Zustand des DFB-Teams Weit weg von Weltklasse und den eigenen Ansprüchen

Saarbrücken · Der deutsche Team konnte bei der WM die selbst gesteckten Ziele und Ansprüche nicht erfüllen. Hansi Flick und sein Trainerstab haben die Anforderungen dieses Turniers falsch eingeschätzt. Die Selbstwahrnehmung der Spieler ist weit entfernt von der Realität.

WM 2022, Einzelkritik: Costa Rica – Deutschland: die DFB-Elf in Noten​
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Costa Rica – Deutschland: die DFB-Elf in Noten

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Foto: AFP/INA FASSBENDER

Wer einen Profifußballer kurz nach dem Spiel fragt, warum Dinge nicht funktioniert haben oder warum man aus einem Turnier ausgeschieden ist, der sollte die Antworten nicht unbedingt ernst nehmen. Oder zumindest vernünftig einordnen. Zu hoch ist der Adrenalinspiegel, und Sätze, in der Emotionalität einer Niederlage oder eines Ausscheidens ausgesprochen, treffen die Wahrheit nur allzu selten. Und so gingen die Antworten der deutschen Nationalspieler, von Bundestrainer Hansi Flick und Teammanager Oliver Bierhoff am Donnerstagabend nach dem Aus bei der WM in Katar zumeist am Kern der Sache vorbei. Gut gespielt habe man, hieß es da sinngemäß, die DFB-Auswahl hätte ihren Job gemacht und mit zwei Toren Unterschied gegen Costa Rica gewonnen und damit ihre Pflicht erfüllt.

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Foto: AP/Martin Meissner

Wenn dann aber Thomas Müller sagt, ein Sieg der Japaner gegen Spanien sei nicht realistisch gewesen, dann kommen wir der Sache schon näher. Es ist mehr als offensichtlich: Zwischen der Selbstwahrnehmung vieler deutscher Nationalspieler und der Realität klafft ein Loch, das mindestens so groß ist wie die Abwehrlücken der DFB-Auswahl in den Spielen gegen Japan und Costa Rica. Die Feststellung von „Radio Müller“, dass man gegen Costa Rica (4:2) seine Hausaufgaben gemacht hat, gegen Spanien (1:1) sehr ordentlich unterwegs war und gegen Japan (1:2) halt nur das Ergebnis nicht gestimmt hat, ist denn auch weniger als nur die halbe Wahrheit.

Jeweils zwei Gegentore gegen Japan und Costa Rica verdeutlichen: Hinten hat es bei den Deutschen in Katar überhaupt nicht gepasst. Antonio Rüdiger als Abwehrchef war sicher kein schlechter Griff von Hansi Flick. Aber egal wie Flick dessen Nebenleute auch sortierte – ein Gefühl der Sicherheit strahlte die DFB-Abwehr nie aus. Niklas Süle bewies, dass er eben nicht der Weltklasse-Innenverteidiger ist, den viele ihn ihm vor einiger Zeit gesehen haben, Nico Schlotterbeck, David Raum und Thilo Kehrer genügen allenfalls guten Bundesliga-Ansprüchen.

Apropos Anspruch: Wer Joshua Kimmichs Karriere in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß: Der eigene Anspruch des Mittelfeldspielers ist es, das Spiel seiner jeweiligen Mannschaft zu lenken. Das, was der Stratege in Katar ablieferte, ging weit an seinem eigenen Anspruch vorbei. Und dass er sich gegen Costa Rica von der ihm diesmal zugeteilten rechten Außenverteidiger-Position während des Spiels immer mehr ins Mittelfeld stahl, sorgte für Löcher in der Abwehr – und spricht auch durchaus für ein Autoritätsproblem mit dem Bundestrainer.

Auffällig in der Analyse der drei Vorrundenspiele ist auch, dass sich keine Mannschaft bei dieser WM mehr Torchancen erspielte als Deutschland – mit großem Vorsprung übrigens. Serge Gnabry, Leroy Sané, Jamal Musiala – der starke Bayern-Offensivblock kreierte viel, keine Frage. Alleine Musiala, diesem Juwel, zuzuschauen, war ein Genuss. Aber die Effektivität ließ mehr als nur zu wünschen übrig – nicht nur bei Musiala, dem sein erstes WM-Tor so sehr zu gönnen gewesen wäre. Wenn sich Hansi Flick einen Vorwurf gefallen lassen muss, dann mit Sicherheit den, dass er mit Thomas Müller als einzige Sturmspitze im zweiten und dritten Spiel definitiv den falschen Griff gemacht hat.

Auf der Hand liegt auch: Flick und sein Trainerstab haben diese WM im Vorfeld falsch eingeschätzt. Im Unterschied zu früheren Turnieren war das Turnier in Katar eine „Form-WM“, weil es keine Zeit in der Vorbereitung gab, eine Mannschaft zu formen, mit ihr Abläufe einzustudieren, Spieler in der täglichen Arbeit im Niveau anzuheben. Niklas Füllkrug kam topfit und mit breiter Brust zur WM – und traf, wenn er eingewechselt wurde. Matthias Ginter führte als überragender Abwehrchef den SC Freiburg auf Platz zwei in der Bundesliga – und durfte in der 93. Minute gegen Costa Rica seine ersten WM-Minuten bei seinem bereits dritten WM-Turnier absolvieren. Mats Hummels spielte in Dortmund eine der besten Hinrunden seiner Karriere – durfte aber gar nicht mit. Auch das gehört zur Wahrheit des bitteren, aber verdienten Ausscheidens dazu.

Katar war das erste große Turnier für Hansi Flick als Cheftrainer. Es sollte aber, bei einen Fehlern, die gemacht wurden, nicht sein letztes bleiben. 19 Monate bleiben Flick, um die Baustellen im deutschen Team zu beackern, bevor bei der EM 2024 im eigenen Land ansteht. Diese Chance sollte er bekommen – und er will sie, nach allem was man so hört, auch wahrnehmen. Hoffnung macht, dass wir bei der Heim-EM schon mal nicht auf Japan und Costa Rica treffen können.

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