„Jeder weitere Tag hat mich zerfressen“ Erster offen schwuler Katarer spricht über Lage im WM-Land

Die Fußball-WM in Katar ist gestartet. Auch nach dem Turnierbeginn wird die Kritik am Emirat nicht leiser. Der erste offen schwule Mann aus Katar hat sich nun in einem Interview zur Lage von queeren Menschen im WM-Gastgeberland geäußert. Darum lehnt er einen WM-Boykott jetzt ab.

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Foto: dpa/Alexander Hassenstein

Als erster offen homosexueller Katarer hat sich der 35-jährige Nas Mohamed im Mai 2022 öffentlich geoutet. Er zog bereits 2011 in die USA und erhielt 2017 Asyl in San Francisco. Außerdem gründete er die erste gemeinnützige LGBTQ+-Organisation in der Golfregion.

Im Zuge der WM und der Debatten rund um Kostenpflichtiger Inhalt „One Love“-Armbinden, Regenbogen-Hüte und den Umgang Katars mit der queeren Community hat sich der Katerer nun gegenüber dem ZDF zur Lage in seinem Land geäußert. Er kritisiert unter anderem die Aussagen von Khalid Salman, einem ehemaligen Profi-Fußballer und WM-Botschafter von Katar, der Homosexualität als „geistigen Schaden“ bezeichnete. „Die Aussage ist schrecklich“, erklärte Mohamed im Interview. Er kritisierte aber auch die Reaktion der Menschen, die die Aussagen Salmans zwar anprangerten, sich aber selbst etwa nicht für den aktuellen Bericht von Human Rights Watch zu der Thematik interessierten.

Mohamed, der sich als erster Mensch seines Landes als schwul outete, musste seine Sexualität lange geheim halten. „Ich fühlte, dass ich aus der Realität entglitt, jeder weitere Tag hat mich zerfressen. Ich hatte Angst“, erzählt er dem ZDF. Mit 19 verließ er schließlich Katar und lernte die Freiheit in den USA schätzen. Seit mittlerweile elf Jahren hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie.

Mohamed glaubt, die WM 2022 könnte in seinem Heimatland etwas bewegen: „Menschen sind diejenigen, die kämpfen, nicht die Regierung oder die Veranstalter. Ich sehe die WM eher als Startschuss, uns unsere Menschenrechte wieder zu holen.“ Einen Boykott des Turniers hält er zum jetzigen Zeitpunkt daher für den falschen Weg. „Ich wünschte, diese Debatte wäre vor zwei oder vier Jahren entstanden - so dass die FIFA wirklich Druck bekommen hätte“, sagt er weiter. „Aber jetzt macht ein WM-Boykott keinen Sinn, da Katar dadurch keinen Schaden davon tragen wird.“ Trotzdem ist Mohamed der Meinung, dass „die FIFA, das Team und die Spieler bereits vor dem Event mehr Statements abgeben“ hätten sollen. Dabei verweist auf das australische Team als positives Beispiel. Die „Socceroos“, wie die australische Nationalmannschaft genannt wird, forderten in einer Videobotschaft gleichgeschlechtliche Ehe in Katar zu legalisieren. Mohameds Appell für alle auch nach dem Turnier: „Wenn die Nationen das Land wieder verlassen, liegt es an uns, die Aufmerksamkeit weiter aufrecht zu erhalten.“

(joko)
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