatsächlich sind die Fliehkräfte im Fußball selbst auf dieser Mikroebene aber derart wirksam, dass dies nach aktuell geschätzten Zahlen ein fairer Deal wäre: Der komplette Kader des hessischen Aufstiegsaspiranten entspricht laut der Website transfermarkt.de exakt dem Wert des Mittelfeldspielers beim geografisch nur 30 Kilometer entfernten Nachbarn: 17,5 Millionen Euro. Eine Ablöse, die man wiederum in Paris wohl für den Busfahrer zahlen müsste. Unterhaltungswert lässt sich aber nur sehr bedingt an Zahlen ablesen.

Dass die Lilien auf dem Papier aber selbst in der Zweiten Bundesliga nur Mittelmaß sind, ignorieren sie konsequent und schaffen es, von Woche zu Woche als Spitzenteam zu überleben. Aus einigen Bekannten und noch mehr Unbekannten hat Torsten Lieberknecht eine Gleichung zusammengestellt, die die Formel für den Aufstieg sein kann. Auch für den Kader des FC St. Pauli bestand in dieser Saison keine innere Notwendigkeit, um den Aufstieg mitzuspielen. Dass die Hamburger nach furioser Hinserie in der Rückrundentabelle nur Elfter sind, ist aber überhaupt erst der Grund, dass sie den Mitbewerbern nicht längst enteilt sind. Von hinten schiebt sich nun auch wieder der 1. FC Nürnberg an die Führungsgruppe heran. Dabei räumt der Club mit seinem spielerischen Themenschwerpunkt – zuletzt sogar ohne echte Sturmspitze – nebenher mit dem Vorurteil auf, in der Zweiten Bundesliga stehe nur Gehacktes aus der groben Kelle auf der Speisekarte.

Als hätten sie die Zukunft sehen können, haben die Spielplan-Architekten nun ein Szenario heraufbeschworen, in dem jeder dieser so verschiedenen Konkurrenten es fast noch mit jedem zu tun bekommt. Vor allem Schalke muss mit Blick auf die Duelle mit Darmstadt, Werder Bremen und St. Pauli bereits Herzrasen bekommen, ehe es zum 1. FC Nürnberg geht. Beide Klubs verbindet die wohl innigste Fanfreundschaft des Landes und es ist kaum ein Szenario vorstellbar, in dem diese Begegnung am 34. Spieltag nicht herzzerreißend oder kontrovers wird. Orchestriert von nun wieder über 60.000 möglichen Zuschauern auf Schalke, 50.000 in Nürnberg oder 40.000 in Bremen warten fünf letzte Spieltage, für die die Sendeplätze eigentlich mit der Bundesliga getauscht werden müssten. Vielleicht wird sogar das Versprechen der besten Zweiten Liga aller Zeiten damit tatsächlich gerade eingelöst. Für die Zukunft lässt sich aber mit Gewissheit nur eines sagen: Es ist beinahe schade, dass mindestens zwei Teams in der kommenden Saison nach oben müssen.

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