„Frankreichs Schlüsselspieler“ Antoine Griezmann erfindet sich neu

Doha · Die Karriere von Antoine Griezmann schien in einer Sackgasse zu enden. Jetzt gibt es eine erstaunliche Renaissance in einer neuen Rolle.

 Antoine Griezmann (l) im Zweikampf mit Englands Declan Rice.

Antoine Griezmann (l) im Zweikampf mit Englands Declan Rice.

Foto: AP/Francisco Seco

Antoine Griezmann traute seinen Ohren nicht. „Weißt du, dass du ein sehr guter defensiver Mittelfeldspieler wärst?“, soll Didier Deschamps im Oktober 2019 zu seinem Stürmer gesagt haben. Der Torschützenkönig der EM 2016 und WM-Topscorer der 2018 eine Arbeitsbiene? Sollte das ein Witz sein? Griezmann, so ist es in jener Anekdote vom Abendessen nach einem Arbeitssieg gegen Island überliefert, soll den Satz des Nationaltrainers mit einem müden Lächeln quittiert haben.

Doch Deschamps meinte es ernst, das hat inzwischen nicht nur Griezmann verstanden. Der 31-Jährige erlebt auf der größtmöglichen Bühne bei der WM eine nicht mehr für möglich gehaltene Renaissance: als Laufwunder, Raumverdichter und Pressingmaschine.

„Er interpretiert seine Rolle sehr intelligent und schafft ein Gleichgewicht“, lobte Deschamps seinen Musterschüler. Kylian Mbappe hin, Olivier Giroud her - für den einstigen Stürmerstar Diego Forlan ist Griezmann „Frankreichs Schlüsselspieler“, weil er Mittelfeld und Angriff „perfekt verbindet“.

Als Deschamps auf dem Weg nach Katar seine Sechser N'Golo Kante und Paul Pogba sowie später noch Stürmer Karim Benzema abhandenkamen, schien der Traum von der ersten erfolgreichen Titelverteidigung eines Weltmeisters seit 1962 ausgeträumt. Dass Frankreich am Mittwoch (20.00 Uhr MEZ/ZDF und MagentaTV) gegen Marokko dennoch wieder im Halbfinale steht, hat viel mit Griezmann zu tun.

Im neuen System der Franzosen, das Deschamps von 3-4-1-2 auf 4-2-3-1 umstellte, gibt er einen hybriden Achter oder Zehner. Er presst hoch und arbeitet nimmermüde gegen den Ball - ein echter Teamplayer.

Dabei schien seine Karriere beim FC Barcelona in der Sackgasse zu enden. Er flüchtete zurück zu Atletico Madrid, wo seine Spielzeit per Leihvertrag beschränkt wurde. „Ich musste mich selbst klein machen“, sagte er. Für Deschamps blieb er groß.

Griezmann stand in jedem (!) der jüngsten 72 Länderspiele Frankreichs auf dem Platz, seine neue Rolle hat er klaglos akzeptiert. „Wir brauchen Balance“, sagte er, „ohne eine gute Defensive gewinnst du kein großes Turnier.“

Und so glänzt Griezmann mit den meisten gewonnenen Zweikämpfen und Balleroberungen (gegen Dänemark), mit der höchsten Laufdistanz (gegen Polen) oder den meisten Tackles (gegen England). „Ich verlange jetzt andere Dinge von ihm“, sagte Deschamps, „aber es ist nicht so, dass wir ihn geopfert hätten.“

Griezmann hat drei Tore aufgelegt und damit mehr als jeder andere im Halbfinale vertretene Spieler. Mit seinen beiden Assists gegen England überflügelte er die bisherigen französischen Rekordhalter Zinedine Zidane und Thierry Henry.

Er schlug die meisten Flanken (34) und hatte die meisten erfolgreichen Durchbrüche (63) aller Franzosen in Katar. Selbst getroffen hat er noch nicht. „Um das Tor mache ich mir keinen Kopf“, sagte er selbstlos: „Die Mannschaft braucht mich im Herzen des Spiels.“

(SID/stja)
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