Wo bleibt die Kritik des DFB? Zeit für Protest gegen eine WM in Saudi-Arabien läuft Dienstag aus

Meinung | Düsseldorf · Am kommenden Dienstag wird Saudi-Arabien mit großer Wahrscheinlichkeit als Ausrichter für die Fußball-WM 2034 feststehen. Der DFB muss sich dagegen klar positionieren, wenn er nicht den letzten Funken Glaubwürdigkeit verlieren will. Der Moment für Widerstand gegen die Fifa ist jetzt.

 FIFA-Präsident Gianni Infantino (l.) und DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

FIFA-Präsident Gianni Infantino (l.) und DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

Foto: AP/Matthias Schrader

Diesmal braucht es wohl nicht einmal Bestechung und Stimmenkauf. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2034 wird in Saudi-Arabien stattfinden. Anders als bei der Vergabe an Katar, die nach 2010 einen jahrelangen Korruptionsskandal mit Ermittlungen bei der Fifa und diversen Funktionären nach sich gezogen hat, geht es nun – zumindest auf den ersten Blick – mit weniger unlauteren Mitteln vonstatten.

Bis zum kommenden Dienstag, 31. Oktober, müssen Bewerber für das Turnier in elf Jahren eine Absichtserklärung für die Ausrichtung des Turniers 2034 beim Fußball-Weltverband Fifa einreichen. Saudi-Arabien ist bislang das einzige Land, das dies getan hat. Und wird auch wohl das einzige bleiben.

Doch es wäre nicht die Fifa, wenn nicht auch hinter dieser Vergabe ein Marionettenspiel stecken würde, bei dem Verbandspräsident Gianni Infantino als Drahtzieher mal wieder alle Fäden in der Hand zu haben scheint. Sein neuester Kniff hört auf den Namen „kontinentales Rotationsprinzip“. Das besagt, dass Länder aus den Kontinentalverbänden, die die letzten beiden Weltmeisterschaften ausgerichtet haben, für die WM-Vergabe nicht infrage kommen können.

Infantino und die Fifa tricksen mit dem Rotationsprinzip

Eine im Grunde gute Regelung, die einst eingeführt worden ist, um bis dato nicht berücksichtigten Kontinenten wie Afrika und Asien die Austragung einer WM zu ermöglichen. Vor Einführung der Regel im Jahr 2000 fand die Hälfte aller Weltmeisterschaften auf europäischem Boden statt.

Wer nun mit einem Blick auf die Weltkarte abgleicht, in welchen Ländern die kommenden Turniere ausgetragen werden, wird schnell merken, dass die Möglichkeiten für 2034 begrenzt sind. Die nächste WM findet in Kanada, den USA und Mexiko statt (alle Fußballverband Concacaf), Anfang Oktober gab die Fifa bekannt, dass die Jubiläums-Weltmeisterschaft 2030 mit drei Spielen in Uruguay, Argentinien und Paraguay (alle Conmebol) starten wird und dann in Marokko (Caf), Spanien und Portugal (beide Uefa) zu Ende gespielt wird. So bleiben für das Turnier in elf Jahren lediglich Länder des asiatischen (AFC) und ozeanischen (OFC) Fußballverbandes in der Verlosung.

Indonesien, das kurzzeitig mit Australien über eine gemeinsame Bewerbung nachgedacht hat, nahm in der vergangenen Woche Abstand von diesen Überlegungen und sagte Saudi-Arabien seine Unterstützung zu. Sollte Australien, das zuletzt mit Neuseeland die Frauen-WM 2023 ausgerichtet hat und zudem bereites den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 2032 bekommen hat, in dem grotesk kurzen Zeitraum bis zum 31. Oktober nicht noch ein Ass für die eigene Bewerbung im Ärmel haben, kann sich die Fifa das weitere Bewerbungsverfahren sparen – dann geht die nächste Weltmeisterschaft schlichtweg aus Ermangelung an Alternativen erneut an einen Wüstenstaat.

Blickt man auf den Verlauf dieses Vergabeprozesses, braucht es nicht viel Fantasie, um zu glauben, dass Fifa-Boss Gianni Infantino sich das genau so zurechtgelegt hat. Nach Bekanntgabe der Pläne für die WM 2030 am 4. Oktober dauerte es nur eine Stunde, ehe sich Saudi-Arabien als Ausrichter 2034 ins Gespräch brachte. Die Absichtserklärung wurde bei der Fifa nur wenige Tage später eingereicht.

DFB lässt nach Worten keine Taten folgen

Und was sagt der DFB dazu? Immerhin hatte Verbandspräsident Bernd Neuendorf vor der WM in Katar noch großspurig angekündigt, dass man bei den Turniervergaben in Zukunft kritischer sein wolle, als noch 2010. „Ich glaube, dass es künftig nur noch sehr schwer möglich sein wird, eine WM zu vergeben, ohne im Vorfeld darüber zu diskutieren, was das bedeutet“, waren Neuendorfs Worte. Der DFB-Boss ergänzte, dass man bei zukünftigen Vergaben kritischer und aufmerksamer in Hinblick auf Menschenrechte und Nachhaltigkeit vorgehen müsse.

Gianni Infantino im Porträt
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Vor dem Hintergrund, dass die WM 2034 de facto am kommenden Dienstag nach Saudi-Arabien vergeben wird, stellt sich die Frage, wo denn diese kritische Haltung des größten Sportverbandes der Welt nun bleibt? Zuletzt klangen die Töne von Neuendorf dann doch wieder gemäßigter. Zunächst bliebe „abzuwarten, welche Mitgliedsverbände aus dem AFC und dem OFC sich tatsächlich zur Ausrichtung der WM bereit erklären“ und dann müsse man aber wirklich „genau hinschauen, welche konkreten Vorschläge die potenziellen Ausrichter im Bewerbungsverfahren entwickeln, um diesem wichtigen Anliegen und dieser Herausforderung gerecht zu werden.“ Klare Kante sieht anders aus.

Würde DFB-Präsident Neuendorf seine Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte im WM-Gastgeberland ernst meinen, dann müssten bei einer Aussicht auf Saudi-Arabien normalerweise alle Alarmsignale leuchten. Saudi-Arabien, das Land im persischen Golf, das politische Gegner und Kritiker inhaftiert, drangsaliert und tötet, in dem die Meinungs- und Versammlungsfreiheit stark eingeschränkt ist, das nach Angaben von Amnesty International im vergangenen Jahr 196 Menschen zum Tode verurteilt und hingerichtet hat, und damit so viel wie seit 30 Jahren nicht. Das Land, in dem die männliche Vormundschaft gilt, Frauen also verpflichtet sind, ihrem Ehemann zu gehorchen und so schon per Gesetz diskriminiert werden. Das Land, in dem Homosexualität unter Strafe steht und mit Folter und dem Tode bestraft wird.

All diese Dinge sind bekannt, werden seit Jahren aufgedeckt und protokolliert – von NGOs (Nichtregierungsorganisationen) wie Amnesty International oder Human Rights Watch, von Investigativjournalisten wie dem saudi-arabischen Regimekritiker Jamal Kashoggi, der für seine Arbeit vor fünf Jahren mit dem Leben zahlen musste. Wer jetzt schweigt, der darf in elf Jahren nicht sagen, dass er davon nichts wusste. Dass der Protest doch so kurz vor der WM nichts bringen würde und schon bei der Vergabe an Saudi-Arabien hätte passieren müssen. Denn dieser Moment für einen Protest gegen den Ausrichter, gegen diese WM, gegen die Fifa, gegen Gianni Infantino, der ist genau jetzt.

Zeit für Protest gegen WM in Saudi-Arabien läuft aus

In der Pflicht steht vor allem der DFB, der sich an den Worten von Bernd Neuendorf messen lassen muss. Sollte der deutsche Verband die Vergabe an Saudi-Arabien weiterhin so wortlos und achselzuckend hinnehmen, verliert er auch den letzten Funken Glaubwürdigkeit. Dann sind alle Bekundungen für Menschenrechte und gegen die Unterdrückung von Minderheiten nicht mehr als Schall und Rauch. Als größter nationaler Sportfachverband der Welt hat der DFB die Wirkmacht, andere europäische Verbände ins Boot zu holen und sich gemeinsam mit Frankreich, Italien, Norwegen oder England gegen die Fifa-Pläne zu stellen – doch langsam läuft die Zeit dafür ab.

Gefordert sind in der aktuellen Phase aber auch alle anderen: Spieler, Vereine, Sponsoren, Fanorganisationen – die gesamte Fußball-Öffentlichkeit. Vor der WM in Katar sagte Nationalspieler Joshua Kimmich, dass „wir einfach zwölf Jahre zu spät dran sind“, um etwas dagegen zu unternehmen. Mit Blick auf die WM 2034 ist also genau jetzt der Moment, um sich zu wehren.

Dass die Aussicht auf Erfolg bei einem DFB-Protest gegen Saudi-Arabien verschwindend gering ist, sollte einer deutlichen Kritik gegen die Machenschaften der Fifa nicht im Weg stehen. Auch die Angst, dass eine kritische Haltung des Verbandes die Chancen auf eine Ausrichtung der Frauen-WM 2027 verringern, darf keine Ausrede sein, jetzt Augen, Ohren und vor allem den Mund zu verschließen.