Tagebuch zur WM 2018: Die Vorbereitung beginnt schon bei der Anreise

WM-Tagebuch: Die Vorbereitung beginnt schon bei der Anreise

Die ganz große WM-Stimmung ist noch nicht da. Dafür hat unser Autor auf dem Weg zum gemeinsamen Abflug mit der Nationalmannschaft nach Russland tapfer an seiner Form gearbeitet.

Weltmeisterschaften fangen manchmal unspektakulär an. Meine zum Beispiel. Sie beginnt an einem frischen Frühsommermorgen in Mönchengladbach, genauer gesagt: in Rheydt, das war früher und ist für manchen noch heute eine sehr wichtige geografische Eingrenzung. Der Geist der großen Fußball-Veranstaltung hat die Stadt noch nicht ergriffen. In den Supermärkten habe ich zwar schon Fanartikel gesehen, aber meine Straße ist noch nicht im WM-Modus. Wo der Nachbar vor zwei Jahren vor der EM in Frankreich die etwas angejahrte Deutschland-Fahne – der Farbgebung Grau-Rosa-Hellgelb nach aus den Zeiten des Sommermärchens – auf dem Balkon aufgezogen hat, da rankt nun einsames Grünzeug. Auf rund 200 Hausnummern kommt gerade mal ein großzügig geflaggtes Haus. Das aber kann sich sehen lassen. Für fünf Wochen oder zumindest so lange, wie unsere Jungs in Russland mitspielen, kann aus der oberen Etage niemand aus dem Fenster schauen.

An der Bushaltestelle steht niemand im Deutschland-Trikot, und gesungen wird auch nicht. Vielleicht wäre das um kurz vor sieben auch ein bisschen viel verlangt. Und dass der sogenannte Hauptbahnhof Rheydt Flair in irgendeiner Form verbreiten würde, darf wirklich niemand erwarten. Dieser Ort ruft sehr zuverlässig Fernweh hervor. Fernweh von dieser Art: bloß schnell weg hier.

Das klappt sogar vergleichsweise zuverlässig. Im Regionalzug nach Köln kommt zum ersten Mal so richtig Fußball-Stimmung auf. Im Abteil stehen wir so kompakt, dass nicht einmal ein Mexikaner durchkommen würde. Da sollte der Jogi Löw seine Jungs mal zur Vorbereitung auf große Aufgaben hinschicken. Zwei Wochen Intervalltraining zwischen Jüchen und Ehrenfeld, da weiß anschließend selbst der säumigste Dribbelbruder, wie die Räume eng gemacht werden.

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Am Kölner Hauptbahnhof ist das nur eine verblassende Erinnerung. Von WM und kompaktem Stehen keine Spur. Wahrscheinlich weil es hier ohnehin nur einen Fußballhelden gibt, der aber zurzeit in Japan praktiziert. Lukas Podolski fehlt mir schon jetzt. Draußen ziehen austauschbare Landschaften vorbei, jedenfalls, wenn der ICE nach Frankfurt nicht gerade durch eine Betonröhre rauscht. Am Nebentisch unterhält sich ein mittelaltes Paar über die Vorzüge der thailändischen Küche. Weder von Piroggen noch von eingelegtem Gemüse oder gar von russischer Fußballkunst ist die Rede.

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Der Flughafen gibt mir das ehrenwerte Gefühl, zu einer ganz wichtigen Gattung zu gehören. Am Counter stehen diverse Fernsehteams, die ihre Ausrüstung auf mehrere Gepäckwagen gestapelt haben und die gleich Bilder der Nationalspieler beim Einsteigen ins Flugzeug in die Welt senden werden. Das ist schon mal groß.

Ich darf auch dabei sein – gemeinsam mit vielen Kollegen, deren Leben sich wie meines in den kommenden Wochen in 90-Minuten-Rhythmen bemisst (gelegentlich noch mit Nachspielzeit und Elfmeterschießen), und ebenfalls vielen besonders wichtigen Fans der Nationalmannschaft. Manche von ihnen tragen bestimmt Trikots unter dem Golfpullover, aber sie singen zum Glück nicht.

Große Busse bringen uns aufs Vorfeld zur Flugmaschine. Der lange Weg dahin fühlt sich an wie eine Rundfahrt nach Rüsselsheim. Mindestens. Im Flugzeug dürfen wir warten, bis sich der Fußball-Adel zu uns gesellt. Durch das kleine Fenster hätte ich einige fast einsteigen gesehen. Ich bin natürlich ziemlich aufgeregt. So nah werde ich den Weltmeistern in den kommenden Wochen allenfalls mal in den Begegnungszonen der Stadien kommen. Der Flugkapitän ist genauso aufgeregt wie ich und fühlt sich geehrt, derart wertvolle Fracht befördern zu dürfen – das gilt dann eher den Spielern.

Aber ich freue mich einfach mal mit und denke mir etwas Olympisches. Dabeisein ist schließlich alles.

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