Trainer Regragui führt Marokko zusammen „Warum sollten wir nicht vom WM-Titel träumen?“

Doha · Anfangs als „Avocado-Kopf“ verspottet, hat Marokkos Trainer Walid Regragui längst seine Kritiker zum Schweigen gebracht. Er schreibt WM-Geschichte - und hat noch lange nicht genug.

 Walid Regragui wird von seinen Spielern auf Händne getragen.

Walid Regragui wird von seinen Spielern auf Händne getragen.

Foto: AFP/KARIM JAAFAR

Nicht nur Walid Regragui macht sich längst einen Spaß daraus. Auch seine Spieler aus aller Welt haben Gefallen daran gefunden. Beim Training im Abdullah-bin-Khalifa-Stadion hauen sie ihrem Coach immer mal wieder freundschaftlich auf den Kopf. Marokkos Nationaltrainer selbst schlug sich nach seinen historischen Erfolgen in Katar lachend auf seine Glatze. Die Botschaft: Seht her, hier ist euer „Avocado-Kopf“!

Diesen spöttischen Namen verliehen ihm kritische Experten, als Regragui Ende August zum Nachfolger des gefeuerten Vahid Halilhodzic berufen wurde. Ja, er hatte mit dem Traditionsklub Wydad Casablanca das Double aus Meisterschaft und afrikanischer Champions League gewonnen, doch Nationaltrainer bei einer WM? Kann er nicht, hieß es.

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Foto: dpa/Christoph Reichwein

Gut drei Monate später sind nicht nur die Kritiker verstummt. Der „Avocado-Kopf“ hat die Marokkaner daheim in Casablanca oder Marrakesch ebenso wie in Paris, Brüssel oder London in Ekstase versetzt. Mit dem ersten afrikanischen Team, das ein WM-Halbfinale erreichte - und noch lange nicht genug hat. „Warum sollten wir nicht vom WM-Titel träumen?“, fragte Regragui vor dem Duell am Mittwoch (20.00 Uhr MEZ/ZDF und MagentaTV) mit Titelverteidiger Frankreich.

Ohne ihn wäre dieses afrikanische Wintermärchen so wohl nicht möglich gewesen. Allerdings: Erst ein Krach brachte Regragui ins Amt. Sein Vorgänger hatte ausgerechnet Hakim Ziyech, den wohl besten Fußballer des Landes, aus der Mannschaft getrieben. Der trainiere nicht ordentlich, bemängelte der Bosnier, der Edeltechniker trat daraufhin beleidigt zurück.

Was Halilhodzic den Job kostete, war Regraguis Ansatz für den entscheidenden Wandel. Er holte nicht nur Ziyech zurück und behandelte diesen „besonderen“ Spieler mit „Liebe und Respekt“. Er setzte trotz vieler Widerstände generell auf die Europäer - und sogar einen Nordamerikaner. 14 Spieler in seinem WM-Team sind nicht in Marokko geboren, den Vorwurf einiger Journalisten und Experten, sie hätten „kein Herz für Marokko“, ließ er sie eindrucksvoll widerlegen.

„Jeder Marokkaner ist ein Marokkaner“, meinte Regragui. Das gelte auch für den in Kanada geborenen Keeper Bono, den aus Frankreich stammenden Kapitän Romain Saiss, den Ex-Dortmunder Achraf Hakimi aus Madrid, Mittelfeld-Abräumer Sofyan Amrabat aus den Niederlanden oder den ehemaligen deutschen U21-Nationalspieler Abdelhamid Sabiri.

Regragui selbst steht stellvertretend für ihren Lebensweg: In Corbeil-Essonnes in der Nähe von Paris geboren, mit fünf Geschwistern aufgewachsen, verbrachte er jedes Jahr zwei Monate in der alten Heimat seiner Eltern. Lief mit einem Milan-Trikot durch die Straßen, machte Abitur, studierte auf Wunsch seiner Eltern Wirtschafts- und Sozialwissenschaft, startete erst spät ins Profigeschäft, wurde als Doppelstaatsbürger marokkanischer Nationalspieler. Erst mit 33, als die zweite Karriere als Trainer näher rückte, zog er nach Marokko.

Sein größtes Verdienst ist nicht nur, dass er Spieler aus aller Welt zu einer „Familie“ machte, sondern auch sein taktisches Konzept, das zusammen mit seinem Auftreten nicht nur den kicker an Jürgen Klopp erinnert und zum Spitznamen „Atlas-Kloppo“ inspirierte. Und die ewigen Schläge auf den Kopf? „Die“, sagt Regragui lachend, „bringen wohl Glück.“

(sid/old)
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