WM 2018: Plädoyer für den Neustart

England und Frankreich im WM-Halbfinale: Plädoyer für den Neustart

Frankreich und England waren am sportlichen Tiefpunkt. Beide drückten den Reset-Knopf – und stehen nun im WM-Halbfinale. Warum es manchmal besser ist, einfach von vorn zu beginnen.

Acht Jahre ist es her, da lachte die ganze Sportwelt über Frankreich. Und wem nicht mehr zum Lachen zumute war, der schüttelte den Kopf. Grund war die Spielerrevolte von Knysna – so benannt nach dem Ort des Trainingslagers, das die französische Mannschaft während der WM in Südafrika bezogen hatte. Nach tagelangem Zermürbungskampf mit Intrigen wie in einer schlechten Fernsehserie trat am 20. Juni 2010 Nationaltrainer Raymond Domenech vor die Fernsehkameras und verlas eine von Mittelfeldspieler Jérémy Toulalan verfasste Erklärung. Deren Inhalt: Die Profis boykottierten aus Solidarität mit dem wegen heftiger Beleidigungen gegen den Chefcoach heimgeschickten Stürmer Nicolas Anelka die für diese Stunde angesetzte Trainingseinheit.

Ausgerechnet Domenech, gegen den sich die Erklärung richtete, trat auch noch als Verkünder auf, während Frankreichs Profis im Mannschaftsbus saßen oder Autogramme schrieben. Was für eine Farce! Es war der Tiefpunkt einer Entwicklung, die die stolze „Grande Nation“ nach WM-Titel 1998, Europas Krone 2000 und der Vizeweltmeisterschaft 2006 zu Boden gedrückt hatte. „Le Figaro“ schrieb vom „kollektiven Selbstmord“ des Teams. Und „Le Parisien“ bilanzierte: „Die Meuterei von Knysna wird auf ewig in Erinnerung bleiben als das Waterloo des französischen Fußballs.“

Kulissenwechsel. Sechs Jahre nach Knysna, EM-Endrunde in Frankreich. Wieder war es Zeit für große Schlagzeilen – nur betrafen sie diesmal nicht die „Equipe Tricolore“, sondern zielten auf die Kicker jenseits des Ärmelkanals. England hatte mal wieder einen Bock geschossen, und was für einen: Im Achtelfinale scheiterten die „Three Lions“ mit 1:2 an Fußballzwerg Island und krönten damit eine rekordverdächtige Serie von Krisen und Pleiten, die das Mutterland des Fußballs seit dem Titelgewinn 1966 ein halbes Jahrhundert lang wie ein Fluch verfolgte.

„Englands größte Erniedrigung“, titelte der „Telegraph“, und dieser Superlativ sagte gerade auf der leidgeprüften Insel einiges aus. Doch damit nicht genug: Nationaltrainer Roy Hodgson trat zurück, und Nachfolger Sam Allardyce musste schon nach nur einem Spiel wieder gehen, weil er verdeckt recherchierenden Reportern Tipps zur Umgehung von Transferregeln gegeben hatte.

Zwei große Fußballnationen lagen am Boden, und beide wählten das gleiche Rezept: Sie drückten den Reset-Knopf, wagten den Neustart. Sie wechselten den Trainer, doch sie beließen es nicht dabei: Frankreich wie England änderten Grundsätzliches. Bei der „Equipe Tricolore“ hieß das, Disziplin zum obersten Gebot zu machen, im Zweifel sogar den deutlich talentierteren Spieler zu Hause zu lassen, wenn dessen mangelnde soziale Kompetenz den Teamgeist zu gefährden drohte.

So tolerierten der Verband und der 2012 inthronisierte neue Chefcoach Didier Deschamps die gefürchteten egozentrischen Auswüchse der Stars nicht mehr, griffen auch nach einer hochnotpeinlichen Affäre um ein Sexvideo hart durch. So endete unter anderem die Länderspielkarriere von Real Madrids Weltklassestürmers Karim Benzema.

Die Engländer verhielten sich ähnlich. Sie beförderten nach dem Desaster von 2016 den U21-Nationaltrainer Gareth Southgate zum Chef, und der schnitt mit Zustimmung der Verbandsführung alle alten Zöpfe ab. Stars wie Wayne Rooney oder Joe Hart machten Platz für die Säulen von Southgates Nachwuchsteam – Jordan Pickford, Dele Alli, Jesse Lingard und natürlich Harry Kane. Die meisten im WM-Kader von 2018 sind 24 Jahre und jünger. Ein radikaler Umbruch, personell sogar noch größer als der in Frankreich, das dafür seine über Jahrzehnte entwickelten Normen und Werte über Bord warf.

Das Resultat dieser mutigen Veränderungen kann jeder am WM-Tableau ablesen. Die Franzosen spielen am Dienstag ihr Halbfinale gegen Belgien, die Engländer tags darauf ihres gegen Kroatien. Keine wundersame Wiederauferstehung, sondern die Folge eines Neustarts, wie ihn auch der deutsche Fußball schon einmal wagte. Im Jahr 2000 war das, nachdem die Truppe von Bundestrainer Erich Ribbeck, vom Volksmund „Rumpelfußballer“ genannt, die EM vergeigt hatte. In der Folge stellte der DFB seine Nachwuchsförderung komplett auf den Kopf und startete ein Comeback, das im WM-Titel von 2014 gipfelte.

Aber wann ist nun der geeignete Zeitpunkt für einen Neustart? Womöglich sogar direkt nach einem großen Titel? Man könnte es vermuten, mussten doch vier der jüngsten fünf Weltmeister im folgenden Turnier bereits nach der Vorrunde heimreisen: Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland. Aber will man wirklich einen Nationaltrainer feuern, der gerade Weltmeister geworden ist? Eine ganze Konzeption erneuern, die eine Fußballnation auf den Gipfel geführt hat?

Nein, wahrscheinlich bedarf es schon einer großen Krise, um den Reset-Knopf zu drücken. Es muss ja nicht gleich eine groteske Spielerrevolte abgewartet werden oder gar ein halbes Jahrhundert fußballerische Leidensgeschichte. Das Turnier in Russland jedoch lehrt, dass Aussitzen von Krisen, das Suchen von Sündenböcken und Kleben am eigenen Posten als Erfolgsrezept weniger taugen als mutige Entscheidungen. Teamgeist und Leidenschaft sind wertvoller als Talent und Routine. Die WM-Halbfinalisten Frankreich und England taugen als Beleg für diese These.

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