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WM 2022 in Katar - Amnesty International fordert vom DFB Einsatz für Menschenrechte

Gastbeitrag zur WM in Katar : Flutlicht an für die Menschenrechte!

Die Nationalteams starten in die Qualifikation zur WM in Katar. Derweil fordern immer mehr Organisationen einen Boykott des Turniers. Doch für die Gastarbeiter wäre der fatal, sagt der Generalsekretär von Amnesty International Deutschland.

Sechstausendfünfhundert Tote. So viele Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten haben laut „The Guardian“ ihr Leben gelassen, seit Katar den Zuschlag zur WM erhalten hat. Menschen aus Nepal, Indien und Bangladesch sind gestorben, weil sie Arbeit gesucht und damit auf ein besseres Leben für ihre Familien daheim gehofft haben. Ihr Schicksal entsetzt und macht wütend. So wütend, dass die Organisation „ProFans“ fordert, die WM zu boykottieren. Spätestens jetzt wird klar: Der deutsche Fußball ist gefordert den Druck auf Fifa und Katar zu erhöhen, wenn er es ernst meint mit seinem Engagement für Menschenrechte.

Wenn die Flutlichter in Duisburg für das erste WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft angehen, rückt sie plötzlich ganz nah: Die WM in Katar, die im November 2022 startet. Ein erhabenes Ereignis auch deshalb, weil sportlicher Wettkampf oft vorgibt mehr zu wollen als Trophäen heimzubringen: Der Sport tritt an für Völkerverständigung, Fair Play und Respekt. Er setzt auf positive Veränderung durch Begegnung. Aber die Fifa hat für Katar lange beide Augen zugedrückt: Auf die massive Ausbeutung und Entrechtung von 2,3 Millionen Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten, davon 20.000 auf WM-Baustellen, weisen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International seit langem hin.

Die Arbeit von Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtlern hatte erste Erfolge: Katar hat den Mindestlohn eingeführt, einen Fonds zur Erstattung von nicht ausbezahlten Löhnen, eine Schlichtungsstelle. Das Land hat zwei wichtige internationale Menschenrechtsabkommen ratifiziert. Doch vieles blieb gleich. Die Kafala, ein Bürgschaftssystem, das die Abhängigkeit von Arbeitgebern festschreibt und Menschen ihren Arbeitgebern ausliefert, ist nicht vollständig abgeschafft worden. Die Auszahlung des Mindestlohns von umgerechnet 233 Euro im Monat erfolgt oft weiterhin unregelmäßig, verspätet oder gar nicht; Reisepässe werden weiter von Arbeitgebern einbehalten, in Gewerkschaften dürfen sich Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten nicht engagieren.

Schlimmer noch: Nach hoffnungsfrohen Anfängen rudert Katar jetzt zurück. Im Februar empfahl der Schura-Rat, einige neu eingeführte Rechte wieder zurückzunehmen, wie das Recht, während eines Vertrags den Arbeitsplatz zu wechseln und ohne Genehmigung des Arbeitgebers das Land verlassen zu können.

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Die anhaltend schlechte Lage bleibt gefährlich für die Menschen und ist Hohn in den Ohren derer, die an das Große und Gute von Sport glauben. Die Forderungen nach Boykott sind daher nur allzu verständlich. Aber wie verhindern wir, dass die bisher errungenen Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Tausenden Arbeiterinnen und Arbeiter nicht zurückgeworfen werden? Wie verhindern wir, dass Boykott-Forderungen nicht Wasser auf die Mühlen derjenigen ist, die weitergehende Reformen in Katar verhindern wollen?

Der DFB hat in den vergangenen Jahren auf internationaler Ebene die Menschenrechtslage in Katar thematisiert – anders als „Kaiser“ Franz Beckenbauer, der nach einem Besuch sagte, er habe „nicht einen einzigen Sklaven in Katar g‘sehn”. Der DFB hat zusammen mit DGB und Internationalem Gewerkschaftsbund in der Vergangenheit Erwartungen an die Fifa formuliert, man hat sich vor Ort, wie auch in Gesprächen mit Menschenrechtsorganisationen informiert. Der DFB hat seit 2019 ein Bekenntnis zu Menschenrechten in der Satzung und hat sich zu einer EM 2024 in Deutschland bekannt, die „auf Grundlage der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte organisiert und veranstaltet“ werden soll.

Jetzt muss der deutsche Fußball für die Menschenrechte aufspielen. Die WM darf Katar nicht zum weit verbreiteten „Sportswashing“, dem gezielten Nutzen von Wettkämpfen zur Reinwaschung des Images, dienen. Jüngstes Beispiel war die Dakar-Rallye in Saudi-Arabien im Januar – die Strecke führte nur wenige hundert Meter an dem Gefängnis südlich von Riad vorbei, in dem Loujain al-Hathloul einsaß, die sich für ein Ende des Frauenfahrverbots eingesetzt hatte.

Der deutsche Fußball muss jetzt zusammen mit anderen Landesverbänden seinen Einfluss auf die Fifa und Katar nutzen, um auf die Einhaltung der Menschenrechte zu pochen. Die Fifa trägt als Ausrichterin der WM die Verantwortung dafür, dass die Menschenrechte bei der Vorbereitung und Durchführung des Turniers eingehalten werden. Dazu gehört die Verpflichtung, die ausrichtenden Länder im Fall von Verstößen zur Rechenschaft zu ziehen und sie zu einer umfassenden Reform ihres Arbeitssystems zu bewegen. Hier gilt es, die Fifa in die Pflicht zu nehmen. Nicht nur DFB, auch Vereine sind in der Verantwortung. Der FC Bayern München hat vielfältige Kontakte nach Katar. Wie auch die zahlreichen Sponsoren.

Mehr als auf einen Boykott hoffen die Menschen, die in Katar unter den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen leiden, auf internationale Solidarität, die das Sportereignis in die Pflicht nimmt. Ihre Hoffnung liegt weniger auf einer Absage der Spiele, die die bereits erreichten Erfolge für ihr Leben und ihre Arbeit in Luft auflöst, sondern auf einer internationalen Aufmerksamkeit, die wirkungsvoll und laut auf weitere Verbesserungen drängt.

Die Verantwortlichen müssen dafür sorgen, dass Fair Play, Respekt und Integrität auch für diejenigen gilt, die das ganze Spektakel erst ermöglichen. Dann könnten die Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten zu den wahren Siegern der WM 2022 werden.