WM 2018: Kroatische Mannschaft wegen politischer Gesinnung in der Kritik

Kritik an kroatischer Mannschaft: Über Rechtsaußen ins Finale

Kroatien hat sich mit leidenschaftlichem Fußball für das Endspiel qualifiziert. Doch es gibt politisch bedenkliche Tendenzen im Team.

Yuri Cortez hat Mario Mandzukic in den Fokus genommen. Der mexikanische Fotograf macht Aufnahmen davon, wie der Kroate nach seinem Siegtreffer direkt vor ihm jubelt. Ein paar Augenblicke später ist Cortez mittendrin statt nur dabei. Mitspieler von Mandzukic reißen die Offensivkraft im kollektiven Freudentaumel zu Boden – und bringen dabei auch ihn zu Fall. Cortez, ein Hartgesottener seine Zunft, der außerhalb des WM-Turniers von den politischen Konflikten im Mittleren Osten und Lateinamerika berichtet, hat geistesgegenwärtig auf den Auslöser gedrückt und so ganz besondere Aufnahmen bekommen. Nach etwas Abkühlung haben sich die Spieler artig bei ihm entschuldigt. Und sie hätten ihn auch gerne bei ihrer letzten Station im Finale des Turniers dabeigehabt. Doch Cortez ist nur Stunden nach dem Halbfinalerfolg der Kroaten gegen England zurück nach Mexiko-Stadt gereist.

Es war eine Szene dieser Weltmeisterschaft und es überrascht nicht weiter, dass daran Kroatien beteiligt war. Mit dieser Willenskraft, mit dieser Leidenschaft, mit diesen spielerischen Fähigkeiten – eine Ansammlung von Hochbegabten auf ihren Positionen hat sich zu einer beeindruckenden Mannschaft unter der Führung von Trainer Zlatko Dalic entwickelt. Er hat eine besondere Ansammlung von Individualisten zusammengeführt: für die Defensivarbeit ein paar kernige Abräumer wie Dejan Lovren und Domagoj Vida, der von den russischen Fans permanent ausgebuht wird, weil er unlängst ein ukrainefreundliches Video gepostet hat. Oder das Mittelfeld mit Luka Modric und Ivan Rakitic. Und dann ein Angriff mit Mandzukic oder dem von europäischen Top-Klubs umworbenen Frankfurter Ante Rebic.

Kroatien hat bei dieser WM nur einmal wirklich brilliert. Beim 3:0 in der Vorrunde gegen allerdings auch äußerst fragile Argentinier, da haben sie sich richtig ausgetobt. Ansonsten waren die Auftritte recht pragmatisch. Gegen Russland waren sie mit einem Bein schon ausgeschieden und retteten sich glücklich im Elfmeterschießen. Das alles ist indes kein Makel, sondern zeichnet ein Team aus, das nach dem ganz Großen strebt: dem ersten WM-Titel der Geschichte des Landes.

Doch es gibt auch den anderen Blick auf die Mannschaft. Etliche Spieler sind in einen Korruptionsskandal größeren Ausmaßes verwickelt. Bei diversen Transfers (unter anderem von Modric) sollen von den Beteiligten Millionen unterschlagen worden sein. Und auch die politische Gesinnung einiger Profis im aktuellen Kader ist mindestens grenzwertig. In der Kabine wurde nach einem Sieg von Lovren das Lied „Bojna Cavoglave“ der für die Verherrlichung des kroatisch-faschistischen Ustascha-Regimes aus dem Zweiten Weltkrieg berüchtigten Band Thompson angestimmt. Es enthält die Textzeile „Za dom spremni“ – „Fürs Vaterland bereit“ – Wahlspruch und Gruß der Ustascha, eines 1929 gegründeten Geheimbundes, der sich zu einer faschistischen Bewegung entwickelte.

Ob die Brisanz solcher Gesten den Spielern immer bewusst ist, daran darf man zweifeln. Denn der auf dem Balkan allgemein mit viel Hingabe gelebte Nationalstolz hat in Kroatien schon seit Längerem einen deutlichen Drall ins Rechtsnationale. Für die meisten der 4,2 Millionen Kroaten sind nationalistische Symbole und Rhetorik daher überhaupt kein Problem. Und im Milieu des Fußballs schon gar nicht. Seit das unabhängige Kroatien 1991 aus den Trümmern Jugoslawiens entstand, wurde der Fußball politisch instrumentalisiert und zu einer Ikone des kroatischen Nationalismus stilisiert. Weil die Kicker der kleinen Nation auf dem Rasen erheblich erfolgreicher waren als alle anderen Institutionen des jungen Staates, konzentrierte sich die patriotische Verehrung auf sie.

Dieser moderne Heldenkult geht einher mit einer Verklärung der Vergangenheit, die umso verführerischer wirkt, da zugleich die Probleme ihres Landes die Menschen bedrücken. Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des jugoslawischen Bürgerkriegs und fünf Jahre nach dem EU-Beitritt Kroatiens kämpft das Land weiter mit einer schleppenden ökonomischen Entwicklung. Als größtes Problem sehen viele Kroaten jedoch die wuchernde Korruption und ungenierte Vetternwirtschaft, viele haben inzwischen jede Hoffnung auf Besserung verloren und verlassen ihre Heimat in Scharen. Die Abwanderung gerade jüngerer Kroaten hat längst ein kritisches Ausmaß erreicht. Auch die Politik hat den demografischen Niedergang als größtes Problem Kroatiens erkannt, scheitert aber bisher daran, bessere Zukunftsperspektiven zu vermitteln.

Problematisch ist auch Kroatiens schwieriges Verhältnis zu seinen wichtigsten Nachbarn: Mit den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken Serbien und Bosnien-Herzegowina liegt das Land weiterhin im Streit. Auch mit Slowenien, einem EU-Partner, hat sich die Regierung in Zagreb angelegt. Beide Länder streiten seit Jahren um einige Quadratkilometer Seegebiet in der Adria. Es kam dort schon zu Zusammenstößen der Küstenwachen. Zwar sprach der internationale Schiedsgerichtshof in Den Haag das Gebiet im vergangenen Jahr den Slowenen zu, doch Kroatien will das Urteil nicht anerkennen.

Kroatien ist ein kleines Land mit großen Problemen, und gerade deswegen bekommen die Erfolge der Fußballnationalmannschaft bei der WM in Russland für viele Kroaten eine so immense Bedeutung. Sie genießen in diesen Tagen so etwas wie eine Auszeit vom frustrierenden Alltag.

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