Abseitstechnik, Nachspielzeit, Taktik Die WM-Lehren für die Bundesliga

Doha · Besonders in Deutschland wurde viel über diese WM in Katar gemeckert – in vielen Punkten mit validen Argumenten. Einige Aspekte des Turniers könnten aber auch für die Bundesliga relevant sein.

Die Großbildleinwand zeigt die vierzehnminütige Nachspielzeit am Ende der ersten Halbzeit.

Die Großbildleinwand zeigt die vierzehnminütige Nachspielzeit am Ende der ersten Halbzeit.

Foto: dpa/Martin Rickett

Ein kleines bisschen Bundesliga steckte auch im Final-Wochenende der Fußball-WM. Ein Dutzend in Deutschland angestellter Profis stand in den Kaderlisten von Kroatien, Marokko, Frankreich und Argentinien. Davon abgesehen hielt sich der Einfluss des deutschen Fußballs auf die Katar-Endrunde schwer in Grenzen - insbesondere wegen des sehr frühen Ausscheidens der Nationalmannschaft in der Vorrunde. Und andersherum? Welche Lehren kann die Bundesliga, die am 20. Januar wieder in den Spielbetrieb einsteigt, sportlich ziehen?

Halbautomatische Abseitstechnologie: Trotz des Videobeweises gibt es sie in der Bundesliga noch immer: Teils hitzige Diskussionen um knappe Abseitsentscheidungen. Bei der WM in Katar blieben diese Debatten wegen der halbautomatischen Abseitslinie aus. Dank dieser neuen Technologie konnten Video-Referees und Offizielle auf dem Platz schneller und genauer entscheiden. Je zwölf Kameras unter den Stadiondächern sowie ein Sensor im Ball lieferten umgehend Daten an den Video-Überprüfungsraum, von dort informierte der Video-Schiedsrichter den Unparteiischen auf dem Feld. Kurz darauf wurden die Zuschauer im Stadion per Grafik auf den Bildschirmen informiert.

Nachspielzeit: „Wir hatten 10 Minuten und 11 Sekunden im Durchschnitt als Nachspielzeit“, berichtete Fifa-Boss Gianni Infantino auf seiner Abschluss-Pressekonferenz. Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina hatte schon kurz nach Turnierbeginn angekündigt, großzügig nachspielen zu lassen. Alles, was durch Torjubel, Auswechslungen, Verletzungen oder Platzverweise verzögert wurde, wurde am Ende oben draufgepackt. Wodurch im Endeffekt viel weniger effektive Spielzeit verloren ging. Eine Lehre daraus: Auch Zeitspiel lohnt sich nicht mehr so wirklich.

Auswechslung bei Gehirnerschütterung: Beim Spiel gegen England wechselte der Iran sechsmal. Dies war möglich, weil bei der Endrunde eine weitere neue Regel zum Einsatz kam: die sogenannte Concussion Substitution. Selbst wenn ein Team sein Wechselkontingent schon ausgeschöpft hatte, konnte beim Verdacht auf eine Gehirnerschütterung nochmal getauscht werden. In diesem Fall betraf es den iranischen Torhüter, der mit einem seiner Mitspieler zusammengeprallt war. Die Gefahr von Gehirnerschütterungen und insbesondere der Langzeitfolgen wird im Profifußball immer wieder diskutiert, der Nachholbedarf scheint groß. Der Versuchszeitraum durch die internationalen Regelhüter für diese weitere Auswechslung wurde zuletzt bis August 2023 ausgeweitet – dann könnte sie dauerhaft im Regelwerk verankert werden.

Kein Bier: Dass im unmittelbaren Stadionumfeld kein Bier verkauft wird, lässt sich für die Bundesliga sicher nicht umsetzen. Es hat die Stimmung in Katars Stadien aber gefühlt kaum beeinflusst. Bei Duellen europäischer Teams war sie grundsätzlich eher mau, was aber vor allem daran lag, dass nicht viele europäische Fans im Land waren. Andere Mannschaften wie Argentinien, Brasilien, Marokko und Saudi-Arabien konnten dagegen permanent auf die lautstarke Unterstützung ihrer Anhänger setzen – auch ohne Alkohol. Gleiches galt für Partien mit arabischer Beteiligung. Zudem sind keine Berichte über Ausschreitungen bekannt, die Regelung der Fanströme vor und nach den Partien gelang problemlos.

Taktik-Trends: Zauberfußball bekamen die Zuschauer in den Stadien oder vor den Fernsehern größtenteils nicht zu sehen. Die Erfolgsformel bei diesem Turnier lautete stattdessen eher mannschaftliche Geschlossenheit. Im Nachhinein kann man sagen, dass den Franzosen die Verletzungen großer Egos wie Karim Benzema oder Paul Pogba nicht besonders geschadet haben. Im Gegenteil: letztlich waren alle anderen Spieler bereit, für den einen verbliebenen Superstar Kylian Mbappé mitzuarbeiten. Ähnliches galt für die Argentinier mit Lionel Messi.

(lonn/dpa)
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