WM 2018: Serbien im Porträt

WM-Starter Serbien im Porträt: Serbiens Fußball feiert bei WM Wiederauferstehung

Serbien kehrt bei der WM-Endrunde 2018 in Russland nach acht Jahren auf die große Fußball-Bühne zurück. Verkrustete, teils sogar mafiöse Strukturen bereiten dem Fußball in dem Balkan-Staat allerdings weiterhin große Probleme.

Für Serbiens Fußball kommt die Teilnahme an der WM-Endrunde 2018 in Russland einer Wiederauferstehung gleich. Nach dem Vorrunden-Aus beim WM-Turnier vor acht Jahren in Südafrika trotz eines beachtlichen 1:0-Sieges gegen Deutschland war der Balkan-Staat bei allen folgenden Großereignissen (EM 2012, WM 2014 und EM 2016) immer nur Zaungast.

Die Zuschauerrolle bei den Elitetreffen kam nicht von ungefähr. Denn die politischen Probleme im ehemaligen Jugoslawien seit der Auflösung des Vielvölkergebildes Mitte der 1990er Jahre haben Auswirkungen auch auf den Fußball und spiegeln die gesellschaftlichen Schwierigkeiten wider.

Bis heute ist der Fußball in Serbien denn auch immer auch ein Vehikel politischer Machtkämpfe - angeblich bis hinauf zu Staatspräsident Aleksandar Vucic. Aus dem Sozialismus bestehen gebliebene Strukturen mit häufig mafiösen Zügen in Verbands- und Vereinsspitzen sowie nicht selten rassistisch-nationalistischen Tendenzen in der Fan-Szene lähmen die Entwicklung. Der Sport ächzt unter rückläufigen Zuschauerzahlen, Ausschreitungen und immer wieder auch Manipulationen von Spielen.

Die massive Einflussnahme von außen trat sogar nach der erfolgreichen Qualifikation für Russland wieder zu Tage: Nach dem Gruppensieg in der europäischen Ausscheidungsgruppe D vor Irland, Wales, Österreich, Georgien und Moldau warf Erfolgstrainer Slavoljub Muslin entgegen der offiziellen Darstellung die Brocken aus Verärgerung über Vorgaben "von oben" für die Zusammenstellung seines WM-Kaders selbst hin.

Sein vorheriger Assistent Mladen Krstajic übernahm zunächst interimsweise und danach endgültig Muslins Nachfolge. Vom früheren Bundesliga-Profi von Werder Bremen und Schalke 04 wird erwartet, stärker als sein Vorgänger auf Spieler aus Serbiens U20-Weltmeister-Mannschaft von 2015 zu setzen.

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Hoffnungen auf einen Platz in Krstajics WM-Kader, der gegen Costa Rica (17. Juni), die Schweiz (22. Juni) und Rekordweltmeister Brasilien (27. Juni) das Achtelfinale erreichen sollen, machen sich auch mehrere Bundesliga-Legionäre. Die Mittelfeldspieler Filip Kostic (Hamburger SV) und Mijat Gacinovic (Eintracht Frankfurt) sowie die Verteidiger Milos Veljkovic (Bremen) und - trotz einer schweren Knieverletzung - Matija Nastasic (Schalke) gehören in jedem Fall zum Kreis der Russland-Kandidaten. Stars wie der neue Kapitän Aleksandar Kolarov (AS Rom), sein Vorgänger Branislav Ivanovic (Zenit St. Petersburg) und Nemanja Matic (Manchester United) gelten als gesetzt.

Bei der WM kann Serbien in der Tradition von Jugoslawien durchaus auf eine beachtliche Fußball-Vergangenheit zurückblicken. Schon bei der WM-Premiere 1930 in Uruguay kam das damalige Königreich auf Anhieb bis ins Halbfinale, ebenso 1962 in Chile. Beim EM-Turnieren stand Jugoslawien 1960 und 1968 im Finale, und bei Olympischen Spielen gewannen die Staatsamateure 1960 in Rom nach zuvor dreimal Silber in Folge sogar die Goldmedaille, ehe 1980 erneut der Einzug ins Halbfinale und vier Jahre später nochmals der Sprung ins Endspiel gelangen.

Auf Vereinsebene liegt der letzte große Erfolg eines serbischen Klubs schon über ein Vierteljahrhundert zurück. 1991 gewann Roter Stern Belgrad die letzte Austragung des Champions-League-Vorläufers Europapokal der Landesmeister. Mit modernem Fußball düpierte das mit Stars wie Darko Pancev oder Sinisa Mihajlovic gespickte Balkan-Team die Konkurrenz des gesamten Kontinents.

Die entsprechend aufgekommenen Träume vom Triumph für Jugoslawiens "goldene Generation" bei der EM ein Jahr später in Schweden platzten jedoch jäh: Wegen des inzwischen ausgebrochenen Bürgerkrieges wurde Jugoslawien vom Turnier ausgeschlossen. Dänemark rückte nach - und holte sensationell den Titel.

(sid)