TV-Kritik zur „Sportschau“ beim Deutschland-Aus Starke Esther Sedlaczek - Bundestrainer widerspricht Schweinsteiger

Meinung | Mainz/Al-Chaur · Mit viel Optimismus waren die Experten der ARD in die TV-Übertragung des Spiels Deutschland gegen Costa Rica gegangen, am Ende übertrafen sie sich dann mit Kritik an der DFB-Elf. Esther Sedlaczek fiel mit starken Fragen auf, für den besten Moment sorgte aber Thomas Müller.

Bastian Schweinsteiger und Esther Sedlaczek moderieren live für die ARD.

Bastian Schweinsteiger und Esther Sedlaczek moderieren live für die ARD.

Foto: dpa/Tom Weller

Sami Khedira war hervorragend aufgelegt. In der Runde mit Thomas Hitzlsperger, Almuth Schult und Moderatorin Jessy Wellmer stach er schon durch sein Outfit heraus: Dunkelblauer Anzug mit Karomuster, weißes Hemd und Einstecktuch. „Ich habe mich etwas schicker angezogen, denn ich glaube, es wird ein Festtag, indem wir ins Achtelfinale einziehen“, erklärte der Weltmeister von 2014, als die ARD am Donnerstagnachmittag ihr TV-Programm aufnahm.

Doch auch darüber hinaus glänzte Khedira, der bei der lebhaften Diskussion über die mögliche deutsche Aufstellung weiche Fakten („Müller spielt bei mir immer, weil er das Team führt“) mit sinnvollen Statistiken mischte. Deshalb konnte er auch gut begründen, weshalb er Niclas Füllkrug und auch Jonas Hofmann in die Startelf beordern würde. In einem waren sich alle drei Experten indes einig, nämlich wie sie erklärten, wie die DFB-Elf Costa Rica würde schlagen können: Gute Raumaufteilung und Strafraumbesetzung im Angriff, viel Bewegung, viele Pässe, den Gegner müde machen. Die Zuschauer bekamen taktische Ansätze für das kommende Spiel geliefert, die über Floskeln hinausgingen und mit wenig Fachgeplänkel auskamen.

Moderatorin Wellmer kam dagegen eher weniger gut an; immer wieder stolperte sie über Formulierungen ihrer Fragen, die sie dann oftmals ohne festen Adressaten in den Raum warf, wodurch manchmal peinliche Pausen entstanden, bis Hitzlsperger, Schult oder Khedira den Ball aufnahmen.

Kritisch waren die Experten mit Bundestrainer Hansi Flick, als die tatsächliche Aufstellung bekannt gegeben wurde und keinen Niclas Füllkrug beinhaltete, dafür aber Joshua Kimmich überraschend hinten rechts. „Ich habe auch im Ohr, Kimmich sei einer der besten Sechser überhaupt (laut Flick, Anm.) und plötzlich taucht er hinten rechts auf“, wunderte sich zum Beispiel Hitzlsperger. Das Trio traf damit den Nerv einiger Zuschauer, die sich im Internet ebenfalls sehr überrascht äußerten und Flicks Auswahl kritisch sahen.

Nach dem Interview des Bundestrainers aus dem Stadion mit Esther Sedlaczek und Bastian Schweinsteiger änderte sich die Meinung allerdings ein wenig. Nachdem Flick sich erklärt hatte und mit Schweinsteiger einen prominenten Befürworter hatte, der die Aufstellung richtig fand („Die etablierten Spieler sind in der Verantwortung, das Ruder herumzureißen“), knickten die Experten im Mainzer Studio ein wenig ein; es gebe so viel Qualität, da sei es fast egal, wer spiele und man habe Vertrauen in Flick.

Costa Rica - Deutschland: So reagieren die DFB-Spieler auf WM-Aus
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So reagieren die DFB-Spieler auf das WM-Aus

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Foto: AFP/KIRILL KUDRYAVTSEV

Ab kurz vor 20 Uhr übernahm schließlich der Kommentator der ARD das Mikrofon. Der hieß zwar nicht Tom Bartels, doch Gerd Gottlob war schon in den ersten zehn Minuten derart emotional, als spiele die DFB-Elf gerade die Verlängerung eines WM-Endspiels. Natürlich dürfen und sollen Kommentatoren emotional sein – da ist man in Deutschland sicher etwas engstirnig – doch die Ausbrüche Gottlobs bei jeder Offensivaktion direkt zu Beginn waren etwas übertrieben. Wo sich Gottlob jedoch zurückhielt, war bei möglicher Kritik gegen das erste weibliche Schiedsrichter-Gespann. Statt die Fehler in der ersten Hälfte klar zu benennen, wurden sie mit einem „Oha“ oder „Egal“ abgetan. Im zweiten Durchgang traf er in einem wilden Spiel dann stets den richtigen Ton und baute die Emotionalität zurecht ein. Gottlob wurde zudem kritisch: „Zweimal in der Vorrunde raus – das ist dann auch kein Zufall mehr.“ Am Ende sprach er von einem „Debakel“ und „Desaster“ für Deutschland.

Einen ähnlichen Ton schlug auch Schweinsteiger in seiner Analyse an. Er sei „enttäuscht“, dass man den Gegner „wieder eingeladen“ habe, die Defensive sei „ganz, ganz schlecht“. Zudem bemängelte er die Einstellung der Mannschaft, die nicht brenne. Mit letzterem von Moderatorin Sedlaczek konfrontiert widersprach Bundestrainer Flick vehement, „absoluter Quatsch“ sei das - und er wollte von Schweinsteiger wissen, woran er das denn festmache. Damit brachte Flick seinen einstigen Spieler ziemlich ins Schwimmen, denn anders als bei seinen guten Analysen der Spielszenen hatte Schweinsteiger hier keine handfesten Argumente, sondern driftete ein wenig in die Stammtisch-Richtung ab; „mir fehlt einfach was“, schloss er lahm. Dass Flick die Worte zurecht nicht schmeckten, war ihm anzumerken.

Schweinsteiger versuchte anschließend merklich Pluspunkte zu sammeln, als er Dinge sagte wie: „Hansi hat nicht so viel falsch gemacht“, die Aufstellung zum Beispiel habe er richtig gut gefunden. Erfolglos, denn Flick nahm die Umarmung zum Abschluss eher hin als dass er sie erwiderte. Sedlaczek stellte ansonsten gute Fragen, eben nach der Einstellung, nach Füllkrug, den viele gern in der Startelf gesehen hätten, oder nach Flicks Zukunft. Auch DFB-Geschäftsführer Oliver Bierhoff interviewte sie richtig - sie wollte eben genau das wissen, was wohl auch die Fans vor dem Fernseher interessierte.

Im Studio schlossen sich die Experten Schult, Khedira und Hitzlsperger der Kritik an der Einstellung des Teams an, das nicht die gesamte Dauer 100 Prozent gegeben hätte. Khedira wurde dabei am deutlichsten: „Die Verteidigung schläft, sie ist nicht wach“, kritisierte er, zudem habe sich Flick mit der Aufstellung verzettelt. Mit seiner These, dass Bierhoff sehr selbstkritisch sei und nicht an seinem Stuhl klebe, steht er aktuell aber wohl ziemlich alleine da.

Für den besten Moment dieser Übertragung sorgte allerdings der Reporter der ARD, der Thomas Müller direkt nach dem Spiel interviewte und ihm vermutlich die Rücktritts-Ankündigung entriss. Die Frage nach der persönlichen Zukunft Müllers war noch nicht zu Ende gestellt, da sprudelte der Münchner auch schon los und bedankte sich bei den deutschen Fans, falls es sein letztes Spiel gewesen sein sollte: „Ich habe es mit Liebe getan. Da könnt ihr euch sicher sein. Und alles Weitere muss ich erst mal sehen.“

Fazit: Ein gut vorbereiteter und meinungsstarker Sami Khedira kann ein Gewinn als TV-Experte sein. Bastian Schweinsteiger hingegen sollte sich mit gefühlten Wahrheiten eher zurückhalten und mehr auf die Spielanalyse gehen. Neben ihm sorgt Esther Sedlaczek für Glanzpunkte. Und: Ein Thomas Müller am Mikrofon ist immer hilfreich.

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