Roberto Hilbert über Rassismus im DFB-Team, den MSV Duisburg und Bayer Leverkusen

Roberto Hilbert im Interview : „Müssen mit der Nervosität von Duisburg spielen“

Roberto Hilbert (33) gastiert mit Greuther Fürth am kommenden Samstag beim MSV Duisburg. Im Interview verrät der ehemalige Nationalspieler, wie die Franken beim Tabellenschlusslicht der 2. Bundesliga bestehen wollen, was er von Bayer Leverkusen erwartet und ob es zu seiner Zeit Rassismus in der Nationalmannschaft gab.

Roberto Hilbert, Sie hätten als Tabellenführer nach Duisburg reisen können. Wie sehr schmerzt der Rückschlag gegen Paderborn noch?

Roberto Hilbert Wir hatten das Spiel im Griff, 2:0 geführt und nur noch gegen zehn Mann gespielt. Da schmerzt es natürlich, wenn man das Spiel nicht gewinnt. Aber solche Vorfälle dürfen uns nicht umwerfen.

Auch gegen den BVB gab es zweimal sehr späte Tore. Kann das bald zu einem mentalen Problem werden?

Hilbert Ich denke nicht. Klar waren auch die späten Gegentore gegen Dortmund ärgerlich. Aber man hat gesehen, was für eine enorme Qualität der BVB besitzt. Die gefühlte Niederlage gegen Paderborn haben wir uns selbst zuzuschreiben. Gegentreffer in der Nachspielzeit werden aber sicher nicht zum Dauerbrenner.

Wie wichtig ist es, in solchen Situationen Spieler zu haben, die mit ihrer Erfahrung vorangehen?

Hilbert Als erfahrener Spieler kann man da sicherlich einwirken. Nichtsdestotrotz muss allen bewusst sein, dass das Spiel erst vorbei ist, wenn der Schiedsrichter abpfeift. Wir müssen die beiden Negativerlebnisse abhaken und daraus lernen. In Duisburg werden wir bis zur letzten Sekunde Gas geben.

Ihr Verein spielte in der vergangenen Saison lange Zeit gegen den Abstieg, schaffte den Klassenerhalt aber durch eine starke Rückrunde. Der Trainer kam im September, Sie im Oktober. Ist es also darauf zurückzuführen?

Hilbert Absolut (lacht). Der Start in die vergangene Saison war nicht erfolgreich. Damals war ich noch nicht dabei und kann auch nicht so viel darüber sagen. Dann waren Veränderungen einfach notwendig. Aber allein kann man kein Spiel gewinnen. Da gehört mehr dazu. Wir haben insgesamt mit der Mannschaft einen guten Job abgeliefert. Der ganze Verein hat es letztendlich mit einem großen Zusammenhalt geschafft. Und ich denke, dass man daraus auch gestärkt hervorgehen kann. Wir wollen in dieser Saison ein anderes Bild abgeben.

Sie waren knapp drei Monate arbeitslos. Wie war das Gefühl, nach Fürth zurückzukehren?

Hilbert Das war toll. Ich hatte intensive Gespräche mit den Verantwortlichen. Wir waren uns schnell einig, dass das für mich und für den Verein der richtige Weg ist.

Und Sie konnten Ihr Versprechen einlösen.

Hilbert Genau. Ich hatte dem ehemaligen Präsidenten Helmut Hack versprochen, dass wir nicht absteigen werden. Insgesamt war die Rückkehr nach Fürth für mich der richtige Schritt – sowohl sportlich als auch privat.

Ist die Mannschaft stärker als im vergangenen Jahr?

Hilbert Auf jeden Fall.

Woran machen Sie das fest?

Hilbert Vor allem die jungen Spieler haben in der vergangenen Saison viel Erfahrung gesammelt. Sie sind nun dafür sensibilisiert, für den Erfolg hart arbeiten zu müssen. Außerdem hat Rachid Azzouzi und die sportliche Führung sehr gut gearbeitet und, denke ich, Verstärkungen geholt, die uns enorm weiterhelfen. Unsere Mannschaft ist einfach homogen zusammengestellt.

Worauf muss sich der MSV Duisburg also einstellen?

Hilbert Auf ein Team, das zusammenhält. Das gemeinsam durchs Feuer geht. Wir werden am Samstag alles dafür tun, um diese Leidenschaft auf den Platz zu transportieren.

Duisburg ist Tabellenletzter, hat die ersten drei Spiele verloren und noch kein Tor erzielt. Ist das Fluch oder Segen für den Gegner?

Hilbert Wir wissen, dass der MSV eine starke Mannschaft hat. Wir dürfen uns nicht von der momentanen Tabellenposition des Gegners blenden lassen, sondern hoch konzentriert nach Duisburg fahren. Klar ist aber auch, dass wir dorthin fahren und etwas mitnehmen wollen.

Wie?

Hilbert Der MSV spielt zu Hause. Sie müssen etwas tun, nach vorn spielen und Tore schießen, um Punkte zu holen. Falls es nicht so läuft, kann es passieren, dass die Zuschauer unruhig werden. Dann überträgt sich vielleicht eine gewisse Nervosität auf die Mannschaft. Diese Gegebenheiten können auftreten, mit solchen Emotionen müssen wir spielen. Wir werden mit großen Respekt in dieses Spiel gehen und versuchen die Reife zu zeigen, die wir mittlerweile gesammelt haben.

Ihr Vertrag läuft zum Ende der Saison aus. Wie lang wollen Sie noch spielen?

Hilbert Solange es mein Körper und mein Kopf zulassen. Wenn alles gut läuft, sehe ich mich aber in den nächsten zwei oder drei Jahren noch im Profifußball.

Auch in Fürth?

Hilbert Das wird sich herausstellen. Ich möchte noch länger in Fürth spielen. Ich fühle mich hier wohl, habe ein gutes Standing und denke, dass ich der Mannschaft helfen kann. Jetzt liegt unser Fokus aber erst einmal voll auf dem Ligaalltag.

Sie haben insgesamt 78 Pflichtspiele für Bayer Leverkusen absolviert. Schauen Sie noch mit einem Auge auf Ihren ehemaligen Verein?

Hilbert Selbstverständlich. Es spielen ja immer noch viele Jungs dort, mit denen ich zusammengespielt habe. Zu einigen, wie zum Beispiel Julian Baumgartlinger, Lars Bender oder Ramazan Özcan, habe ich noch einen ganz engen Kontakt. Auch wenn ich keinen schönen Abschluss in Leverkusen hatte, freue ich mich, wenn der Verein Erfolg hat.

Was erwarten Sie in dieser Saison von der Werkself?

Hilbert Viel. Sicherlich ist es eine sehr junge Mannschaft. Aber man darf nicht vergessen, dass ein Julian Brandt in seinem jungen Alter bereits über 150 Bundesliga-Spiele absolviert hat. Auch Kai Havertz ist bereits einer der Leistungsträger. Mit einer guten Mischung aus jungen und alten Spielern ist da sehr viel Potenzial vorhanden. Leverkusen ist vom spielerischen Potenzial eine der besten Mannschaften in der Bundesliga.

Es gab im Bezug auf die Nationalmannschaft eine Rassismus-Debatte. Ihre Ex-Frau stammt aus Eritrea, Sie sind also auch mit Rassismus in Kontakt gekommen. Ist der Fremdenhass in den vergangenen Jahren stärker geworden?

Hilbert Der Rassismus in Deutschland ist sicherlich kein Problem, dass es erst seit kurzer Zeit gibt. Aber auch in Deutschland ist Rassismus ein alltäglicher Begleiter. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass es in der Nationalmannschaft zu solchen Vorfällen gekommen ist.

Gab es zu Ihrer Zeit in der Nationalmannschaft Rassimus?

Hilbert Nein, ganz im Gegenteil.

Sie haben bereits Julian Brandt und Kai Havertz angesprochen. Am Mittwoch war die WM-Analyse von Joachim Löw. Trauen Sie ihm den Umbruch zu?

Hilbert Ich habe ja ein ganz spezielles Verhältnis zu Jogi Löw. Dennoch muss ich sagen, dass er in den vergangenen 14 Jahren große Erfolge gefeiert hat. Sicherlich lief bei der WM 2018 vieles nicht so, wie man sich das im Vorfeld vorgestellt hatte. Nach so einem Turnier muss man aber auch verdienten Leuten wie Löw oder Oliver Bierhoff Fehler zugestehen können. Havertz, Brandt, Leroy Sané und wie sie alle heißen – das kann eine goldene Generation werden. Ich bin mir sicher, dass Löw der richtige Mann dafür ist, die DFB-Elf wieder nach oben zu führen.

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