WM 2018: Die Politik holt sich die WM zurück

Finale ist auch eine Bühne: Die Politik holt sich die WM zurück

Vier Wochen lang standen bei der WM in Russland Fanfeste, Sport und fröhliche Atmosphäre im Vordergrund. Zum Finale betreten wieder Politiker die Bühne des Sports.

Emmanuel Macron war schon da. Und Kolinda Grabar-Kitarovic natürlich auch. Die kroatische Präsidentin trug sogar das Trikot ihrer Nationalmannschaft. Ihr französischer Amtsbruder erschien im Maßanzug. Beide werden am Sonntag zum Finale wiederkommen. Denn Fußball-Weltmeisterschaften sind eine schöne Bühne für Politiker – selbst wenn sich die besonders korrekten unter ihnen mit der WM in Russland vor ein paar Wochen noch sehr schwer getan haben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird vielleicht ganz froh sein, dass sie sich die fröhliche Personality-Show auf der Ehrentribüne nicht antun muss. Und sie muss sich nicht rechtfertigen für die Verbeugung vor Wladimir Putin und einem Regime, das mit den Menschenrechten einen sehr eigenen Umgang pflegt, das in der Ostukraine Krieg führt und die Krim völkerrechtswidrig annektiert hat. Sie hat zwar den Forderungen nach einem politischen Boykott der WM, wie sie vor dem Turnier Konjunktur hatten, nie das Wort geredet. Aber vorsichtige Distanz zur Veranstaltung nahm die deutsche Regierungschefin schon ein.

Andere haben da weniger Berührungsängste. Macron kennt sie nicht, Grabar-Kitavoric nicht, das belgische Königspaar Mathilde und Philippe nicht und der saudische Prinz Mohammed Bin Salman Al Saud schon gar nicht. Sie alle waren Gäste auf der Ehrentribüne und fanden nichts dabei. Bevor sie in der Heimat für zu viel Nähe kritisiert werden konnten, verwiesen sie vielleicht darauf, dass Putin im Stadion nicht zu sehen war.

Bislang überlässt der russische Präsident seinen Statthaltern die Bühne. Wenn die Fernsehkameras auf die Sitzplätze der Reichen, Wichtigen und Schönen schwenken, ist meist Ministerpräsident Dmitri Medwedew im Bild. Den Vordergrund sucht er nicht.

Den beherrscht Fifa-Präsident Gianni Infantino. Das entspricht ganz sicher seinem Selbstverständnis. Und Berührungsängste mit der großen russischen Politik sind ihm selbstverständlich fremd. „Russland wird die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten veranstalten“, sagte er noch vor dem ersten Spiel. Anschließend fiel er Putin auf einer Bühne um den Hals.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sich der Fifa-Präsident mit dem russischen Präsidenten am Sonntag vor dem Finale erneut in die Arme fallen darf. Denn es ist anzunehmen, dass Putin den Höhepunkt der Veranstaltung mit seiner Anwesenheit veredeln möchte. Schließlich geht es auch darum, den Ruhm abzuholen. Russland organisierte eine perfekte WM, die Fans sorgten für ein richtiges Fest. Und niemand bemerkte so recht, dass im Hintergrund eine halbe Million Sicherheitskräfte die befürchteten Begegnungen von Hooligans, allzu viel Fannähe zu den Fußballern oder Terror-Anschläge verhinderte. Den Lorbeer dafür wird sich Putin winden lassen.

Auch das ist ein Zeichen dafür, dass die Politik sich des Themas WM wieder bemächtigt. Sie holt sich die Veranstaltung auf der Zielgeraden wieder zurück. Vier Wochen hat der Sport tatsächlich im Vordergrund gestanden, die fröhliche Atmosphäre in den Städten und bei den Fanfesten, die zumindest vorübergehende Beseitigung von Vorurteilen bei den Besuchern über die Russen und bei den Russen über die Besucher. Man ist sich näher gekommen. Aber auch das wird Putin für sich reklamieren.

Ebenso sicher, wie Russlands Regierung sich die vielen positiven Effekte der WM gutschreiben lassen wird, werden die kritischen Stimmen aus dem Ausland in den letzten Tagen der Veranstaltung wieder lauter. Es scheint so, als kehre neben der sportlichen auch die politische Welt aus einem vier Wochen langen Ausnahmezustand in die Wirklichkeit zurück.

Menschenrechte werden, zum Glück, wieder ein Thema. Es wird ziemlich sicher sehr genau hingeschaut, ob das öffentliche Leben zum Beispiel in Moskau auch nur ähnlich frei wirkt, wenn die Fußballfans aus Mexiko, Frankreich, Kroatien und England wieder nach Hause geflogen sind. Und ganz bestimmt werden die vielen negativen Begleitumstände der Vor-WM-Zeit wieder ein Thema. Auch das ist ein Glück.

Bis heute sind nämlich die Umstände nicht ausreichend erforscht, unter denen die Fifa sich für die Vergabe der WM nach Russland entschied. Bis heute ist der Verdacht nicht ausgeräumt, dass beim Bau der Arena in St. Petersburg nordkoreanische Arbeiter wie Sklaven behandelt wurden. Es ist immer noch nicht ausgeschlossen, sondern sogar sehr wahrscheinlich, dass beim 900 Millionen Euro teuren Bau in St. Petersburg Geld in dunklen Kanälen verschwand. Und die Frage, wie viel Korruption eine Rolle spielte, als zehn Milliarden Euro in Stadionbau und Infrastruktur flossen, ist natürlich auch nicht beantwortet. Es ist zu befürchten, dass die Antwort ausbleibt.

Putins Russland hat kein Interesse daran. Er hat sein Ziel erreicht, sich der Welt mit einem fröhlichen Sportfest vorzustellen. Peinliche Nachfragen stören da nur.

Peinliche Fragen wird die Fifa auf keinen Fall stellen. Sie benötigt die Einnahmen aus der WM – rund zwei Milliarden Euro werden es sein. Deshalb darf man wohl davon ausgehen, dass Infantino am Wochenende erneut in Lobgesänge für den Ausrichter ausbrechen wird. Thomas Bach, der deutsche Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), hat das vor vier Jahren nach den Winterspielen von Sotschi vorgemacht. Bach hat sich fürs Finale übrigens ebenfalls angesagt.