WM 2018: Marokko im Porträt

WM-Starter Marokko im Porträt: Mit dem "weißen Zauberer" gegen "Tsunamis"

Nach 20 Jahren nimmt Marokko wieder an einer Fußball-WM teil. Trotz übermächtig anmutender Gruppengegner haben die "Löwen vom Atlas" große Ziele.

Europameister Portugal, dazu Ex-Weltmeister und Turnierfavorit Spanien - beim Blick auf den Spielplan der Fußball-WM könnte Herve Renard durchaus angst und bange werden. Doch so namhaft die Gegner auch sind, Marokkos Nationaltrainer tritt ihnen mit breiter Brust entgegen. "Ich mache keinen Hehl daraus: Wenn wir bei der WM schon nach der Vorrunde ausscheiden, wäre das eine riesige Enttäuschung", sagte dieser selbstbewusst.

Quälend lange 20 Jahre mussten die "Löwen vom Atlas" auf ein WM-Spiel warten, nun dürfen sie endlich wieder auf die Jagd. "Wir fahren nicht dorthin, um nur teilzunehmen", gab Renard die Marschroute vor, auch wenn in der Vorrundengruppe B das spanische Starensemble und die Portugiesen um Weltfußballer Cristiano Ronaldo klar favorisiert sind. Ein Sieg gegen Underdog Iran zum Auftakt ist da schon Pflicht.

Doch für diese schwere Aufgabe könnte es kaum einen geeigneteren Mann als Renard geben - der Trainer steht auf dem schwarzen Kontinent für Erfolg. Sowohl mit Außenseiter Sambia (2012) als auch mit der Elfenbeinküste (2015) gewann er die Afrikameisterschaft. Aufgrund seiner Vorliebe für weiße Designerhemden brachten ihm diese Kunststücke gar den Beinamen "weißer Zauberer" ein.

Auch im Königreich Marokko wirkte seine Magie schnell. Binnen kürzester Zeit nach seinem Amtsantritt im Februar 2016 gelang es dem 49-Jährigen, aus einer Mannschaft von technisch versierten Individualisten eine verschworene Gemeinschaft mit defensiver Disziplin und gutem Pressing zu formen. Genau dies soll auch in Russland das Erfolgsrezept sein.

"Gegen Spanien und Portugal, wo der Ball wie die Welle eines unaufhaltsamen Tsunamis durch das Mittelfeld auf die Seiten wandert, braucht man eine nahezu unüberwindbare defensive Festung", sagte Renard. Und eine solche hat der Franzose in Marokko errichtet. Ohne ein einziges Gegentor marschierten die Nordafrikaner durch die sechs Spiele ihrer Qualifikationsgruppe und sicherten sich die fünfte WM-Teilnahme.

Kopf dieses Defensivbollwerks und Renards Schlüsselspieler ist Medhi Benatia. "Medhi ist der Kapitän, mein Vertrauter, das Vorbild der Spieler und der Trainer auf dem Feld", lobte der Coach seinen Abwehrchef überschwänglich.

Damit meinte er eben jenen Benatia, der einst bei Bayern München nach zweijährigem Missverständnis als Flop abgestempelt und 2016 an Juventus Turin abgegeben wurde. Beim italienischen Rekordmeister fand der 31-Jährige zu alter Stärke zurück, im Nationalteam ist der gebürtige Franzose unumstrittener Führungsspieler.

Teil dieser Mannschaft könnte in Russland auch Amine Harit von Schalke 04 sein. Der nahe Paris geborene Spielmacher durchlief die Junioren-Nationalteams Frankreichs von der U18 bis zur U21, im September vergangenen Jahres entschied er sich aber für das Heimatland seiner Eltern. Nach einer ansprechenden Premierensaison in der Bundesliga darf sich der 20-Jährige große Hoffnungen auf eine WM-Nominierung machen.

Bei aller Vorfreude auf die WM hatte es jedoch zuletzt auch Unruhe gegeben. Medienberichten, er würde die Nationalmannschaft nach dem Turnier verlassen, trat Erfolgscoach Renard allerdings entschieden entgegen. "Ich fühle mich sehr wohl in Marokko", schrieb er in einem Statement: "Momentan beschäftigt mich nur, eine bestmögliche WM zu spielen, denn darauf haben die Menschen in Marokko 20 Jahre gewartet."

(sid)
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