Gewinner & Verlierer Füllkrug ist mehr als ein Lückenfüller

Analyse | Düsseldorf/Al-Khor · Beim 1:1 gegen Spanien war Torschütze Niclas Füllkrug der gefeierte Held. Doch nicht nur der Bremer wusste in einer verbesserten DFB-Elf zu überzeugen. Dagegen erlebten zwei England-Legionäre einen gemischten Abend, während einem Münchener eine Pause gut tun würde.

Niclas Füllkrug (r.) jubelt nach seinem Treffer zum 1:1 gegen Spanien. Im Hintergrund läuft Jamal Musiala.

Niclas Füllkrug (r.) jubelt nach seinem Treffer zum 1:1 gegen Spanien. Im Hintergrund läuft Jamal Musiala.

Foto: AP/Luca Bruno

Die Erleichterung, die sich nach dem Schlusspfiff auf der deutschen Bank im Al-Bayt-Stadium Bahn brach, war selbst in der fernen Heimat förmlich spürbar. Mit dem 1:1 (0:0) gegen den WM-Mitfavoriten Spanien betrieb die Nationalmannschaft Wiedergutmachung für den am Ende seltsam fahrigen Auftritt im ersten Gruppenspiel gegen Japan (1:2). Während sich vor allem zwei Joker zu Matchwinnern aufschwangen, blieb ein Defensivspieler hinter den Erwartungen zurück. Die Gewinner und Verlierer des Spiels im Überblick.

Die Gewinner:

Niclas Füllkrug 20 Minuten reichten, um gefühlt eine gesamte Fußball-Nation wach zu küssen. Zweifellos hat der Stürmer von Werder Bremen mit seinem Kurzeinsatz gegen die Spanier bewiesen, dass er mehr als nur ein Lückenfüller in der üppig und namhaft besetzen DFB-Offensive sein kann. Körperliche Präsenz, Wille, Entschlossenheit und Durchsetzungsvermögen – alles Attribute, die in den vergangenen Länderspielen so schmerzlich vermisst wurden, warf der 29-Jährige in die Waagschale und belohnte sich in der 83. Minute mit dem Ausgleichstreffer, als er Jamal Musiala den Ball abluchste und ihn wuchtig in die Maschen drosch. Schwer vorzustellen, dass Bundestrainer Hansi Flick auf den Spätberufenen im entscheidenden Gruppenspiel gegen Costa Rica verzichten will, zumal die bisherigen Kandidaten in der Sturmspitze, namentlich Kai Havertz und Thomas Müller, aktuell nicht wirklich Torgefahr ausstrahlen.

Leroy Sané Der Schock im DFB-Lager war groß, als der Münchener kurz vor dem WM-Start wegen Knieproblemen passen musste. Schließlich spielt Sané in den Planungen von Hansi Flick eine wichtige Rolle – und das völlig zu Recht, wie sein 20-minütiger Auftritt gegen Spanien bewies. Erst bereitete er mit einem klugen Steckpass eine Großchance durch Jamal Musiala vor (72.), dann leitete er das 1:1 durch Füllkrug mit ein (83.). Er sei ein „Unterschiedsspieler“, hatte der Bundestrainer im Vorfeld gesagt und mit dieser Einschätzung nicht übertrieben. Sané selber sieht sich mittlerweile auch bereit für die Startelf. Flick dürfte es mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen haben.

WM 2022: Pressestimmen zum 1:1 der DFB-Elf gegen Spanien​
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Pressestimmen zum 1:1 der DFB-Elf gegen Spanien

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Foto: dpa/Federico Gambarini

Leon Goretzka Der Frust saß tief, das war nicht zu übersehen. Ein wenig überraschend musste der 27-Jährige das erste WM-Spiel zunächst von der Ersatzbank aus beobachten. Statt ihm durfte Ilkay Gündogan zusammen mit Joshua Kimmich die Doppelsechs bilden. Zwei Gestalter, die nicht wirklich für die nötige Balance sorgten. Entsprechend war die Wahl, den Münchener gegen die Iberer aufzustellen, folgerichtig. Mit ihm kam nämlich die nötige Körperlichkeit ins Zentrum, die zuvor gefehlt hatte. Fleißig, grätschend und laufstark präsentierte Goretzka sein gesamtes Repertoire als Box-to-Box-Spieler und gab seinem Trainer die passende Antwort auf seine vorige Nicht-Berücksichtigung. Dürfte sich mit diesem Auftritt in der Startelf festgespielt haben.

Jamal Musiala Das Duell der beiden Weltmeister im Al-Bayt Stadium war zugleich das Treffen der kommenden Superstars im Weltfußball: Pedri und Gavi auf der einen sowie Jamal Musiala auf der anderen Seite. Und die 90 Minuten zeigten, dass sich der Münchener von seinen Kollegen aus Barcelona in Sachen Technik und Spielintelligenz nicht zu verstecken braucht. Wie schon im Auftaktspiel gegen Japan gehörte der Teenager zu den stärksten DFB-Akteuren. Beeindruckend, wie er sich auf engstem Raum gegen mehrere Gegenspieler scheinbar federleicht durchschlängelt. In dieser Form die klare Nummer eins in der deutschen Offensive. Einzig vor dem Tor fehlt ihm noch die Kaltschnäuzigkeit und Übersicht, die man von ihm aus der Bundesliga (neun Tore und sieben Vorlagen in 14 Spielen) gewohnt ist.

Die Verlierer:

Deutschland - Spanien: Noten & Einzelkritik fürs DFB-Team
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Deutschland - Spanien: die DFB-Elf in der Einzelkritik

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Foto: dpa/Robert Michael

Thilo Kehrer Der ehemalige Schalker gilt als Lieblingsschüler von Flick, schließlich hat er das Gros seiner bislang 24 Länderspiele unter dem Bundestrainer seit seinem Amtsantritt nach der EM gemacht. Flick schätzt die Vielseitigkeit des Profis von West Ham United, der sowohl außen als auch innen verteidigen kann. Gegen Spanien durfte er als Rechtsverteidiger ran, nachdem gegen Japan das Experiment mit Niklas Süle misslang. Zwar konnte man dem 26-Jährigen kein mangelndes Engagement vorwerfen, allerdings offenbarte er in Sachen Stellungsspiel und Timing Schwächen, die die Spanier ein ums andere Mal ausnutzten. Bezeichnend, dass er im Laufe der zweiten Hälfte durch Lukas Klostermann ersetzt wurde. Der Leipziger, der erst kurz vor Turnierstart fit wurde, dürfte auch gegen Costa Rica den Vorzug erhalten. Die Außenverteidigung bleibt Flicks größte Baustelle bei dieser WM.

Kai Havertz Rein von seinem Potenzial her müsste der Offensivallrounder vom FC Chelsea uneingeschränkter Stammspieler sein. Sein Problem: Eine wirklich feste Position hat er in der Nationalelf nicht. Mal spielt er im Sturm, mal auf der Zehn, mal auf den Außen. Gegen Japan durfte er ganz vorne ran und blieb bis auf sein Abseitstor beinahe unsichtbar. Als Konsequenz daraus rotierte der 23-Jährige gegen Spanien auf der Bank – und bliebt dort 90 Minuten lang sitzen. Höchstwahrscheinlich muss sich der Ex-Leverkusener auf einen längeren Aufenthalt außerhalb des Spielfelds einrichten. Nach ihren Kurzeinsätzen haben Leroy Sané und Niklas Füllkrug jedenfalls ein bemerkenswertes Bewerbungsschreiben für die Startelf abgegeben.

Serge Gnabry Mit 20 Toren in 38 Länderspielen kann der 27-Jährige vom FC Bayern eine beeindruckende Trefferquote vorweisen. Bei dieser WM klemmt es allerdings noch beim Flügelflitzer. Sowohl gegen Japan als auch gegen Spanien blieb vieles Stückwerk. Sein Tempo sowie seine Tiefenläufe können jede Mannschaft bei diesem Turnier vor Probleme stellen. Aktuell unterlaufen ihm jedoch oftmals zu viele einfache technische Fehler und Fehlpässe. Vielleicht tut ihm gegen Costa Rica eine Verschnaufpause gut. Genug Alternativen in der Offensive sind jedenfalls vorhanden.

(lonn)
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