WM 2018: Videobeweis als Anschauungsunterricht für die Bundesliga

Positives Fazit: WM-Videobeweis als Anschauungsmaterial für Bundesliga

Trotz aller Befürchtungen hat der Videobeweis bei der WM bis zum Finale besser funktioniert als erwartet. Nun muss die Bundesliga beweisen, dass sie die richtigen Lehren aus dem Turnier zieht. Einen Unterschied sehen Experten allerdings.

Der deutsche Fußball nimmt Video-Anschauungsunterricht bei der Weltmeisterschaft. Nach der heiß diskutierten, aber geglückten WM-Premiere des Videobeweises wollen die Bundesliga-Schiedsrichter im Trainingslager kommende Woche in Grassau am Chiemsee auch die Lehren des Turniers in Russland analysieren. Die Deutsche Fußball Liga hat weiterhin die Absicht, nächste Saison die virtuelle Abseitslinie einzuführen und den Zuschauern in den Stadien die Video-Entscheidungen wie bei der WM besser zu erklären.

Vor allem diese Einblendungen sorgten aus Sicht von Experten dafür, dass die Neuerung in Russland mehr Akzeptanz als noch im holprigen Bundesliga-Testlauf fand. „Die Transparenz hat beim Videobeweis die letzten Jahre gefehlt. Der Zuschauer im Stadion war allein gelassen“, sagte der deutsche WM-Rekordschiedsrichter Markus Merk zuletzt der Deutschen Presse-Agentur. Es sei „beispielgebend“, was bei der WM geschehen sei. „Der Zuschauer wird eingebunden in den Entscheidungsprozess, das war in der Bundesliga bislang nicht der Fall.“

Bei der WM zeigte sich aber auch, dass es beim Videosystem weiter Verbesserungspotenzial gibt. Selbst wenn die Schiedsrichterchefs um den Italiener Pierluigi Collina in der Gruppenphase 99,3 Prozent richtige Entscheidungen der Referees erkannt haben wollten, fiel eine unterschiedliche Linie in den Bewertungen auf. Auch kam der Videobeweis in der K.o.-Runde kaum noch sichtbar zum Einsatz.

Viele Fans und Experten forderten beispielsweise beim Einsteigen von Belgiens Vincent Kompany gegen den Brasilianer Gabriel Jesus im Viertelfinale vergeblich eine Überprüfung. „Da soll er sich die halbe Minute Zeit nehmen“, kritisierte Ex-Referee Urs Meier im ZDF. „Das war eine falsche Entscheidung.“

Den deutschen Schiedsrichter Felix Brych kostete beim einzigen Auftritt wohl sein nicht gegebener Elfmeter für Serbien in der Vorrunde gegen die Schweiz die Chance auf weitere Einsätze. Die Video-Assistenten um Felix Zwayer und Bastian Dankert griffen nicht ein.

Dennoch zog der Weltverband ein zufriedenes Gesamt-Fazit. „Der Videobeweis macht den Fußball ehrlicher und transparenter“, sagte Fifa-Präsident Gianni Infantino am Freitag. „Es funktioniert sehr gut.“ Diskussionen um Abseitsstellungen bei Toren gebe es nicht mehr. „Es gibt kein Tor mehr, das aus dem Abseits erzielt wurde“, sagte der Weltverbandschef.

So sorgte der Videobeweis aus Sicht der Fifa-Analysten für mehr Treffer. „Es gibt kein Halten mehr bei Ecken“, sagte brasilianische Weltmeistertrainer Carlos Alberto Parreira, Chef der Technischen Studiengruppe der Fifa. Die Spieler wüssten, dass auch dies beobachtet würde. So führte laut Fifa bei der WM rund jede 30. Ecke zu einem Treffer, in der Champions League sei dies nur bei jeder 45. der Fall gewesen. Zudem stieg die Zahl der Elfmeter auf einen WM-Rekordwert von 28.

Eins-zu-eins werden die Erkenntnisse von der WM aber nicht auf die Bundesliga übernommen werden können. „Es ist im internationalen Fußball etwas einfacher als in den Ligen, in denen es noch eine höhere Emotionalität gibt“, erklärte Merk einen der Unterschiede.

So wird der Videobeweis auch weiter für Diskussionen sorgen. Diese gibt es aber auch auf der Weltbühne immer noch: Als eins der historischen Beispiele, in denen eine Überprüfung geholfen hätte, führte Brasiliens Parreira den Foulelfmeter vor dem 1:0 der Niederlande gegen Deutschland im WM-Finale 1974 an. Uli Hoeneß habe Johan Cruyff vor der Strafraumgrenze zu Fall gebracht. Links von ihm schüttelte Ex-Oranje-Stürmerstar Marco van Basten nur mit dem Kopf: „Ich kann mich nicht daran erinnern.“

(togr/dpa)
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