„Reflektieren und verbessern“ DFB-Stars bekämpfen WM-Frust - Flick startet Analyse

Frankfurt am Main · Hansi Flick arbeitet mit Hochdruck das WM-Debakel auf. Vor Ratschlägen für eine erfolgreiche Heim-EM kann sich der Bundestrainer kaum retten. Seine Spieler verarbeiten den Frust auf unterschiedliche Art und Weise.

 Bundestrainer Hansi Flick (r) und Mario Götze geben sich bei der Einwechslung die Hand.

Bundestrainer Hansi Flick (r) und Mario Götze geben sich bei der Einwechslung die Hand.

Foto: dpa/Christian Charisius

Joshua Kimmich entdeckte seinen Kampfgeist wieder, Manuel Neuer suchte Zerstreuung beim Handball, Mario Götze zeigte erste Urlaubsbilder. Während die Nationalspieler ihren gewaltigen WM-Frust ganz unterschiedlich bekämpfen, kann bei Hansi Flick von einer besinnlichen Vorweihnachtszeit keine Rede sein.

Der angezählte Bundestrainer begann unmittelbar nach der Rückkehr mit der Aufarbeitung des Katar-Debakels und befolgt damit die unmissverständliche Ansage seines Bosses Bernd Neuendorf. Der DFB-Präsident hatte mit Nachdruck „eine sportliche Analyse dieses Turniers“ für das laut Medienberichten am Mittwoch anberaumte Treffen mit Flick, Oliver Bierhoff und seinem Vize Hans-Joachim Watzke gefordert.

Neuendorf ist in großer Sorge - und damit steht er nicht alleine. „Nun gilt es, die Richtigen zu finden, auch mit Blick auf die Heim-EM, die schon in 18 Monaten beginnt und für die das Abschneiden natürlich eine Katastrophe ist, da brauchen wir nicht drum herumzureden“, meinte der alarmierte Turnierdirektor Philipp Lahm. Ein Sommermärchen 2.0? Daran fehlt derzeit der Glaube.

Dennoch deuten die Indizien darauf hin, dass Flick seinen Vertrag bis 2024 erfüllen darf - auch mangels Alternativen. Jürgen Klopp, der Wunschkandidat vieler Fans, ist bis 2026 an den FC Liverpool gebunden. Vom verfügbaren Thomas Tuchel ist der Verband wohl nicht restlos überzeugt.

Daher könnte der mächtig in der Kritik stehende Oliver Bierhoff das Opfer werden. Watzke gilt nicht als Freund des DFB-Geschäftsführers, der die dritte Turnier-Enttäuschung in Serie zu verantworten hat.

Bierhoff wiederum gilt als Sinnbild für die Entrücktheit der Nationalmannschaft. Der DFB müsse mit Blick auf die EM aufpassen, „die Fans nicht komplett zu verlieren“, sagte Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg: „Ich warne davor, das zu unterschätzen.“ Dass in 18 Monaten wieder Euphorie entfacht werde, sei „nicht selbstverständlich“.

Dafür muss die Mannschaft sorgen, doch nach der „Kata(r)strophe“ lecken die tief gefallenen Stars erst einmal ihre Wunden. „In spätestens vier Wochen heißt es dann wieder Attacke, denn Aufgeben ist niemals eine Option“, schrieb Kimmich bei Instagram.

Bei seinen Mitspielern schwang viel Wut und Enttäuschung mit. „Es wird noch einige Zeit dauern, all das zu verarbeiten“, erklärte Manuel Neuer, der sich beim Handball-Bundesligaspiel zwischen dem HC Erlangen und den Füchsen Berlin ablenkte.

Kai Havertz verspürte „den Schmerz der Nation“, im Leben gehe es aber darum, „stärker zurückzukommen“. Götze ergänzte aus Dubai mit seinem Sohn Rome auf dem Arm: „Es ist wichtig, dass wir uns reflektieren und verbessern.“

Abwehrchef Antonio Rüdiger forderte, sich „selbst zu hinterfragen“. Das gilt auch für Flick. Neuendorf erwartet von ihm „Perspektiven mit dem Blick auf die Europameisterschaft im eigenen Land“. Auch der einst gefeierte Bayern-Coach hat vor und während der WM Fehler begangen.

Lahm vermisste „eine Achse“, deren Wichtigkeit Flick immer wieder betont hatte. Für Lothar Matthäus ist das aber kein Trennungsgrund. „Hansi ist selbstkritisch genug, um aus seinen Fehlern zu lernen“, glaubt der Rekordnationalspieler: „Ich bin überzeugt, dass er die Nationalmannschaft in eine bessere Zukunft führen kann.“

Doch unter welchen Bedingungen? Matthias Sammer, bei Borussia Dortmund Berater von Watzke, wünscht sich wieder einen Sportdirektor beim DFB. „Ich habe genug Fehler gemacht in meinem Leben. Aber den Fehler, diese Position abzuschaffen, auf die Idee musst du erst mal kommen“, schimpfte Sammer.

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Foto: dpa/Federico Gambarini

Die Forderung nach einem Sportchef unter oder neben Flick läuft aber ins Leere - es gibt ihn längst: Joti Chatzialexiou, Bierhoffs Vertrauter und Sportlicher Leiter Nationalmannschaften. Der ehemalige DFB-Sportchef Robin Dutt forderte deshalb, dass sich der Verband „als gesamter Apparat bewegen“ müsse.

Sportlich bleibt für Veränderungen nicht viel Zeit, große Experimente kann sich Flick nicht erlauben. Bei den ersten Länderspielen im März werden es nur noch 15 Monate bis zur EM sein.

Die Gegner müssen sorgsam ausgewählt werden, auch für das 1000. Spiel der Verbandshistorie im Juni. Eigentlich hätte das große Jubiläum beim WM-Halbfinale gefeiert werden sollen. Warum das nicht geklappt hat, muss Flick seinen Vorgesetzten erklären.

(SID/stja)
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