Nach „One Love“-Verbot DFB prüft rechtliche Schritte gegen Fifa

Al-Rajjan · Sieben Nationen wollten mit einer besonderen Kapitänsbinde bei der WM in Katar ein Zeichen für Toleranz setzen. Dem Weltverband Fifa war das zu politisch, er drohte mit Sanktionen. Der DFB prüft nun rechtliche Schritte.

"One Love"-Binde: DFB knickt ein und verzichtet - "Schämt euch" - Netzreaktionen ​
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„Standfestigkeit eines Wackelpuddings“

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Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Der DFB will sich im „One Love“-Zoff mit der FIFA nicht geschlagen geben und hat die nächste Eskalationsstufe im Visier. Dabei prüft der Deutsche Fußball-Bund (DFB) rechtliche Schritte gegen den Weltverband, damit Kapitän Manuel Neuer am Mittwoch im Spiel gegen Japan (14.00 Uhr ARD/MagentaTV) die umstrittene Binde doch noch tragen kann.

„Die FIFA hat uns ein Zeichen für Diversität und Menschenrechte verboten. Sie hat dies mit massiven Androhungen sportlicher Sanktionen verbunden, ohne diese zu konkretisieren“, sagte DFB-Sprecher Steffen Simon auf SID-Anfrage. Laut der Bild könnte der DFB vor den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) ziehen. Demnach werde die Möglichkeit eines sogenannten Antrags auf vorläufigen Rechtsschutz bei der Ad-Hoc-Division des CAS geprüft.

Der CAS teilte der Nachrichtenagentur AFP mit, dass er bisher „noch nichts erhalten“ habe. Grundsätzlich sollte der Fall aber laut Statuten erst einmal bei der FIFA-Beschwerdekommission landen. Für diese Art einer Auseinandersetzung gebe es beim CAS keinen Präzedenzfall.

Auch Bundestrainer Hansi Flick schaltete sich am Abend vor dem Auftaktspiel in die Debatte ein. Er finde es „schade, dass man für Menschenrechte nicht mehr einstehen darf“, sagte der 57-Jährige. Auch die Spieler seien „sehr, sehr unzufrieden und geschockt, dass so etwas nicht machbar ist, weil es ein Zeichen ist für Menschenrechte und Vielfalt“. Die Frage, ob das Team ein anderes Zeichen setzen werde, ließ Führungsspieler Joshua Kimmich offen.

Zuvor war bereits eine neue Dynamik entstanden. Denn erst flimmerte Claudia Neumann bunt in die Wohnzimmer, dann sprangen sogar die Sponsoren der Protestbewegung zur Seite. Nach dem WM-Verbot der „One Love“-Binde und der Kritik am abgeblasenen Aufstand des DFB gegen die FIFA hatte sich breiter Widerstand gegen das Gebaren der Fußballverbände formiert.

Als erster großer Sponsor beendete Rewe am Dienstag die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). „Die skandalöse Haltung der FIFA ist für mich als CEO eines vielfältigen Unternehmens und als Fußballfan absolut nicht akzeptabel“, sagte Firmenboss Lionel Souque in einer Mitteilung des Handelsriesen: „Wir stehen ein für Diversität - und auch Fußball ist Diversität. Diese Haltung leben wir und diese Haltung verteidigen wir - auch gegen mögliche Widerstände.“

Rewe sehe sich gezwungen, sich „in aller Deutlichkeit von der Haltung der FIFA zu distanzieren und auf seine Werberechte aus dem Vertrag mit dem DFB - insbesondere im Kontext der Weltmeisterschaft - zu verzichten“, hieß es weiter.

Gleichzeitig forderte der Sportartikelriese adidas als FIFA- und DFB-Partner eine liberale Haltung. „Wir sind davon überzeugt, dass Sport offen für alle sein muss“, teilte adidas-Sprecher Oliver Brüggen dem SID mit: „Wir unterstützen unsere Spieler*innen und Teams, wenn sie sich für positiven Wandel einsetzen. Sport bietet wichtigen Themen eine Bühne. Es ist unerlässlich, die Diskussion fortzuführen.“

Die Debatte hatte zuvor auch Claudia Neumann befeuert. Die ZDF-Kommentatorin zeigte mit Regenbogen-Shirt plus Binde jenes Rückgrat, welches Kritiker zuvor beim DFB und seinen Verbündeten vermisst hatten. „Ich möchte damit ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz setzen“, sagte Neumann, die beim Spiel zwischen den USA und Wales (1:1) in ihrer „Vielfalts“-Uniform mutig auf der Reportertribüne saß, dem SID.

Doch nicht nur Neumann forcierte die Diskussion. TV-Sender wie Pro7 zeigten das „One Love“-Symbol in ihrem Programm. Andere Medienvertreter schlossen sich weltweit dem Protest an. Auch in den Zeitungen war das Thema omnipräsent: „Liebe hat verloren, Hass hat gewonnen“, schrieb die Times, „Es ist beschämend“, urteilte der Schweizer Blick.

Zudem machen zahlreiche Politiker Druck. Linke und liberale Abgeordnete des Europarlaments, die zum Teil mit der „One Love“-Binde am Arm redeten, sprachen unter anderem von einer „WM der Schande“ und forderten den Rücktritt von FIFA-Chef Gianni Infantino.

US-Außenminister Antony Blinken findet es „immer besorgniserregend, wenn wir Einschränkungen der Meinungsfreiheit sehen“. Heftige Kritik an der FIFA kamen auch von Innenministerin Nancy Faeser („sehr befremdlich“) und den Ex-Nationalspielern Thomas Hitzlsperger („Am Ende geht es um Infantinos Machterhalt“) sowie Christoph Kramer („Die FIFA ist ein Wahnsinns-Verein“).

Für Nationalspieler Leon Goretzka, der sich bei den Zeitungen der Funke Mediengruppe äußerte, ist das FIFA-Verbot „nicht nachzuvollziehen“. Niclas Füllkrug verurteilte es in der Augsburger Allgemeinen als „enttäuschende Entscheidung“. Der Freiburger Christian Günter gab in der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten zu Protokoll, dass er es wie Faeser „befremdlich“ findet.

(dpa/old)
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