WM 2018: Brasilien im Porträt

WM-Starter Brasilien im Porträt: Tite, Neymar und das 1:7 - Brasilien läuft heiß

Der Rekord-Weltmeister löste als Erster in der weltweiten Qualifikation das Ticket nach Russland. Und reist mal wieder als Favorit an.

Eigentlich ist es wie immer: Mit dem neuen Kulttrainer Tite und Superstar Neymar ist Brasiliens Selecao auch in Russland Titelkandidat. Das Ego wurde dank des phänomenalen Schlussspurts in der südamerikanischen WM-Qualifikation kräftig aufpoliert. Vergessen der Holperstart in die Eliminatorias. Abgehakt das 1:7-Trauma gegen Deutschland. Erst recht nach der 1:0-Revanche vor wenigen Wochen in Berlin.

"Bei meinem Amtsantritt war der Druck ein komplett anderer: Brasilien irgendwie zur WM zu bringen", erinnert Tite, der am 20. Juni 2016 Dunga nach dem blamablen Vorrunden-Aus bei der Copa America ablöste. Da stand der Rekord-WM-Champion in der Qualifikation mit nur zwei Siegen aus sechs Spielen auf Rang sechs, drohte die Zuschauerrolle in Russland, galt der Neuanfang nach der Heim-WM als gescheitert.

Der 57-Jährige legte jedoch den Schalter um. Es folgte der Quali-Durchmarsch mit zehn Siegen und zwei Unentschieden. Der Erfolgscoach ist als Motivator und für das Zusammenschweißen einer Gruppe bekannt. Fähigkeiten, mit denen er schon den SC Corinthians 2012 zum Libertadores-Cup-Champion und Klub-Weltmeister formte.

Tite hat für Russland eine Wunschelf im Kopf: Alisson - Daniel Alves, Marquinhos, Miranda, Marcelo - Casemiro - Philippe Coutinho, Paulinho, Renato Augusto, Neymar - Gabriel Jesus. Doch auf seine ideale Formation konnte er wegen Verletzungen und Sperren erst im 17. Anlauf zurückgreifen, im vergangenen November beim 0:0 in London gegen England.

Beim ersten Vergleich gegen einen Europäer seit März 2015 (!) verlor das wiederentdeckte "jogo bonito", die Schönspielerei, im flexiblen Abwehrsystem der Briten aber gleich seine Effizienz. Bleibt mal wieder die Erkenntnis: Talent allein, wie das eines Neymars, reicht vielleicht in Südamerika, aber nicht im Konzert der ganz Großen. Auch gegen Deutschland überwog nüchterner Fußball.

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Neymar ist weiter unangefochten Pulsgeber der Selecao, auch wenn der Superstar von Paris St. Germain im vergangenen Jahr mit drei Toren in acht Spielen nicht mehr alleiniger Unterhalter der Canarinhos war. Nach seinem Fußbruch und wochenlanger Pause kommt der 26-Jährige ausgeruht, aber ohne Rhythmus nach Russland.

Unter Tite wird die Verantwortung aber eh verteilt, einen festen Kapitän gab es bis zum WM-Turnier nicht. Die Defensive scheint immerhin wieder gefestigt. Bis zum 1:0 gegen Deutschland kassierte Brasilien unter Tite in nur fünf Spielen Gegentore, dabei nie mehr als einen Treffer.

Prunkstück bleibt jedoch die Offensive mit dem Juwel Gabriel Jesus, der für die Ablöse von 32,75 Millionen Euro zu Manchester City kam. Auch Philippe Coutinho (160 Millionen) und Paulinho (40 Millionen), für die der FC Barcelona fast die gesamte Verkaufssumme von Superstar Neymar (222 Millionen) auf den Kopf haute, sind glänzend aufgelegt.

Brasilien ist als einzige Nationalmannschaft der Welt Stammgast bei allen WM-Endrunden, konnte bei den bisherigen 20 Turnieren fünfmal den Siegerpokal hochstemmen, letztmals nach dem 2:0 gegen Deutschland im WM-Finale 2002. Weil aber der allerletzte Eindruck zählt, wären wir doch wieder beim Thema 1:7.

(sid)