Pulisic-Tor der Schmerzen USA nach Sieg gegen Iran im Achtelfinale

Doha · Die USA stehen im WM-Achtelfinale. Das ist 1:0 gegen den Iran ist im Lichte großer politischer Brisanz kein Sieg wie jeder andere. Einen denkwürdigen Tag erlebt Matchwinner Pulisic.

 Christian Pulisic (r) trifft zum 1:0 für die USA.

Christian Pulisic (r) trifft zum 1:0 für die USA.

Foto: AP/Manu Fernandez

Die erschöpften US-Kicker jubelten erleichtert mit ihren Fans über den Einzug ins WM-Achtelfinale, Irans Nationalspieler waren nach dem Vorrunden-Aus untröstlich und verließen die große Fußball-Bühne mit Tränen in den Augen. Mit einem Tor der Schmerzen hat Christian Pulisic die USA im brisanten Gruppen-Finale in die K.o.-Runde der Fußball-Weltmeisterschaft geführt. Im politisch aufgeladenen und dadurch im Fokus der Weltöffentlichkeit besonders beachteten Duell erzielte der frühere Profi von Borussia Dortmund am Dienstag beim 1:0 (1:0) den umjubelten Siegtreffer (38. Minute).

„Das Ende des Spiels war Wahnsinn. Wir sind zufrieden mit unserer Leistung und müssen vor keinem Gegner Angst haben“, sagte US-Coach Gregg Berhalter. Die USA treffen als Gruppenzweiter am Samstag im Achtelfinale auf die Niederlande, die nach einem 2:0 gegen Turnier-Gastgeber Katar ihre Gruppe gewannen. „Für uns ist ein Traum wahr geworden. Wir sind eine Familie und wollen gewinnen“, sagte Stürmer Timothy Weah.

In der hitzigen Nachspielzeit mussten die Amerikaner jedoch zittern und einige heikle Situationen überstehen. „Wir waren müde und haben viele Bälle verloren. Aber ich bin stolz auf die Mannschaft“, sagte Berhalter. Die Iraner hatten nach dem Abpfiff großen Diskussionsbedarf mit dem Schiedsrichtergespann, fühlten sie sich kurz vor Schluss doch um einen Elfmeter gebracht. „Uns hat ein Tor gefehlt. Der Traum ist vorbei“, sagte Trainer Carlos Queiroz.

24 Jahre nach dem 2:1-Sieg der Iraner bei der WM 1998 bejubelten diesmal die Amerikaner nach einer dramatischen Schlussphase einen prestigeträchtigen Erfolg. Nachdem die US-Auswahl die Weltmeisterschaft vor vier Jahren in Russland verpasst hatte, steht sie nun wie zuletzt beim Turnier in Brasilien 2014 wieder in der K.o.-Runde.

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Foto: dpa/Tom Weller

Pulisic warf sich bei der Szene des Tages nach einer schönen Kombination über Weston McKennie und Sergino Dest in den Ball und knallte dabei mit Irans Torhüter Ali Beiranvand zusammen. Fünf Minuten später humpelte der 24-Jährige noch einmal vor 42 127 Zuschauern auf den Rasen des Al-Tuhmama Stadions. Nach der Pause konnte er wegen einer Bauchverletzung aber nicht mehr weitermachen. „Wir sind dankbar, dass er seinen Körper da reingeworfen hat“, sagte Mittelfeldspieler Weston McKinney.

Der energische Torschuss des Profis des FC Chelsea stand sinnbildlich für die Leidenschaft, mit der die beiden Rivalen in einem temporeichen K.o.-Spiel zur Sache gingen. Bereits in den Tagen vor dem bedeutsamen und von Beginn an sehr intensiv geführten Gruppenduell hatte es reichlich Ärger gegeben. Auf der einen Seite sorgten die nicht komplette Flaggendarstellung des Irans durch den US-Verband oder missverständliche Aussagen des früheren US-Nationaltrainers Jürgen Klinsmann für Verstimmung. Auf der anderen Seite mussten sich Berhalter und Kapitän Tyler Adams provokante Fragen auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gefallen lassen.

Auf dem Platz stand trotz der überstrahlenden Bedeutung des Spiels wegen der schweren politischen Differenzen zwischen den USA und dem Iran - wie von Berhalter und seinem iranischen Amtskollegen Queiroz gewünscht - der Sport im Fokus. Dessen Auswahl um den zweimaligen Turnier-Torschützen Mehdi Taremi tat sich trotz der frenetischen Anfeuerung durch Rufe, Trommeln und Tröten der großen Mehrheit an iranischen Fans lange schwer gegen die strukturierter und abgeklärter agierenden Amerikaner - drehte aber nach der Pause mehr auf.

Inmitten der schwersten Proteste im Iran seit Jahrzehnten war die große Bedeutung des Spiels aber stets präsent; das ging schon bei der Hymne los. Nachdem die Nationalspieler vor dem 2:6 zum WM-Auftakt gegen England nicht mitgesungen hatten, stimmten sie nun wie schon beim Spiel gegen Wales mit ein - in der Summe aber recht leidenschaftslos. Iranische Aktivisten hatten das Schweigen vor dem England-Spiel als eine Geste der Unterstützung für die landesweiten Proteste im Land gewertet. In der Folge war über drohende Sanktionen vonseiten der Regierung berichtet worden.

Die Mannschaft um Mittelfeldspieler Saeid Ezatolahi, der mit ausgebreiteten Armen gen Himmel auf das Spielfeld lief und die Hände danach vor das Gesicht schlug, stemmte sich mit viel Hingabe gegen das WM-Aus. Viel fehlte nicht, und der für den wirkungslosen Leverkusener Sardar Azmoun eingewechselte Saman Ghoddos hätte zum Ausgleich eingeköpft (52.). Ezatolahi schnupperte bei seinem Schuss (70.) ebenfalls am 1:1.

Die vielen iranischen Fans in Grün, Weiß und Rot gaben nicht auf mit ihrer lautstarken Unterstützung von den Rängen - wie auch das Team auf dem Platz nicht. Das fußballverrückte Land, in dem am Dienstag nach der Freilassung von Nationalspieler Voria Ghafouri auch die von Parvis Borumand bekannt wurde, fieberte am Ende aber vergeblich mit.

(dpa/stja)
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