WM 2018: Jürgen Kohler hofft auf die Rückkehr des Mittelstürmers

Jürgen Kohler im Interview: „Hoffe, dass der Mittelstürmer zurückkehrt“

Der Weltmeister von 1990 spricht im Interview vor der WM über die aktuelle Stärke der deutschen Abwehr und die Verteidiger-Ausbildung.

Jürgen Kohler half 1990 als kompromissloser Verteidiger der Nationalmannschaft zum WM-Sieg in Italien. 1996 war er Kapitän des Europameisters, verletzte sich aber im ersten Spiel und verpasste den Rest des Turniers. Karsten Kellermann sprach am Rande eines WM-Talks in der Traube Tonbach in Baiersbronn mit Kohler (105 Länderspiele) über das Unternehmen Titelverteidigung und einen Mangel an echten Verteidigern in Deutschland.

Herr Kohler, wie schwer ist es, einen Weltmeister-Titel zu verteidigen?

Kohler Es ist schwer, weil viele Faktoren zusammenkommen müssen. Die Spieler müssen alle bei 100 Prozent Leistung sein, es darf keine Nebengeräusche geben, alle müssen total fokussiert sein – und man braucht das gewisse Spielglück. Wenn das alles passt, können wir den Titel verteidigen.

Nun gab es aber die Foto-Affäre mit Ilkay Gündogan und Mesut Özil. Stört das die WM-Vorbereitung?

Kohler Es gibt im Moment viele Themen um den Fußball herum, die ablenken. Aber die Spieler müssen das abhaken. Sie müssen sich darauf fokussieren, was die Mannschaft gut kann, nämlich Fußball zu spielen. In den letzten beiden Testspielen hat die Mannschaft das nicht gezeigt, das muss man klar sagen. Aber auch das muss sie aufarbeiten. Wenn wir gegen Mexiko gut in das Turnier starten, kann man aber schnell auf eine Erfolgswelle kommen.

Wie 1990, als es mit einem starken 4:1 gegen Jugoslawien losging.

Kohler Das Spiel hat uns durch das gesamte Turnier getragen, das ist richtig. Dazu kam das Quäntchen Glück. Ich bin mir aber sicher, dass die Mannschaft das Potenzial hat, den Titel zu verteidigen.

Es heißt, die Abwehr gewinnt Titel. Ist die deutsche Abwehr gut genug für den Titel?

Kohler Man muss kritisch sein und sagen, dass das Defensivverhalten der gesamten Mannschaft momentan noch nicht optimal ist. Aber ich bin mir sicher, dass Joachim Löw einen Plan hat, das zu beheben. Ich könnte mir vorstellen, dass er das Spiel einige Meter weiter nach hinten verlegt, um die Stabilität zu steigern. Dann sind die Abstände zwischen den Reihen nicht mehr so groß. Und wir haben mit Manuel Neuer einen Top-Torhüter, der auch fußballerisch sehr gut ist und einige Dinge klären kann.

Er hat aber kaum Spielpraxis, ist das nicht ein Problem?

Kohler Joachim Löw und sein Team haben ihn gesehen und entschieden, dass er bereit ist. Wenn es gut geht, werden wir uns alle in den Armen liegen, wenn nicht, werden alle den Finger heben. Das ist nun mal so im Fußball. Der Erfolg entscheidet, wie gut Entscheidungen sind.

Es gibt Stimmen, die sagen: Es wird irgendwann ein Problem mit dem deutschen Nachwuchs geben, weil Typen wie Jürgen Kohler fehlen. Stimmt das?

Kohler Wir waren auch zu meiner Zeit nicht immer sattelfest. Aber der Begriff Verteidigen sagt ja auch etwas aus. Es geht darum, das eigene Tor sauber zu halten. Das geht mir ein bisschen verloren, weil es auch bei den Defensivspielern vor allem um den schönen Pass nach vorn geht und nicht unbedingt um die Grundlagen des Jobs. Das Spiel hat sich sicherlich verändert, aber es sollte schon in der Ausbildung darauf geachtet werden, dass die Basics stimmen. Es nützt ja nichts, wenn ein Innenverteidiger zehn Tore schießt, aber 15 verschuldet.

Wird es also mittel- oder langfristig ein Problem geben?

Kohler Ich sehe in der Bundesliga viele Defizite im Zweikampfverhalten. Aber es gibt immer Zyklen, darum glaube ich, dass wir bald auch wieder Spieler haben werden, die das Hauptaugenmerk auf die Verteidigung legen. Wichtig ist, dass in den Akademien gute Trainer arbeiten – und nicht nur, um den Nachwuchsbereich als Sprungbrett zu nutzen. Schalkes Chef-Ausbilder Norbert Elgert ist für mich ein Paradebeispiel. Er identifiziert sich zu 100 Prozent mit dem Job als Ausbilder, davon profitiert Schalke. Ich glaube nicht, dass wir in Alarmstimmung sein müssen, aber wir müssen darauf achten, dass es nicht in die falsche Richtung geht.

Wie sieht es in der Offensive aus? Es gibt immer weniger echte Stürmer.

Kohler Ich hoffe, dass der klassische Mittelstürmer wieder zurückkehrt. Es geht nun mal um Tore und darum wäre es wichtig, auch ganz vorne wieder mehr Alternativen zu haben.

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