Stars, Regeln, Überraschungen Fünf sportliche Thesen zur WM in Katar

Meinung | Düsseldorf · Mehr als eine Woche ist bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar gespielt. Neben vielen Themen außerhalb des Spielfelds gab es auch die ein oder andere sportliche Geschichte, die im positiven Sinne für Schlagzeilen sorgte.

Messi, Mbappe und Co:: Das sind die Stars der WM 2022
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Das sind die Stars der Weltmeisterschaft 2022

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Foto: dpa/Li Ga

Kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft wählte Gianni Infantino wieder mal den Superlativ. Die „beste WM aller Zeiten“ versprach der umstrittene Fifa-Präsident großspurig. Dass in den ersten Tagen des Turniers mehr außersportliche Themen auf der Agenda standen – Stichwort „One Love“-Binde – dürfte dem Funktionär indes überhaupt nicht geschmeckt haben. Nichtsdestotrotz gab es bislang auch einige sportliche Höhepunkte zu bestaunen.

1. Cody Gakpo kann zum Star des Turniers werden

Die niederländische Fußballschule hat in der Vergangenheit schon so manchen großen Stürmer hervorgebracht. Unvergessen sind Namen wie Marco van Basten, Dennis Bergkamp, Ruud van Nistelrooy oder Robin van Persie. Einer, der sich in naher Zukunft in diese illustre Reihe einreihen könnte, heißt Cody Gakpo. Wobei der 23-Jährige vom niederländischen Spitzenklub PSV Eindhoven kein klassischer Mittelstürmer im eigentlichen Sinne ist, sondern eher ein Flügelstürmer, vorzugsweise Linksaußen. Diesen gibt es aber nicht im favorisierten 5-3-2- bzw. 3-5-2-System von Bondscoach Louis van Gaal. Aber kein Problem, Gakpo funktioniert auch als Teil einer Doppelspitze – und wie! Zusammen mit Frankreichs Kylian Mbappé und Ecuadors Enner Valencia führt er mit jeweils drei Toren die WM-Torschützenliste an. Treffsicher präsentiert sich Gakpo auch auf Klubebene, wo für ihn in 14 Einsätzen bislang neun Tore und 12 Vorlagen notiert sind. Kein Wunder, dass bereits einige europäischen Spitzenklubs wie Manchester United ihre Fühler nach ihm ausgestreckt haben. Nach der WM könnten es noch mehr werden.

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Foto: AFP/ANDREJ ISAKOVIC

2. Die Superstars liefern ab

Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Robert Lewandowski. Dieses Trio eint nicht nur ein prall gefüllter Trophäenschrank und jede Menge Tore, sondern auch ein weit fortgeschrittenes Fußballeralter jenseits der 30 Jahre. Dass sie dennoch nach wie vor den Unterschied ausmachen können, bewiesen sie in dieser Gruppenphase eindrucksvoll. Vor allem an Messi knüpfen die argentinischen Fans große Hoffnungen, dass der 35-Jährige sie nach 1978 und 1986 zum dritten WM-Titel führt. Gegen Saudi-Arabien (1:2) und Mexiko (2:0) lieferte er jeweils einen Treffer bei. Doch um wirklich erfolgreich zu sein, muss sich die gesamte Albiceleste steigern. Ein Messi allein kann es nicht richten.

Wie ein Kollektiv einen Star tragen kann, bewiesen indes die Portugiesen. Spötter würden behaupten, der Europameister von 2016 hätte trotz „CR7“, der sich vor der WM mit großem Getöse mit seinem Ex-Klub Manchester United überworfen hat, gewonnen. Doch die Mannschaft von Trainer Fernando Santos stellt sich allen Unkenrufen zum Trotz hinter ihren Weltstar und arbeitet für ihn mit, weil sie wissen, dass der 37-Jährige immer noch für besondere Momente gut ist. So wie bei seinem Führungstor beim 3:2-Sieg gegen Ghana per Elfmeter.

Einen solchen hat Robert Lewandowski im ersten Gruppenspiel gegen Mexiko (0:0) noch verschossen. Der Torfluch für den Ex-Bayern-Torjäger bei Weltmeisterschaften schien weiterzugehen. Doch der 34-jährige Vollprofi strafte seine Kritiker Lügen, als im folgenden Spiel gegen Saudi-Arabien (2:0) im fünften Anlauf endlich der Knoten platzte. Auch dank ihm darf Polen von der ersten Achtelfinalteilnahme seit 1986 träumen.

3. Die lange Nachspielzeit wird sich nicht durchsetzen

Um die unsägliche Zeitschinderei und andere Zwischenfälle während der regulären Spielzeit konsequenter zu ahnden, entschied sich die Fifa vor der WM in Sachen Nachspielzeit für einen neuen Ansatz. „Wir werden die Nachspielzeit sehr sorgfältig kalkulieren und versuchen, die Zeit auszugleichen, die durch Zwischenfälle verloren geht“, kündigte Fifa-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina an – und hielt Wort. Rekordverdächtig war in jedem Fall die Begegnung in der Gruppe B zwischen England und Iran (6:2), in der – auch bedingt durch lange Verletzungspausen – insgesamt 24 Minuten nachgespielt wurde. Ob sich diese Maßnahme letztlich durchsetzen und auf Dauer für mehr Tore und Spannung sorgen wird, bleibt abzuwarten. Im bisherigen Turnierverlauf fielen nicht einmal ein Achtel der insgesamt 97 erzielten Tore während der Extra-Zeit. Dem gegenüber stehen fünf torlose Remis, vier davon am ersten Spieltag der Gruppenphase (Stand: 30. November).

4. Saudi-Arabien, Marokko und Iran nutzen ihren „Heimvorteil“

Hätte man vor dem Turnierstart auf die potenziellen Überraschungsteams tippen sollen, wären wohl eher Mannschaften wie Kanada oder Ghana auf dem Tippschein gelandet. Allerdings beweisen auch vermeintliche „Underdogs“ wie Saudi-Arabien, Marokko oder Iran, dass sie in puncto Technik und Taktik den Abstand zur Weltspitze verkürzt haben. Überraschende Ergebnisse, wie das 2:1 Saudi-Arabiens gegen Argentinien oder das 2:0 von Marokko gegen Belgien, kamen neben den fußballerischen Qualitäten aber auch deswegen zu Stande, weil diese Teams von einer Vielzahl begeisternder Fans im Stadion unterstützt wurden. Gerade die Anhänger aus dem Iran und Saudi-Arabien profitieren von der vergleichsweise kurzen Anreise nach Katar. An ihnen lag es jedenfalls nicht, dass inzwischen nur noch Marokko Chancen aufs Weiterkommen hat.

5. Die junge Generation kann entscheidend für den Titelgewinn werden

Sie haben noch nicht mal das 20. Lebensjahr vollendet, sind aber jetzt schon Schlüsselspieler ihrer Nationalteams. Egal ob Jude Bellingham (England), Jamal Musiala (Deutschland) oder Pedri und Gavi (beide Spanien), die jungen Wilden geben mit ihrer fußballerischen Klasse den Ton an. Vor allem Gavi vom FC Barcelona beeindruckt bislang mit drei Torbeteiligungen in zwei Gruppenspielen und hat sich im internen Teamranking an erfahreneren Kräften wie Marcos Llorente und Koke (beide Atletico Madrid) vorbeigeschoben. Gleiches gilt für BVB-Akteur Bellingham und Bayern-Profi Musiala, für die große Namen wie Jordan Henderson (FC Liverpool) oder Mario Götze (Eintracht Frankfurt) auf der Bank sitzen. Ihr gemeinsamer Trumpf ist dabei ihre Unbekümmertheit, die bei einem Erreichen der Vorschlussrunde ein noch größerer Faktor werden kann. Schließlich zeigt sich in diesen Entscheidungsspielen, in denen von Runde zu Runde der Druck steigt, wer das Zeug zum Weltklassespieler hat. Behält das Quartett einen kühlen Kopf, ist es nicht unwahrscheinlich, dass einer von ihnen am 18. Dezember den WM-Pokal in den Nachthimmel von Katar recken wird.

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